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Bewegung

Bewegung macht schlau!

Wir scheinen automatisch davon auszugehen, dass Förderung im Kopf stattfinden muss. Die Forschung zeigt aber, dass es einen viel einfacheren Schlüssel zu unserem Gehirn gibt als Frühenglisch & Co. ...
Text: Virginia Nolan
Zahlenspiele, Sprachkurse, Tüffelworkshops: Es gibt unzählige Möglichkeiten, Kinder zu fördern. Kognitive Bildung wird heute schon lange vor dem Kindergartenalter zum  Thema, sei es in den Förderkonzepten von Betreuungseinrichtungen, in Eltern-Kind-Kursen oder zu Hause, wo Mütter und Väter den Nachwuchs für die Zukunft wappnen wollen. Dabei scheinen wir automatisch davon auszugehen, dass Förderung im Kopf stattfinden muss. Ein Fehlschluss, wie die Forschung nahelegt – ihr zufolge scheint ein Schlüssel zur kognitiven Entwicklung auch unser Körper zu sein, denn Bewegung ist Nahrung fürs Gehirn.

Wie Kinder den Kopf freikriegen

Es beginnt schon ganz früh: Ein Baby sieht etwas, dann robbt es los, um das Objekt zu betasten. «Kinder erschliessen sich durch Bewegung die Welt, darum haben sie vermutlich den Drang danach», sagt Stefan Schneider. Die Experimente des Hirnforschers vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Deutschen Sporthochschule Köln legen nahe, dass die Gehirnaktivität sich verändert, wenn wir uns bewegen. «Körperliche Betätigung aktiviert den motorischen Kortex, der Bewegung und Koordination steuert», erklärt Schneider. Wenn wir uns auspowern, klettern oder balancieren, braucht der motorische Kortex alle Ressourcen des Gehirns – und entlastet damit den präfrontalen Kortex, jene Hirnregion, die uns befähigt, logisch zu denken und zu planen, Entscheidungen zu treffen und unsere Emotionen zu regulieren. Diese Entlastung bewirke, so Schneider, dass wir uns nach körperlicher Aktivität besser konzentrieren und fokussieren können.
Nach der Bewegung steigt die Konzentration – aber nur, wenn man auch Spass daran hatte
Schneider und sein Team gehören zu den wenigen, die diesen Effekt am Menschen nachweisen konnten. Der Hirnforscher will sich aber nicht missverstanden wissen. «Nicht Bewegung als solche macht uns intelligenter», sagt er, «sondern im Idealfall die erhöhte Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit, die sich nach Bewegung einstellt.» Und: Das mit dem freien Kopf, der besser aufnimmt, funktioniert nicht immer. Auch das zeigen Schneiders Experimente, bei denen die Probanden nach dem Sport kognitive Tests lösen. «Damit der Effekt eintritt», sagt Schneider, «ist Spass an der Sportart die Voraussetzung – und eine körperliche Belastung, die weder als zu hoch noch als zu niedrig empfunden wird.» Wie lange die verbesserte Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit anhält, variiere von Mensch zu Mensch. Untersuchungen dazu existierten nicht, Erfahrungen gingen von 30 bis 120 Minuten aus.

Eine Erfolgsgeschichte aus den USA

Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sich Bewegung auch langfristig auf unsere kognitive Leistung auswirkt. Im Buch «Superfaktor Bewegung» berichtet der US-Psychiater John J. Ratey über ein Schulsportprojekt in Naperville, Illinois, das ihn bewogen habe, seinen Bestseller überhaupt zu schreiben. Die Rede ist von der «Stunde null», einem freiwilligen Fitnesstraining, das in mehreren Highschools von Naperville angeboten wird. Frühmorgens, bevor der reguläre Unterricht beginnt, trainieren die Schüler während einer Stunde Ausdauer und Kraft in ihrem persönlichen Hochleistungsbereich.

Das Ziel der «Stunde null», in den 1990er-Jahren erstmals eingeführt, war ursprünglich, festzustellen, ob Sport hilft, die Schulleistungen der Kinder zu verbessern. Das tat er: Das Training machte die Schüler nicht nur fitter, sondern auch klüger. Von den Achtklässlern in Naperville waren 1999 nur drei Prozent übergewichtig, während es im nationalen Durchschnitt der Altersgenossen 30 Prozent waren.

Im gleichen Jahr beteiligten sich Achtklässler aus Naperville mit 230 000 Schülern aus aller Welt an der Testreihe TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study). Schüler aus China, Japan und Singapur liessen die Teilnehmer aus den USA weit hinter sich – mit Ausnahme der Achtklässler aus Naperville. Sie belegten den sechsten Platz in Mathematik und waren die Weltbesten in Naturwissenschaften. «Ich habe seit Jahrzehnten nichts gesehen», schreibt Ratey, «was so ermutigend und inspirierend war wie das Programm in Naperville.»
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Bewegung macht den Kopf frei fürs Lernen. Und sie kann helfen, Inhalte besser zu verstehen.
Bewegung macht den Kopf frei fürs Lernen – sie könne auch helfen, Inhalte besser zu verstehen, sagt Neuropsychologe und Mathematiker Hans-Christoph Nürk. Nürk gilt als Experte auf dem Gebiet der Embodied Cognition, was so viel wie «verkörperlichtes Denken» bedeutet. Hinter diesem Forschungszweig der Psychologie steckt die Idee, dass Gedächtnis durch eine Kopplung von motorischen Prozessen mit Sinnesreizen entsteht. Forscher konnten zum Beispiel nachweisen, dass im Gehirn eines Affen en das Bewegungszentrum aktiviert wird, wenn er Artgenossen beim Klettern beobachtet, obwohl der beobachtende Affe sich nicht bewegt. «Das Gleiche geschieht in unserem Gehirn, wenn wir auf der Couch beim Fussball mitfiebern», sagt Nürk. Seine Untersuchungen deuten darauf hin, dass viele kognitive Vorgänge untrennbar mit dem Körper verbunden sind.
Der Körper denkt mit: Wer mit den Fingern rechnet, entwickelt ein besseres Gefühl für Zahlen.

Mathe mit der Matte

In Zusammenarbeit mit der Exzellenz-Graduiertenschule LEAD, dem Wissenschaftscampus Tübingen und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg hat Nürk untersucht, wie körperliche Wahrnehmungen unser abstraktes Denken strukturieren. Ein gutes Beispiel dafür ist das Rechnen durch Fingerabzählen. «Viele Lehrer wollen ihre Schüler davon abbringen», sagt Nürk, «weil sie befürchten, dass die Kinder später ihre Finger brauchen, wenn sie 24 und 38 zusammenzählen müssen.» Daten, die Nürk und seine Kollegen gesammelt haben, entkräftigen dies. Vielmehr, sagt Nürk, deuteten sie darauf hin, dass sich Kinder durch den Fingertrick eine gute Basis zum Verständnis einstelliger Ziffern erarbeiteten. So schnitten «Fingerrechner» in Tests besser oder gleich gut ab wie ihre Mitschüler.

«Mathe mit der Matte» heisst ein weiteres Projekt aus derselben Studienreihe. Dabei soll eine interaktive Tanzmatte Kindern helfen, zweistellige Zahlen zu verstehen. Die Matte hat neun Felder, angeordnet in einer 3-mal-3-Matrix. Beim Experiment wird sie auf eine Treppe gelegt. Durch Bewegung von einem Feld aufs nächste können Kinder die Matte aktivieren, zum Beispiel die Markierung auf dem Zahlenstrahl verschieben. Für eine Verschiebung im einstelligen Zahlenbereich müssen sie sich lediglich zur Seite bewegen – wer die Markierung dagegen um 10 verschiebt, muss sich auch zur Seite bewegen, aber dabei eine Treppe höher steigen. «Offenbar hilft es, wenn Kinder eine grössere körperliche Anstrengung mit einem grösseren Zahlenwert verknüpfen können», sagt Nürk. «Der Lerneffekt ist grösser, als wenn sie Tasten am Computer drücken und keine Vorstellung haben, wie sich eine numerische Grösse mit räumlicher Grösse in Verbindung bringen lässt.»

Appell an die Eltern

Bewegung ermöglicht Förderung auf die einfachste Art und Weise. Aber: Es muss Spass machen, damit sie ihre Wirkung auch entfalten kann, das haben die Experimente von Hirnforscher Schneider gezeigt. «Kinder sollten möglichst vielfältige Bewegungserfahrungen machen dürfen», sagt Schneider. Der Forscher appelliert an Eltern, dem Nachwuchs solche Erfahrungen nicht durch Überbehütung zu verwehren: «Das beginnt damit, die Kinder nicht in die Schule zu fahren.» Überdies, so Schneider, sollten Eltern mit gutem Beispiel vorangehen: «Studien zeigen, dass das Bewegungsverhalten der Kinder von dem der Eltern abhängt.»

Wie das Gehirn in Schwung kommt

  • Bewegung ist eine der einfachsten und wirkungsvollsten Methoden, die kognitive Entwicklung des Kindes zu fördern. 
  • Nicht nur Sport, auch das freie Spiel in der Natur, bei dem Kinder klettern, hüpfen, rennen oder auf Baumstämmen balancieren, ist Nahrung fürs Gehirn. 
  • Körperliche Aktivität erhöht unsere Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit – aber nur, wenn sie auch Spass macht, wie Forscher herausfanden. 
  • Gehirn und Körper gedeihen am besten, wenn Kinder von möglichst vielfältigen Bewegungsarten profitieren. Eltern sollten Kinder nicht durch Überbehütung daran hindern – das beginnt damit, den Nachwuchs nicht in die Schule zu fahren. 
  • Bewegungsspiele können Kindern helfen, Lerninhalte besser zu verstehen, etwa Zahlen. Ein vereinfachtes Beispiel dafür ist ein am Boden aufgemalter Zahlenstrahl mit Markierungen von 1 bis 10, dem Kinder entlanghüpfen können. Kinder lernen einfacher, wenn sie einen grösseren Zahlenwert mit grösserer körperlicher Anstrengung verknüpfen können.

Zur Autorin:

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Virginia Nolan
weiss, wie das mit dem Neustart im Kopf läuft. Bei Schreibblockaden hilft nur noch der Hundespaziergang, am besten steil bergauf.

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