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Psychologie

Burnout bei Kindern

Bisher war Burnout vor allem als Krankheit der Berufstätigen bekannt. Die permanente Erschöpfung tritt aber immer häufiger auch bei Kindern und Jugendlichen auf – Überforderung und Überlastung können zu Lustlosigkeit, Leistungsabfall und Depression führen.
Text: Petra Seeburger
Morgens Schule, mittags Nachhilfe, gegen vier Tennis und ab sechs eine Klavierstunde, bevor nach dem Abendessen die Hausaufgaben dran sind. Dazwischen ständig auf Whats-App, online noch den coolen Hoody bestellen und vor dem Schlafen den Score beim angesagtesten Game erhöhen. Unvorstellbar. Aber so sieht heute ein ganz normaler Tag vieler Kinder und Jugendlicher aus.

Betreuer und Ärzte wie der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort warnen inzwischen vor Burnout bei Kindern. In der Tat steigen bei Jugendlichen die Erwartungshaltung, der Leistungsdruck, das Tempo – in der Schule, im Elternhaus, im sozialen Umfeld. «Die Eltern und die Schule und damit die Kinder und Jugendlichen werden dauernd mit höheren Ansprüchen der globalisierten Welt konfrontiert», sagt die Zürcher Schulpsychologin Catherine Paterson. Zwar wird der Zustand ausgelaugter oder überforderter Erwachsener als Burnout beschrieben, es gibt aber weltweit keine Krankheitsklassifikation dafür. Vor allem bei Kindern nicht.

Kleine Einsteins

Kinder verbringen viel Zeit in sozialen Netzwerken. Dort ist eine hohe Präsenz gefragt. Sie sind permanent online und kommen nicht zu Ruhe. Kurt Albermann, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Kantonsspital Winterthur, bemängelt die damit verbundene Gehaltlosigkeit und Entfremdung von der Realität: «Wenn wir Kinder heute fragen, was sie werden wollen, dann wollen nicht wenige dereinst ein Star, berühmt und reich sein.» Der Pädiater und Psychiater vermisst den Bedeutungsinhalt, der zunehmend von Selbstdarstellung und Leistungs-orientierung überlagert wird.

Hinzu kommen die steigenden Erwartungen der Eltern. «Es gibt eine zunehmende Diskrepanz zwischen dem, was wir vorleben, und dem, was die Kinder und Jugendlichen tatsächlich können», sagt der Experte. Die Erwartungen sind unrealistisch. So sollen die Kinder bei Olympischen Spielen gewinnen, einen Nobelpreis in Mathematik erlangen, die internationale Kunstszene aufmischen und am besten irgendwann die Nachfolge von Anne-Sophie Mutter antreten. Der Kinderpsychiater und die Schulpsychologin verweisen auch auf die «Qual der Wahl»: Sich für eine Sache zu entscheiden, auf verlockende Alternativen zu verzichten, um dann bei seiner Entscheidung – beispielsweise einer Berufsausbildung – zu bleiben, werde mehr und mehr zur Herausforderung.

Berufswahl schon in der Primarschule

Laut einer aktuellen Studie des Gesundheitsamts der Stadt Zürich zeigten sich die meisten Kinder und Jugendlichen mit ihrer Lebenssituation zufrieden. Die kürzlich publizierte Schweizer Juvenir-Jugendstudie von Pro Juventute kommt zu einem anderen Ergebnis: 46 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren gaben an, permanent gestresst zu sein: in der Schule, an der Uni, am Arbeitsplatz, im Elternhaus, in der Beziehung.
Leistungsdruck komme nicht nur von aussen, so Kurt Albermann, es seien auch die Kinder und Jugendlichen selber, die sich fordern und überfordern. Leistungsprofil und Begabungen sind individuell, schulische und gesellschaftliche Leistungsziele aber normiert – oft dazu auf einem hohen Niveau. Dabei spielt auch das Schulsystem eine bedeutende Rolle, das nicht primär auf eine individuelle Förderung ausgerichtet ist. Steigende Berufsanforderungen verlagern ferner das berufliche Weichenstellen in die Primarstufe. Nach der Maxime «ohne Matur keine Karriere» qualifizieren sich somit bereits Elf- bis Zwölfjährige für den weiteren Bildungsweg und büffeln monatelang für die Aufnahmeprüfungen ins Langzeitgymnasium. Manche kommen so locker auf 40 bis 50 Wochenstunden.

Einfach Kind sein

«Wir orientieren uns vor allem an den Schwächen unserer Kinder anstatt an ihren Stärken», sagt Kurt Albermann. Auch fehlten «freie Zeit und Raum» für die Entwicklung der Kreativität. Als leistungsbezogene Gesellschaft stossen wir so zunehmend an Grenzen – auch unsere Kinder.

Das moderne Multitasking führt zum Gefühl, nie wirklich allem gerecht werden zu können. Überfordert und überlastet reagieren Betroffene mit körperlichen und psychischen Symptomen: «Kinder haben Kopfoder Bauchweh, Rückenschmerzen und zeigen Gefühle der Anspannung oder Erschöpfung.» Diese Krankheitssymptome schützen vor weiterer Belastung und ermöglichen Rückzug und Schonung. Aber sie müssen erkannt und richtig interpretiert werden. Ein erstes Anzeichen kann Schulangst sein. Weitere körperliche Anzeichen sind etwa Schlaf- oder Konzentrationsstörungen. Im schlimmsten Fall geraten die Kinder in eine Erschöpfungsdepression. Betroffene Kinder sind traurig, zeigen sonst aber wenig Emotionen, fühlen sich wertlos, ziehen sich zurück und isolieren sich sozial immer mehr.
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Umfeld einbeziehen

Um es nicht so weit kommen zu lassen, müssten bereits erste Überforderungszeichen ernst genommen werden, sagt der Kinderarzt Marco Belvedere. Eltern sollten mit Verständnis und nicht nur mit erzieherischen Massnahmen reagieren. Idealerweise informieren die Eltern ihren Haus- oder Kinderarzt. Belvedere hält fest: «Je nach Symptomen und Schweregrad entscheiden wir mit den Eltern, was zu tun ist und wie geholfen werden kann.»

Marco Belvedere und Kurt Albermann betreuen betroffene Kinder und Jugendliche. Sie versuchen, das ganze Umfeld, also auch die schulische Situation, miteinzubeziehen. Eine Behandlung solcher Überforderungssituationen kann dauern, denn der Patient muss neue Verhaltensweisen erlernen. Grundsätzlich findet Albermann, dass wir uns auch als Gesellschaft fragen müssen, wo wir hin wollen. Es sei an der Zeit, unsere Haltung zu überprüfen. Nicht selten sei eben weniger mehr. Catherine Paterson empfiehlt, dass Eltern zu solchen Überlegungen wieder vermehrt auf eine vertrauensvolle Gelassenheit in die Entwicklung ihrer Kinder setzen. Dem pflichtet Marco Belvedere bei: «Kinder brauchen wieder mehr elterliche Zuversicht.»

Warnzeichen, die auf Überforderung oder Überlastung hindeuten können 

  • Schlafprobleme, ständige Müdigkeit, morgens nicht mehr aufstehen wollen
  • Verminderte Leistungsfähigkeit bis zu schlechter werdenden schulischen Leistungen
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Schuldgefühle, Traurigkeit, herabgesetzte Stimmung
  • Emotionale Verflachung oder s tändige Gereiztheit
  • Erschöpfung und Apathie
  • Psychosomatische Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen bis zu Bettnässen
  • Wiederholte Infekte, Übelkeit, Erbrechen
  • Gewichtsabnahme oder -zunahme
  • Soziale Isolation
  • Suizidgedanken, selbstverletzendes Verhalten

Bild: Fotolia

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