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Psychologie

«Kinder sind gute Trauernde»

Kinder gehen mit Verlust und Trauer anders um als Erwachsene. Die Trauerbegleiterin Beate Weber erklärt, wie Kinder trauern und wie Eltern merken, ob ihr Kind zusätzliche Hilfe beim Trauerprozess braucht. 
Interview: Claudia Füssler
Bild: Kat Jayne & Pexels

Frau Weber, wie lernen Kinder trauern?

Wir Erwachsenen sind ihre Vorbilder. Kinder begegnen dem Thema ja schon sehr früh und stellen ihre Fragen völlig unbefangen. Es ist dann entscheidend, wie wir mit solchen Situationen umgehen. Wenn ein Kind beispielsweise mit zwei Stecken einen toten Igel umdreht und erstaunt feststellt, wie viele Würmer in dem Tier krabbeln, sollten wir als erwachsene Begleiter nicht in Panik verfallen. Denn das Erschrecken kommt auch unterschwellig herüber, da werden Kinder schon beeinflusst. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir non-verbal sehr viel mehr vermitteln als verbal. Es ist egal, was ich erzähle, wenn das Kind über mein Verhalten eine ganz andere Botschaft bekommt. Man muss aber auch sagen: Von Natur aus sind Kinder zunächst einmal gute Trauernde.

Was heisst das?

Kinder trauern kurz und heftig, sie verharren nicht so lange in einem Stadium wie Erwachsene. Darüber erschrecken Eltern oft, weil sie die Trauer der Kinder mit der eigenen vergleichen, die sie als «normal» im Kopf abspeichern. Dass Kinder in Phasen direkt nach dem Tod auch ausgelassen und fröhlich sein können, irritiert viele.
«Einem trauernden Kind stellt man am besten Fragen: Was glaubst du, wo Mami jetzt ist? Wie stellst du dir den Himmel vor?»

Umgekehrt sind Kinder auch irritiert, wenn sie die ihnen vertrauten Erwachsenen plötzlich in einer Ausnahmesituation erleben. 

Das stimmt, und genau deshalb ist hier ein offenes Miteinander so wichtig. Kinder sind ganz tolle Tröster, wenn man sie lässt. Die Empathie und Anteilnahme am Leid des anderen ist in jedem von uns angelegt. Das Schlimmste, was man machen kann, ist so zu tun, als sei nichts. Das Kind sieht ja, wie es einem geht, es nimmt etwas wahr und bekommt als verbale Botschaft: Du nimmst falsch wahr, da ist nichts. Und es wird abgelenkt. Stattdessen sollte man es teilhaben lassen an der eigenen Trauer und gleichzeitig vermitteln, dass dies ein Zustand ist, der vorbeigeht. So wie sich draussen in der Natur ständig alles verändert – ewiges Glück gibt es
nicht.

Wie gehen Lehrpersonen am besten mit Kindern um, die einen Todesfall in der Familie haben?

Das ist leider an vielen Schulen kein Thema, Lehrpersonen und Erziehende erhalten kaum Weiterbildungen für solche Situationen. Dabei ist es sehr wichtig, dass auch sie sich hinterfragen, was ihre eigenen Erfahrungen und ihr Standpunkt zum Thema sind. Ich würde immer mit der Familie sprechen und das Kind fragen, ob es darauf angesprochen werden möchte oder nicht. Und zwar nicht nur direkt nach dem Todesfall. Manche Kinder wollen erst Wochen später darüber reden, wenn die Trauer nach dem ersten Schock richtig aufbricht. Doch dann fragt keiner mehr, es ist ja schon zu lange her. Das sehe ich als generelles Problem in unserer Gesellschaft.
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Woran merke ich, dass ein Kind zusätzliche Hilfe beim Trauerprozess braucht?

Ein wichtiges Alarmsignal sind Selbstverletzungen. Auch wenn ein Kind sich sehr lange nach dem Todesfall noch immer zurückzieht, einsam und isoliert ist, nicht mit Freunden spielt, würde mich das stutzig machen. Bei Jugendlichen sollte man ebenfalls schauen, wie gut vernetzt sie sind, wo sie mögliche Gesprächspartner haben. Es ist nämlich nicht gesagt, dass in einer solchen Situation nur Familienmitglieder am besten helfen können. Fachpersonen, die von aussen kommen, können oft stark unterstützen.

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