Faszination Waffen: Was tun, wenn Kinder nur schiessen und töten wollen
Psychologie

Peng, du bist jetzt tot!

Fast alle Buben bewaffnen sich irgendwann. Warum Eltern damit gelassen umgehen sollten und wieso die meisten Mädchen kein Interesse an Waffen zeigen. 
Text: Sandra Markert
Bilder: Getty Images
Verena Frei hat den Hausflur noch nicht betreten, da fliegt ihr schon die Schaumstoffmunition um die Ohren. Sohn Luca, 9 Jahre alt, ist in seinem Element. Mit seiner Nerf, einer Spielzeugpistole, die mittels Luftdruck Geschosse abfeuert, verteidigt er sein Zuhause gegen Verbrecher. Dass seine Mutter sich in dieser Rolle nicht besonders wohlfühlt, ist ihm egal. Zumindest so lange, bis sie sein Lieblingsspielzeug für den Rest des Tages wegschliesst.

«Lucas Faszination für Waffen ist bei uns in der Familie derzeit ein grosses Streitthema», erzählt Verena Frei, 39, aus Winterthur. Auch wenn sie sich und ihren Mann als Pazifisten bezeichnet, möchten die Eltern das grundsätzliche Interesse des Sohnes für Waffen, Krieg und Machtspiele ernst nehmen. «Deshalb hat er eine Nerf bekommen und deshalb darf er auch dem Opa fasziniert an den Lippen hängen, wenn dieser von der Armee erzählt», sagt Verena Frei.

Ganz geheuer ist den Eltern die Waffen­begeisterung des Sohnes aber trotzdem nicht. Denn Luca würde auch gern Kriegsfilme anschauen und wünscht sich Ballerspiele für den Computer. «Dafür finden wir ihn aber noch zu jung. Und wir wollen seine Faszination für Waffen auch nicht extra fördern», sagt Verena Frei. Denn wenn sie ihren Sohn mit seiner Spielzeugpistole durchs Haus rennen sieht, blitzen vor ihrem inneren Auge immer wieder schreckliche Bilder von Amokläufen auf. In der Hauptrolle: Luca.

Spielzeugwaffen machen nicht automatisch aggressiv 

Zumindest in diesem Punkt aber geben die Experten Entwarnung: Zahlreiche wissenschaftliche Stu­dien – darunter auch eine Arbeit des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen – haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Krieg spielen aggressiv macht. Das Fazit: Ein direkter Wirkungszusammenhang zwischen dem Spiel mit Spielzeugwaffen und gewaltorientierten Verhaltensmustern lässt sich nicht nachweisen.


Gewalt und Aggressivität erlernt ein Kind nicht im Rollenspiel, sondern durch real erlebte Gewalt. «Würde sich aus jedem kindlichen Spiel mit Waffen ein Amokläufer entwickeln, würden solche Taten im Fünf-Minuten-Takt passieren», sagt Dietmar Heubrock, Psychologe vom Institut für Rechtspsychologie der Uni Bremen.

Trotzdem bleibt bei den meisten Eltern ein Unbehagen, wenn sie ihre Kinder dabei beobachten, wie sie die Katze, einen Baum oder gar die eigenen Geschwister abschiessen – und sei es nur mit einem zur Waffe umfunktionierten Stock. Sie fragen sich: Muss das wirklich sein? Oder gibt es nicht vielleicht Wege, Waffen aus der Familie herauszuhalten?
Aggressivität erlernt ein Kind nicht im Rollenspiel, sondern durch real erlebte Gewalt.
Auch hier sind die Antworten der Experten sehr eindeutig: Die allermeisten Buben zwischen etwa vier und zehn Jahren werden sich in irgendeiner Form und zeitweise für Waffen interessieren – weil Waffen Teil der Realität sind. «Mir ist keine Kultur bekannt, in der es keine Waffen gibt. Kinder sehen weltweit, dass sich Menschen mit Pistolen, Speeren, Pfeilen oder Schwertern bewaffnen», sagt Allan Guggenbühl, Psychologe und Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich.

Der böse Wolf im Märchen Rotkäppchen wird vom Jäger erschossen. Polizisten in jedem Kinderbuch tragen eine Pistole. Ein Ritter ohne Schwert ist genauso undenkbar wie ein Pirat ohne Säbel oder ein «Asterix»-Comic ohne Massenschlacht. Und wenn im Autoradio die Nachrichten laufen, hören auch Kinderohren, dass mal wieder irgendwo geschossen wurde oder eine Bombe explodiert ist.

Waffen sind Bubensache

«Weil Waffen in unserer Gesellschaft präsent sind, stellt sich gar nicht die Frage, ob Kinder Waffen in ihrem Spiel aufgreifen sollen oder nicht, denn sie tun es. Die Frage ist allein, wie sie es tun sollen», sagt Tim Rohrmann, Psychologe und Professor für Kindheitspädagogik an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim.
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Warum vor allem Buben von Schusswaffen fasziniert sind und wie Mütter und Väter damitgehen sollten. 
Warum vor allem Buben von Schusswaffen fasziniert sind und wie Mütter und Väter damitgehen sollten. 
Diese Frage müssen sich vor allem die Eltern mit männlichem Nachwuchs stellen. Denn auch hier sind sich die Experten einig: Für Waffen interessieren sich vor allem Buben. «Das liegt auch daran, dass Jungen ihre Konflikte offen austragen und darin ein Mittel sehen, Macht auszuüben und andere zu beeindrucken. Sie verbinden es mit Männlichkeit», sagt Psychologe Allan Guggenbühl. Die Waffe der Mädchen dagegen sind Worte. Symbole der Aggression wie Schwerter oder eine Spielzeugpistole interessieren sie deshalb kaum. Hinzu kommt, dass nach wie vor überwiegend Männer in Berufen wie Polizei, Militär oder im Sicherheitsdienst arbeiten, bei denen Waffen dazu­gehören. «In ihren Spielen schlüpfen Jungs dann in diese Rollen», sagt Kindheitspädagoge Tim Rohrmann.

Seiner Meinung nach sollten sich Eltern immer bewusst machen, dass ihre Kinder nicht dieselben Assoziationen zu Waffen haben wie sie selbst. «Für Kinder sind Waffen Bestandteil eines wilden und abenteuerlichen Spiels. Sie fühlen sich mit ihren Waffen stark und retten die Welt. Und sie setzen sich dabei mit Begriffen wie gut und böse auseinander», sagt Tim Rohrmann.

Auch Psychologe Dietmar Heubrock plädiert für mehr Lockerheit seitens der Eltern, wenn es um das Thema Waffen geht. «Es gibt einfach eine Phase im Leben von Jungs, da sind Machtspiele für die Entwicklung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Persönlichkeit wichtig. Und dazu gehören Waffen. Verbietet man sie strikt, werden sie dadurch nur noch attraktiver.»

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