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Familienleben

Frau Nosetti-Bürgi, wie können Familien den Tod eines Elternteils überwinden?

Mütter und Väter, die ihren Partner verlieren, sind doppelt belastet. Sie müssen ihre Kinder durch die schwere Zeit tragen und zugleich ihren eigenen Verlust verarbeiten. Wer Hilfe annimmt und der Trauer genügend Raum gibt, kann diesen Balanceakt bewältigen, sagt die Psychologin Daniella Nosetti-Bürgi.
Interview: Evelin Hartmann
Frau Nosetti-Bürgi, wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist das ein schwerer Schicksalsschlag. Welche besonderen Sorgen und Probleme hat eine Mutter, ein Vater, wenn sie oder er nach dem Verlust des Partners mit den Kindern zurückbleibt?

Betroffene Mütter oder Väter stehen vor einer doppelten Herausforderung, zum einen müssen sie loslassen und ihre eigene Trauer durchleben, zum anderen die Kinder in ihrem Trauerprozess unterstützen und begleiten. Das führt nicht selten dazu, dass die eigene Trauer erst einmal unterdrückt oder hinten angestellt wird, der Kinder wegen. Ausserdem sind die Alltagsaufgaben, die man sich bisher geteilt hatte, auf einmal allein zu bewältigen. Deshalb ist die Unterstützung aus dem Umfeld, durch beispielsweise Eltern, Geschwister, Freunde und Nachbarn, überlebenswichtig.

Hilft einem diese doppelte Verantwortung nicht auch schneller in den Alltag zurückzufinden?

Das ist schon so. Die Aufgabe für die Kinder da zu sein, ein normales Leben aufrecht erhalten zu müssen, hilft den meisten Betroffenen. Andererseits kann der Raum für die Trauer dadurch zu eng werden. Es ist wichtig, dass der Witwer, die Witwe, sich immer wieder Zeitinseln für sich selbst schafft.

Was bedeutet der Verlust für die Kinder ?

Der Verlust der Mutter ist wohl die grösste Katastrophe, welche einem Kind begegnen kann. In der Regel ist die Mutter die wichtigste Bezugsperson, zu der die stärkste Bindung besteht und welche die meiste Lebenszeit der Kinder präsent ist. Sie bedeutet Geborgenheit, Unterstützung und Schutz. Aber natürlich ist auch der Verlust des Vaters sehr einschneidend. War der Vater zu Hause sehr engagiert und präsent, besteht auch zu ihm eine ebenso starke emotionale Bindung. Und gerade für Buben bricht mit ihm die Identifikationsfigur weg. Der Vater verköpert Sicherheit, er ist die Stütze der Mutter. Nicht wenige Kinder versuchen diese Lücke zu schliessen …

… und haben selbst keine Zeit zu trauern.

Das kann vorkommen. Aber grundsätzlich trauern Kinder – wie Erwachsene auch – sehr individuell. Es gibt Kinder, die viel weinen, Nähe suchen, andere ziehen sich eher zurück, zeigen keine Trauer, wieder andere spielen Sterben oder Beerdigung. Es kann sein, dass nach Monaten das Thema wieder aufkommt, Fragen gestellt werden. Vielleicht gerade dann, wenn der lebende Elternteil mehr Distanz gewonnen hat. Die Belastung kann sich in einer Verschlechterung der Schulleistungen niederschlagen oder in aggressivem Verhalten. Gerade Jugendliche können zeitweise mit Wut reagieren oder in die virtuelle Welt flüchten.

Wie können Kindern die ersten Tage, Wochen, Monate erleichtert werden?

Kinder brauchen gerade in dieser Zeit besonders viel Sicherheit und Halt. Eine Patientin hat mir beispielsweise gesagt, dass es ihren Kindern sehr geholfen habe, so lange bei ihr schlafen zu dürfen, wie sie möchten. Ausserdem sollten Kinderfragen rund um das Thema Tod ehrlich und altersgerecht beantwortet werden. Auch, wenn diese immer wieder gestellt werden.

Kann man Kindern und Teenagern den Besuch am Krankenbett oder den Abschied in der Leichenhalle zumuten?

Natürlich muss das situativ und ganz individuell entschieden werden. Aber grundsätzlich sollen Kinder alle Schritte im Sterbeprozess und danach miterleben können. Dazu gehört der Besuch am Krankenbett, der Abschied beim Leichnam, die Bestattung. Dieses Miterleben ist für die Trauerarbeit wichtig und hilfreich. Auch Rituale, wie das regelmässige Anzünden einer Kerze für den Verstorbenen, geben Halt.

Wann wird es leichter?

Ab dem zweiten Jahr spüren viele Hinterbliebene so etwas wie eine «erste dünne Schicht Gras», die über ihre Wunde zu wachsen beginnt. Während den folgenden Jahren ist diese Wunde aber weiterhin sehr präsent und immer wieder schmerzhaft spürbar, jedoch in abnehmender Intensität. Wenn der Verlust gesund betrauert werden kann, finden die Hinterbliebenen allmählich zur Lebensfreude zurück. Denn die gute Nachricht ist: Trauer ist unsere Fähigkeit, Verluste verarbeiten und den Weg zurück ins Leben finden zu können.

Daniella Nosetti-Bürgi
Daniella Nosetti-Bürgi ist Psychotherapeutin und begleitet in ihrer psychotherapeutischen Praxis Sterbende sowie deren Angehörige.

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