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Elternbildung

Hochsensitiv – mehr als nur empfindlich?

Manche Menschen ermatten schneller, halten Lärm weniger gut aus oder nehmen sich vieles zu Herzen. Das sind Eigenschaften, die zum Phänomen der Hochsensitivität oder Hochsensibilität gehören. Wie lebt es sich damit?
Text: Claudia Landolt
Bilder: Kyle Myles
Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause und müssen sich zuerst eine Stunde hinlegen, egal was Ihre Freunde oder Ihre Familie dazu sagen. Über eine saloppe Bemerkung eines Bekannten denken Sie tagelang nach. Ein überfüllter Bus, ein Pend­lerzug, ist für Sie unerträglich. Und: Ihnen kommen schnell die Tränen. Als Kind nannte man Sie «Heulsu­se», Sie empfinden sich selbst als «Mimose».

Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann gehören Sie vielleicht zu den 20 Prozent der Menschen, die emp­findsamer sind als andere. Genauer: Sie sind hochsensitiv*. Es ist ein Begriff für ein Phänomen, das vor 20 Jahren erstmals bekannt wurde und heute in Form von Ratgeberbüchern und Coaching-­Program­men für besonders Feinfühlige den Markt flutet. Endlich gibt es eine Erklärung für das, was manche schon immer spürten, für das sie aber bisher keinen Namen hatten.

* Die Worte «hochsensitiv» und «hochsensibel» werden oft synonym verwendet. Wir beschränken uns auf den Begriff «hochsensitiv», weil diese Übersetzung des englischen Ausdrucks «high sensitivity» im wissenschaftlichen Kontext bevorzugt wird.
Hochsensitiv: Das klingt so positiv, so vielverspre­chend, so harmlos.
Und in gewissen Elternkreisen wird die Aussage «Übrigens, mein Kind ist hochsensitiv» als Auszeichnung taxiert. Man ist erleichtert, dass das stets sehr unruhige, bei Aufgaben unkonzentrierte und in Prüfungen tendenziell leistungsschwache Kind keine Aufmerksamkeit­ oder Hyperaktivitätsstörung hat, sondern «nur» hochsensitiv ist. Hochsensitiv: Das klingt so positiv, so vielverspre­chend, so harmlos.

Ein Irrtum. Denn Hochsensitivi­tät wird von vielen Betroffenen kei­neswegs als erstrebenswerter Charakterzug erachtet. Hochsensitivität ist eine ganz bestimmte Ausprägung verschiedener Persönlichkeitsmerk­male, eine angeborene, meist vererb­te Verhaltensform mit situations­bedingten Vor­- und Nachteilen. Es ist aber keine psychische Störung und auch keine physische Krankheit.

Wie äussert sich Hochsensitivität bei Erwachsenen und bei Kindern, und wie erkennt man sie? Welche Vorteile gibt es, hochsensitiv zu sein, und welche Nachteile? Wie findet man heraus, ob man hochsensitiv ist? Und welche Strategien gibt es für Eltern und Kinder im Alltag? Diesen Fragen wollen wir in diesem Dossier nachgehen.
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Matteo spielt nicht mit – weil der Wecker klingelt

Das Schwierigste vorweg: Hochsen­sitivität ist ein Phänomen, das sich zwar definieren lässt – aber dennoch schwer erkennbar ist. Gerade weil es so viele verschiedene Ausprägungen davon gibt, ist es nur schwer festzustellen.

Ein Beispiel: Levi wird sieben Jahre alt und feiert eine rauschende Party. Viele Freundinnen und Freunde kommen, sie hüpfen bereits überdreht zur Tür hinein, wollen Kuchen essen, spielen. Die Stimmung ist heiter. Geschenke werden ausgepackt und Unmengen an Süssigkeiten verdrückt. Nur ein Kind beteiligt sich an keinem Spiel und stopft sich keine Smarties in den Mund: Matteo. Er bleibt am Tisch sitzen und beobachtet. Plötzlich sagt er zu seiner Mutter, die mitgekommen ist: «Dort oben ist etwas, Mama.» Die Mutter lauscht. Durch den Lärmpegel hört sie ein sehr, sehr leises «Biiiep-biiiep-biiiep». Es ist ein Wecker. Matteo hat das Geräusch eines klingelnden Weckers in einem weit entfernten Zimmer als Einziger gehört.
Hochsensitive Kinder haben ein grosses Wahrnehmungsvermögen.
Hochsensitive Kinder haben ein grosses Wahrnehmungsvermögen.

Die erhöhte Reizwahrnehmung

Wahrnehmen, was andere nicht vermögen: Das ist typisch für Hochsensitive, egal ob Kinder oder Erwachsene. Das können ganz verschiedene Dinge sein. Geräusche etwa: das Rascheln der Serviette in einem Restaurant, das leise Kratzen beim Spitzen eines Bleistifts, das Quietschen einer Schuhsohle beim Laufen. Oder Gerüche: Viele Hochsensitive haben eine sehr empfindliche Nase, riechen das einen Tag alte Wasser in der Blumenvase. Andere wiederum halten kratzige Kleidungsetiketten nicht aus oder tragen nie Socken. Wieder anderen sind Menschenansammlungen ein Gräuel: im überfüllten Zug, im Konzert, in der Disco. Neue Orte, Hotels, Schulausflüge: eine Qual.
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«Ein Hochsensitiver unterscheidet Reize in zehn Varianten, eine weniger sensible Person nimmt etwa fünf oder vielleicht auch nur zwei Varianten wahr»
Elaine Aron, US-amerikanische Psychologin.
Das alles hängt mit der erhöhten Reizwahrnehmung zusammen, über die Hochsensitive verfügen. «Ein Hochsensitiver unterscheidet Reize in zehn Varianten, wohingegen eine weniger sensible Person etwa fünf oder vielleicht auch nur zwei Varianten wahrnimmt», sagt die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron. Hochsensitive nehmen nicht nur äussere, sondern auch innere Reize vermehrt und intensiver wahr und verarbeiten diese tiefer und länger andauernder.

Elaine Aron hat den Ausdruck «sensory-processing sensitivity» (SPS, auf Deutsch vereinfachend mit «Hochsensitivität» übersetzt) kreiert. 1997 veröffentlichte sie zusammen mit ihrem Mann Arthur Aron ihre ersten empirischen Studien zum Thema in der angesehenen US-amerikanischen Fachzeitschrift «Journal of Personality and Social Psychology». Dabei konzipierten sie Hochsensitivität als eigenständiges Konstrukt, als Persönlichkeitsmerkmal, das gewisse Menschen ausgeprägter haben als andere und das deren Alltag massgeblich prägt.

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