Wie Fritz+Fränzi laufen lernte

Die Schweiz hat kein Ministerium für Familien. Aber seit 20 Jahren einen engagierten Ratgeber für Eltern von schulpflichtigen Kindern. Die Geschichte von Fritz+Fränzi ist ein Lehrbeispiel für Mut, Leidenschaft und Engagement.

Text: Ellen Ringier
Bilder: Maurice Haas / 13 Photo

Meine Töchter waren zehn und acht Jahre alt, als ich 2001 meinen 50. Geburtstag feierte. Nichts deutete auf die Pubertätskrisen hin, die mein Mann und ich in nicht allzu fernen Zeiten zu bewältigen haben würden. Unsere Welt war (noch) heil!

Und trotzdem schien es mir, dass Eltern zu sein sich mit jedem Jahr schwieriger gestaltete, schwieriger jedenfalls als Eltern zu werden.

In den Schulen meiner Kinder nahm die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder in gleichem Mass zu wie die Zahl der gestressten Lehrer. Die Elternabende wurden mit jedem Jahr besser besucht und mir kam es vor, als seien einige Eltern ausgesprochen fordernd – weil überfordert.
Was, so fragte ich mich damals, ist zu tun? Wie so oft im Leben half der Zufall. In Form einer um einiges jüngeren Werbefachfrau, alleinerziehende Mutter zweier Töchter im Alter der meinen: Sabine Danuser. «Lass uns zusammen ein Elternmagazin zu Erziehungsfragen herausgeben», schlug sie mir vor. Ein Ratgeber, der die wirklich drängenden Fragen der Eltern von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen beantworten sollte. Keine Themen rund um die Geburt, keine Antworten auf wunde Kinderpopos, keine Rezepte, Rätsel, Kindermode und dergleichen, wie sie in allen kommerziellen Magazinen zu finden waren und sind.
Die Suche nach einem Namen war schwierig. Zur Auswahl standen ‹Saugoofen› und ‹Max und Moritz›.
Rechnet mit Millionenverlusten
Die Herausgeberin sollte eine Stiftung sein, eine Nullnummer wurde gebastelt. Ich konsultierte einen Verlagsprofi, der uns einen jährlichen Millionenverlust in Aussicht stellte. Doch Sabine und ich hatten nur eine Sorge: Wie sollten wir unser Elternmagazin nennen?

Es war der damals bekannte Werber Hermann Strittmatter, der uns nach einem Brainstorming auf die Sprünge half: «Es geht um Kinder und Jugendliche, die man Saugoofe nennen würde, das sollte daher der Titel sein!» Auf dem Heimweg redeten Sabine und ich uns in Rage: Ja, wir würden unsere Kinder unter Umständen Saugoofen nennen, was aber denken Eltern, wenn ihre Kinder und Jugendlichen so bezeichnet werden? Wir mussten uns etwas anderes einfallen lassen. «Eltern-Ratgeber» kam uns zu bieder vor. Vielleicht «Max und Moritz»? Es mag ja sein, dass zu Wilhelm Buschs Zeiten (er schrieb das Buch 1865) nur Jungs zu Streichen aufgelegt waren – 2001 waren die Mädchen in Sachen Erziehungsprobleme definitiv gleichberechtigt. Und so suchten wir nach zwei Namen, die für beide Geschlechter einen frechen Klang hatten: «Fritz+Fränzi» war geboren.

20 Jahre später kann ich mich nur wundern, wie wir es geschafft haben, von 2001 bis 2009 sechs Ausgaben jährlich mit nur drei fest angestellten Mitarbeitern zu publizieren! Als Herausgeberin kümmerte ich mich um den Vertrieb und die Anzeigen. Wir schafften es, die kantonalen Erziehungsdirektoren davon zu überzeugen, dass die Schulen unser Elternmagazin den Eltern abzugeben hätten. Später wurde der damalige und langjährige Präsident des LCH, Beat W. Zemp, unser Vertriebspartner.

Raiffeisen, Manor, Amag, Otto’s und Coop gehörten zu den ersten Anzeigenkunden, die das Magazin mitgetragen haben – manche sogar mit einem finanziellen Beitrag obendrauf. Meine telefonischen Bemühungen, Anzeigen zu schnorren, gestalteten sich eher schwierig. Häufige Reaktion auf die Antwort, wer ich sei: «Ja, vom Ringier, das habe ich verstanden, aber wie lautet ihr Name?» Dass die Frau des bekannten Verlegers selber Anzeigen akquirierte, taten viele anfänglich als Scherz ab.

Inhaltlich konnten wir uns von Beginn weg auf Beiträge unserer Inhaltspartner SVEO (Schweizerische Vereinigung der Elternorganisationen), Pro Juventute, MMI (Marie-Meierhofer-Institut für das Kind) und S&E (Schule und Elternhaus) verlassen. Deren Kompetenz in Erziehungsfragen machte Fritz+Fränzi schnell zum richtigen Erziehungsratgeber.
Armutsrisiko Kind
Und bei allem tat ich – mein Beruf ist Juristin – schamlos so, als verstünde ich etwas vom Verlags-wesen. Oder gar von Erziehung!

«Armutsrisiko Kinder – Was sie kosten, fordern, verprassen» hiess der erste Titel im September 2001. «Jetzt reichts! – Wenn Kinder uns an unsere Grenzen bringen» der zweite.
Eine freche Schlagzeile gefällig? Voilà: ‹Legal, illegal, scheissegal: Die Jugend berauscht sich.›
Ich kenne bis heute niemanden, der so frech titeln konnte wie Sabine Danuser. Was halten Sie von «Friss oder stirb! – Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen» oder «Dumm und frech – Schulschwächen und Verhaltensauffälligkeiten» oder «Störfall Kind? – Paare mit schulpflichtigen und älteren Kindern berichten über ihre Entwicklung»? Weitere Beispiele gefällig? «Väter – Konkurrenzkampf zwischen Familie, Beruf und ich», «Grosseltern – Alte Freunde», «Rabeneltern – Spagat zwischen Beruf und Familie», «Klasse und Rasse – Faktoren der Chancengleichheit» oder «Legal, illegal, scheissegal: Die Jugend berauscht sich».
Mit dem Titel ‹Suizid› schossen wir übers Ziel hinaus: Das Heft erzürnte viele Eltern und Lehrer.
Wir schüttelten uns oft vor Lachen, auch wegen der Titelfotos! Unvergesslich der «Geldfresser» oder «Feindbild Lehrer». Einmal waren wir ganz offensichtlich zu weit gegangen. Unser Cover «Mein letzter Wille – Wenn Jugendliche nicht mehr leben wollen» zeigte ein junges Mädchen mit einem von einem Strick um den Hals herrührenden Abdruck, den man kaum als Halskette interpretieren konnte. Es ging um das Thema Jugendsuizid. Die Zahl der Hefte, die uns Lehrpersonen und Eltern erbost zurückschickten, hatte uns beinahe erschlagen. Wir zogen eine Lehre daraus.

In den 20 Jahren des Bestehens von Stiftung und Magazin mussten wir öfters und mehr, als uns lieb war, um jeden Rappen kämpfen. Ein Defizitjahr jagte das andere! Die Nächte wurden allzu oft zum Tag, Ferien machten Sabine Danuser und ich nur, um an einem anderen Ort – dem Ferienort – Tag und Nacht weiterzuarbeiten.
Aufgeben kam nicht in Frage
Und unsere Töchter kamen zu allem Übel in die Pubertät. Meine fröhliche, nicht «unterzukriegende» Kollegin und ich kamen nun auch zu Hause ganz schön unter die Räder …

Die Auflage von Fritz+Fränzi stagnierte, die Einnahmen aus Anzeigen reichten nicht, Defizite machten mir trotz Spendern und Sponsoren das Leben schwer. Das Start-up drohte zu scheitern. Aber Aufgeben kam nicht in Frage.
In den 20 Jahren des Bestehens von Stiftung und Magazin mussten wir öfters um jeden Rappen kämpfen.
Endlich gestand ich mir ein, dass ich eine professionelle Verlagsleitung brauchte, weil das Projekt Fritz+Fränzi sonst im Desaster zu enden drohte. In der Person von Thomas Schlickenrieder fand ich im September 2008 den rettenden Verlagsleiter (und späteren Geschäftsführer der Stiftung Elternsein). Plötzlich gab es eine Auflagensteuerung, ein Persona­l­wesen, das seinen Namen verdiente, ein Redaktionsbudget, das nicht vom ersten Tag an als Makulatur galt. Und vieles mehr.
Endlich gestand ich mir ein, dass ich eine professionelle Verlagsleitung brauchte.
Wenn ich ab und zu zum Verlag meines Mannes hinüberschiele, wird mir bewusst, auf wie viele Unternehmensdienstleistungen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verzichten müssen. Ein Start-up wie unser Elternmagazin konnte nur gelingen, weil jeder sich mit Pioniergeist voll eingebracht hat: viel Arbeit und wenig Lohn!

Heute ist Fritz+Fränzi erwachsen geworden (meine Töchter übrigens auch), unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter Chefredaktor Nik Niethammer sind Vollprofis. Ich bin zwar um eine grossartige Erfahrung reicher, doch finanziell substanziell ärmer, mindestens 20 Jahre älter und ganz offensichtlich grauhaarig geworden – und glücklich, dass unser Elternmagazin zu einem unverzichtbaren Ratgeber für so viele Eltern geworden ist!
Ellen Ringier präsidiert die Stiftung Elternsein. Sie ist Mutter zweier Töchter und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich.

Ellen Ringier präsidiert die Stiftung Elternsein. Sie ist Mutter zweier Töchter und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich.
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  • Wir sind erwachsen!
    20 Jahre Fritz+Fränzi: das sind 167 Hefte und rund 4500 Texte. Klicken Sie sich durch die Jahre, staunen Sie über kühne Covers («Störfall Kind»), provokante Titelgeschichten («Friss oder stirb») und spektakuläre Illustrationen («Mein letzter Wille»). Die Redaktion wünscht Ihnen eine kurzweilige Zeitreise.
  • Die erste Ausgabe von Fritz+Fränzi
    Zum 20-jährigen Jubiläum von Fritz+Fränzi öffnet die Stiftung Elternsein ihr digitales Archiv. Lesen Sie die erste Ausgabe unseres Elternratgebers mit dem Thema «Armutsrisiko Kinder». Das Heft erschien am 3. September 2001, umfasste 84 Seiten und kostete 4 Franken.
  • Quiz: Wie gut kennen Sie Fritz+Fränzi?
    Im Rahmen unseres 20-jährigen Jubiläums wollen wir Sie testen: Wie gut kennen Sie Fritz+Fränzi? Zu gewinnen gibt es 20 Jahresabos zusammen mit dem neuen ElternPass!