Elternblog

Hochsensitive erzählen: «Das ist ein Handicap»

Maria, 45, selbst hochsensitiv, kümmert sich intensiv um ihren hochsensitiven Sohn Noé, 12, der eine enge Begleitung im Alltag braucht. Das ist für den Rest der Familie nicht immer leicht.
Protokolle: Claudia Landolt
Bilder: Kyle Myles
«Für mich war die Diagnose Hochsensitivität eine Befreiung. Endlich wusste ich, warum mir als Kind die Schule so viel Mühe bereitet hat. Erfahren habe ich es durch die Abklärung meines Sohnes. Schon im Kindergarten fiel mir sein Verhalten auf und ich liess ihn auf eine Aufmerksamkeitsstörung abklären. Das war eine regelrechte Odyssee, von Kinderarzt über Schul­pädagoge, Schulpsychologe und Schulpsychiater. Erst der Sozialpädagoge fand heraus, dass Noé ausgeprägt hochsensitiv ist.

Die Diagnose kenne ich seit sechs Jahren, aber eine wirklich alltagstaugliche Strategie habe ich noch nicht herausgefunden. Den Alltag mit einem hochsensiblen Kind empfinde ich als ein echtes Handicap. Noé braucht nicht nur extrem viel Ruhe und Schlaf, er ist auch häufiger krank als andere Kinder, und fokussieren kann er sich ganz und gar nicht.

Im täglichen Leben heisst das: Ich muss ihm alles immer wieder in Erinnerung rufen und kontrollieren, ob er es gemacht hat. Hausaufgaben kann er nicht alleine bewältigen, auch für Prüfungen lernen geht nicht alleine. Ich muss mich mit ihm hinsetzen, ihn coachen und mit ihm lernen. Es ist, als ob ich mich ständig komplett in ihn hineinversetzen würde. Das ist auch nicht einfach für meinen Mann, er fühlt sich durch diese intensive Beziehung oft ausgeschlossen. Auch für mich, die sowieso viele Ruhepausen benötigt, ist das sehr anstrengend.

Noé macht der Übertritt in die Oberstufe und der damit verbundene Notendruck sehr zu schaffen. Er hat oft Selbstzweifel und sehr grosse Angst, nicht richtig zu sein, nicht zu genügen. Wir haben uns daher entschlossen, ihn in die Sekundarschule zu schicken und nicht ins Gymnasium. Der einzige Ort, an dem er keinen Lerndruck spürt, ist das Fussballfeld. In seiner Mannschaft holt er sich das Selbstbewusstsein, das ihm in der Schule fehlt.»

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