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Schule

«Ist ein Baum traurig, wenn er seine Blätter verliert?»

Hat ein Salat Angst? Können Steine weise sein? Wie lange dauert die Ewigkeit? Ein Gespräch mit der Kinderphilosophin Kristina Calvert über die einfachen und komplizierten Dinge des Alltags, warum das laute Nachdenken jedem guttut und wie Eltern mit ihren Kindern ins Philosophieren kommen. 
Text: Claudia Füssler
Bilder: Ulrike Schacht
Die Kinder kichern. Kristina Calvert hat­te in die Runde ge­fragt: «Philosophie­ren, was ist das?» Niemand weiss eine Antwort. 

«Okay», sagt Kristina Calvert, «schauen wir uns das Wort mal genau an und zerlegen es. Welche Silben haben wir dann?»

 «Phil, oso, phier, ren», kommt es von den Kindern.

 «Prima. Was fällt euch dazu ein?» 

«Es gibt vier Jahreszeiten!», sagt Leah.

 «Rennen!», ruft Felix.

 «Aha, interessant», sagt Kristina Calvert. «Ich kenne da einen, der ist zwar nicht gerannt, aber mit seinen Schülern spazieren gegangen. Das war der Philosoph Aristoteles. Phi­losoph, das kommt uns bekannt vor, oder? Es steckt auch im Wort Philo­sophieren. Wisst ihr, was Philosoph bedeutet? Ein Freund der Weisheit.» Sie nimmt einen weissen Plüschpu­del und zeigt ihn den Kindern.

 «Das ist Hubert. Er hat ein weis­ses Fell. Kann er deshalb weise sein?»

 «Ja natürlich», sagt Leah.

 «Spannend», sagt Kristina Cal­vert, «erzähl mal, wie man das fest­stellen könnte.»
«Nicht jede Forscherfrage ist eine philosophisch relevante Frage.»
Kristina Calvert

Frau Calvert, Kinder stellen ja generell viele Fragen, philosophieren sie also schon so ganz nebenbei?

Das kann man so nicht verallgemei­nern. Nicht jede Forscherfrage ist gleich eine philosophisch relevante Frage. Will ein Kind wissen, warum die Blätter am Baum im Herbst braun werden, ist das eine reine Naturfrage. Fragt es sich aber, ob der Baum traurig ist, wenn er seine Blät­ter verliert, dann kann das der Anfang für eine wunderbare kleine Philosophiestunde sein. 

Wie bringen Sie Kinder zum Philosophieren? 

Das ist gar nicht so schwierig. Ich bringe ein philosophisch relevantes Thema in die Runde ein, gebe also den ersten Impuls. Neulich habe ich gefragt: Wie kann ich werden, was ich bin? Wir kamen sehr schnell auf das Wort «möglich», was alles mög­lich ist für einen selbst. Die Kinder versuchen dann, das im Gespräch weiterzubearbeiten, während ich mich auf eine beobachtende und moderierende Position zurückziehe. Beim Philosophieren können die Kinder selber denken, miteinander denken und weiterdenken.
«Ich vergleiche das Philosophieren mit der Arbeit eines Detektivs.»

Das klingt nach viel Kopfarbeit.

Die Kinder finden das spannend und aufregend. Da kommen die interes­santesten Vorschläge. Neulich haben die Kinder in der Gruppe entdeckt, dass bei «möglich» ja ein «ich» hin­ter «mög», von «mögen», steht, also sind Dinge möglich, die ich mag. So hatte ich das noch nie gesehen. Ich vergleiche das Philosophieren immer mit der Arbeit eines Detek­tivs, der die Welt genau unter die Lupe nimmt und versucht, sich Sachen logisch zu erklären. Da gehen die Augen auf bei den Kindern, wenn ich das erzähle.
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Kristina Calvert: «Ich möchte Kinder ein Stück weit erschüttern.»
Kristina Calvert: «Ich möchte Kinder ein Stück weit erschüttern.»

Ist Philosophieren auch anstrengend?

Wenn Kinder sich in einem Leis­tungssystem befinden, in dem ihnen ganz genau gesagt wird, was sie tun müssen und wie die Dinge funktio­nieren, dann ist der Prozess des Sel­berdenkens für sie eine regelrechte Erschütterung. Sie, die sonst nicht gross nachdenken müssen, sollen plötzlich etwas selber generieren. Es ist anstrengend, wenn man nicht daran gewöhnt ist, sich selbst zu befragen. Da stehen viele Kinder erst einmal da und sagen etwas, von dem sie denken, dass ich das von ihnen erwarte.

Wie reagieren Sie dann?

Ich sage ihnen, dass die Welt nicht aus Antworten besteht, sondern aus Fragen und Theorien. Das müssen Kinder auszuhalten lernen.

Wie sehr lenken Sie das Denken der Kinder?

Gar nicht. Ich lasse mich darauf ein, was die Kinder als Schwerpunkt ent­wickeln, und registriere, welche Richtung das Gespräch nimmt. Der Moderator oder die Moderatorin muss sehr gut zuhören können und das, was die Kinder sagen, aufeinan­der beziehen und verdichten kön­nen, ohne das eigene Konzept auf­zudrängen. Das kann man lernen. Man kommt dadurch ganz anders an ein Kind heran.
«Was glaubst du: Kann ein Fussboden auch ohne Gehirn weise sein?»
Philosophin Kristina Calvert arbeitet sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern.

Inwiefern?

Über das Philosophieren erfahre ich, wie ein Kind die Welt sieht. So haben wir mal mit Karten gearbeitet, auf denen das Universum zu sehen ist. Ein Junge legte eine Karte mit einem Himmelbild bei Tag an ein Himmel­bild bei Nacht. Klar, dachte ich, das passt, Himmel bei Tag und Nacht. Er aber erklärte, dass er, wenn er nachts Angst habe, sich immer schon auf den nächsten hellen Tag freue. In meinem Kopf habe ich ständig ein grosses «Ah, na so etwas, das ist ja interessant», das ich den Ideen der Kinder entgegenbringe. Wenn wir etwa darüber sprechen, was weise ist, und ein Kind sagt, dafür brauche man ein Gehirn, ein anderes vor­schlägt, auch ein Fussboden könne weise sei, dann wird das nicht ein­ fach abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass der Fussboden kein Ge­hirn hat. Stattdessen frage ich: Was glaubst du, kann ein Fussboden auch ohne Gehirn weise sein?

Welche Themen besprechen Sie denn mit Kindern?

Ich orientiere mich dabei an den vier Fragen, mit denen Kant die Philosophie definiert: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Ich stelle den Kindern auch sehr abstrakte Fragen wie «Was ist Glück?». So etwas interessiert schon die ganz Kleinen. Die Jüngsten, mit denen ich philosophiere, sind viereinhalb Jahre alt. Die beschäftigen sich zum Beispiel auch gerne mit der Frage nach dem Tod und dem, was nach dem Tod kommt. Ähnlich interessante Themen sind Angst, Mut oder Tapferkeit.
Kristina Calvert hat im Philosophieren mit Kindern promoviert und arbeitet als selbständige Dozentin und Autorin mit Erwachsenen sowie als Kinderphilosophin mit Kindern ab vier Jahren. Sie bildet Erzieher im Philosophieren mit Kindern aus und hat den Verein «Philosophieren mit Kindern» mitgegründet.
Kristina Calvert hat im Philosophieren mit Kindern promoviert und arbeitet als selbständige Dozentin und Autorin mit Erwachsenen sowie als Kinderphilosophin mit Kindern ab vier Jahren. Sie bildet Erzieher im Philosophieren mit Kindern aus und hat den Verein «Philosophieren mit Kindern» mitgegründet.

Ist das nicht ein bisschen schwere Kost?

Das sind die Fragen, die die Kinder interessieren. Darüber denkt ein Kind im Alter von fünf, sechs Jahren nach. Und wenn es niemanden hat, der mit ihm gemeinsam darüber nachdenkt, dann belässt man es in einem engen Raum. Philosophieren ermöglicht es dem Kind, da ein Stück weit herauszukommen und sich aus- zudrücken. Philosophieren hilft ihm, mündig zu werden und die Welt zu verstehen. Es stellt fest, was es alles kann, wenn es alles, was es im Kopf hat, einsetzen und entwickeln kann. 

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