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Psychologie

Herr Plüss, leiden Kinder unter ihrer Hochsensitivität?

Dünnhäutig und überempfindlich? Entwicklungspsychologe Michael Plüss über Vorurteile gegenüber hochsensiblen Menschen und die Frage, wie man ihnen am besten begegnet.
Interview: Claudia Landolt
Bild: Kyle Myles

Herr Plüss, wie finde ich heraus, ob ich hochsensitiv bin?

Der gängige Weg verläuft über das Ausfüllen eines Tests: eines Frage­bogens, der auf Selbsteinschätzung basiert; bei kleinen Kindern auf der Einschätzung durch die Eltern. Der Fragebogen liefert ein Resultat mit Hinweischarakter. Für eine genaue­re Einschätzung braucht es weitere Interviews und Abklärungen.

Wie erklären Sie den Begriff der Hochsensitivität?

Hochsensitivität ist die starke Aus­prägung eines Persönlichkeitsmerk­mals, nämlich der Fähigkeit, die Umwelt wahrzunehmen und Ein­drücke zu verarbeiten. Jeder Mensch ist sensitiv, entscheidend ist aber die Ausprägung. Dabei ist hochsensitiv nicht dasselbe wie sehr sensitiv. Gemäss unserer Forschung lassen sich Menschen in drei Kategorien von Sensitivität einordnen. Es gibt die durchschnittlich sensitiven Men­schen, das sind ungefähr 41 bis 47 Prozent aller Menschen. Weitere 20 bis 35 Prozent sind grundsätzlich weniger sensibel und 25 bis 35 Pro­zent sind hochsensibel.
Zur Person: Michael Plüss ist ein Schweizer Entwicklungspsychologe und Professor an der Queen Mary University of London. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Hochsensitivität bei Kindern. 2019 leitet er ein Forschungsprojekt im Kanton Tessin zur erhöhten Sensibilität von Schulkindern im ersten Schulzyklus.
Zur Person: Michael Plüss ist ein Schweizer Entwicklungspsychologe und Professor an der Queen Mary University of London. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Hochsensitivität bei Kindern. 2019 leitet er ein Forschungsprojekt im Kanton Tessin zur erhöhten Sensibilität von Schulkindern im ersten Schulzyklus.

Fast alle Betroffenen berichten, dass das Wissen um die eigene Hochsensitivität erleichternd ist.

Das ist sehr verständlich. Ein solches Ergebnis kann helfen, das eigene Empfinden besser einzuordnen und dann das Leben mehr der Veranla­gung entsprechend zu gestalten: bei­spielsweise die Ansprüche, die von aussen an einen herangetragen wer­ den, besser von den eigenen Ansprüchen abzugrenzen, mehr auf die eigene Intuition zu hören, den eige­nen Rhythmus kennenzulernen, ihn zu akzeptieren und schliesslich das Leben danach auszurichten.

Ist es in der heutigen Gesellschaft ein Makel, hochsensitiv zu sein?

Hochsensitivität ist als Veranlagung weder positiv noch negativ zu bewer­ten. Je nachdem, wie das Leben spielt, welche Erfahrungen man macht, kann es für Hochsensitive einfacher oder schwieriger sein, mit dieser Veranlagung zu leben. Hoch­sensitive können mit ein paar Stra­tegien ganz gut durch den Alltag kommen.
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Kritiker sagen, Hochsensitivität sei eine freundlichere Umschreibung für einen neurotischen Charakter. 

Neurotizismus, also emotionale Labilität und Verletzlichkeit, äussert sich etwa darin, grundsätzlich eher ängstlich zu sein. Obwohl Neuroti­zismus und Hochsensitivität gewisse Ähnlichkeit haben, sind es unter­schiedliche Dimensionen der Persönlichkeit. Hochsensibilität darf auch nicht mit Introversion oder Ängstlichkeit gleichgesetzt werden, das würde dem Phänomen nicht gerecht. Es gibt auch hochsensitive Menschen, die emotional stabil und extrovertiert sind.

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