Brutale Spiele machen etwas  mit der Seele des Kindes
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Brutale Spiele machen etwas mit der Seele des Kindes

Wenn Kinder und Jugendliche Ego-Shooter spielen, machen sich Eltern meist Sorgen. Warum diese oft unbegründet sind, was es mit der sogenannten Angstlust auf sich hat und warum trotzdem Vorsicht geboten ist, weiss unser Kolumnist.
Text: Thomas Feibel
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Mit einem Maschinengewehr im Anschlag betritt der 12-Jährige das heruntergekommene Fabrikgelände, in dem sich ein Rudel Zombies aufhält. Zunächst heizt er der Meute mit Handgranaten und Molotowcocktails ein, dann eröffnet er das Feuer. Am Ende rammt er dem letzten Gegner sein Kampfmesser mit einem unappetitlichen Geräusch in den Kopf.

Schauen wir unserem Kind bei einem solchen Computerspiel über die Schulter, ist es für uns nahezu unmöglich, entspannt zu bleiben. Wir finden es schrecklich, können gar nicht anders. Besonders beunruhigend dabei ist, dass unser Kind aktiv am Drücker sitzt und mit einer Vielzahl an Waffen lässig hantiert. 
Ja, es gibt ein Recht darauf, sich Sorgen zu machen. Ja, Eltern dürfen ihren Kindern solche Spiele verbieten. Sie müssen nur wissen, warum.
Wenn Kinder in Action-Spiele
eintauchen, geht es ihnen nicht ums Töten. Sondern ums Spielen. Ego-Shooter machen aus Gamern nicht automatisch Amokläufer.
Aggressive Action-Games haben oft eine verstörende Wirkung, hauptsächlich auf Menschen, die sie nicht spielen. Viele Eltern hegen die Befürchtung, dass das eigene Kind in Sachen Gewalt verroht und abstumpft.

Ein sicheres Indiz dafür scheint die Aggression zu sein, die bei Spielern wie Rauch beim Feuer entsteht. Schüler erzählen mir oft, dass sie mitten im Spiel manches Mal vor Wut den Controller durch die Gegend pfeffern. Einer hat das Ding sogar aus dem Fenster geworfen.

Auf der Suche nach Möglichkeiten, Dampf abzulassen

Das Spiel mag der Auslöser für derlei Eruptionen sein, das Motiv hat jedoch einen anderen Ursprung: In der Adoleszenz funktioniert bekanntlich die Selbstregulation nur mässig und in jedem Kind und jedem Jugendlichen schlummert – auch frei von Videospielen – ein gewisses Aggressionspozential. Schliesslich erleben sie in ihrem Alltag, in der Schule, mit Freunden oder im Elternhaus immer wieder Situationen, die ihnen ihre eigene Machtlosigkeit demonstrieren. Darum sind sie auf der Suche nach probaten Mitteln, um Dampf abzulassen.

Wer Kinder und Jugendliche fragt, warum sie gerne Shooter spielen, bekommt oft zu hören, dass sie damit ihren «Frust rauslassen» wollen. Das klappt allerdings nur be­dingt, da das Scheitern im Spiel immer wieder neue Enttäuschungen nach sich zieht. Ein ähnlich missverständliches Phänomen erleben wir bei Erwachsenen, die fernsehen, um sich «zu entspannen». Meist ist das Gegenteil der Fall.

Von der Tötungshemmung zum Amoklauf?

Studien zur Frage, ob Videospiele nun die Aggressionen steigern oder nicht, sind höchst widersprüchlich und bringen uns in der Erziehungsarbeit nicht weiter. Fakt ist, dass einen nahezu jedes Spiel in Rage bringen kann – wenn man verliert.

Trotzdem wird immer wieder behauptet, dass aggressive Games beim Spieler die Tötungshemmung senken würden. Diese Theorie stammt aus dem militärischen Bereich. Untersuchungen zufolge haben zahlreiche Soldaten im Kriegseinsatz nicht auf den Feind, sondern in die Luft oder gar nicht geschossen. Darum werden in diesem Umfeld tatsächlich Simula­tionsspiele eingesetzt, die die Tötungs­­hemmung abbauen sollen. 

Nur: Hier werden solche Spiele mit einer festgelegten Absicht verwendet. Kinder und Jugendliche – und auch viele Erwachsene – spielen aber bloss zum reinen Zeitvertreib, ohne eine übergeordnete Agenda. Auch glaube ich nicht an die Plattitüde, dass Ego-Shooter aus Gamern automatisch Amokläufer machen. Gleichzeitig bin ich aber gegen jegliche Bagatellisierung des Themas Gewalt durch die Gamer-Fraktion.
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