Interview-Digitalisierung-Schule-Philippe-Wampfler
Schule
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Was sind denn die Vorurteile oder Ängste, die im Lehrerkollegium verbreitet sind?

Manche Lehrer an Gymnasien unterrichten ihr Fach noch so, wie sie es im Studium gelernt haben. Gerade in den Sprachwissenschaften heisst das: in Bibliotheken gehen, Bücher suchen und lesen. Dann kommen Schüler und sagen: «Ich finde das aber alles im Netz!» Das kann zu einer Sinnkrise der Lehrperson führen. In einer digitalisierten Welt ändert sich auch deren Rolle. Sie ist nicht mehr die einzige Wissensquelle. Zudem begibt man sich mit den neuen Medien auf ein Feld, auf dem die Schüler souveräner sind. Damit verschieben sich die Machtverhältnisse.

Aber es gibt ja auch jüngere Lehrpersonen, die selbst schon seit Jahren digitale Medien benutzen.

Ja, das ist ein Grund, warum sich die Lage langsam entspannt. Allerdings zeigen auch Untersuchungen, dass die Menschen, die sich für den Lehrerberuf ausbilden lassen, dem Einsatz der digitalen Medien in der Schule generell eher kritisch gegenüberstehen.

Wie kommt das?

Sie haben selbst positive Erfahrungen mit der analogen Schule gemacht und werden Lehrerinnen, um das weiter zu geben. Nicht um etwas zu ändern.
«Wir müssen immer wieder überlegen und begründen, was wir mit digitalen Medien tun. Und das ist gut so.»

Gibt es auch von den Eltern Gegenwind?

Eltern sind eine sehr heterogene Gruppe. Die einen sagen: «Ich kämpfe ja zu Hause schon gegen das Gerät, warum wollt ihr es jetzt auch noch in der Schule einsetzen?» Andere arbeiten selbst mit digitalen Medien und finden die Schule völlig veraltet. Die meisten Eltern aber stehen dem Thema unaufgeregt gegenüber. Ganz anders als noch vor fünf oder zehn Jahren. Sie haben inzwischen eigene Erfahrung mit Smartphones und Computern gesammelt und sich eine Vorstellung davon geschaffen, welche Regeln es im Umgang mit den Geräten geben soll. Trotzdem gibt es natürlich einen Legitimationsdruck, wenn Schulen digitaler werden. Und das ist gut so.
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Warum?

Weil wir immer wieder überlegen und begründen müssen, was wir tun. Das tut uns gut, Lehrpersonen sind ja keine Halbgötter.

Wie beeinflussen die Medienregeln aus dem Elternhaus den Unterricht?

Kinder aus einem Elternhaus mit hohem Bildungshintergrund haben oft strenge Regeln und die Kinder bekommen meist auch erst spät ein Smartphone, zum Beispiel mit Übertritt in die Oberstufe. Bei niedrigem Bildungshintergrund wird das Handy hingegen häufig früher gegeben und mit weniger Regeln verbunden, zum Beispiel damit das Kind ruhig ist. Die Kinder, die schon jung, mit sechs oder sieben, ein Handy besitzen, haben also oft keine Mediennutzungsregeln gelernt. Das sehen dann die Lehrpersonen und sagen: «Also bei so jungen Kindern sollte man Handys nicht einsetzen.»

Und wie sehen Sie das? Sollte es schon in der Primarschule Kontakte mit digitalen Medien geben?

Ganz klar ja. Nicht als Ersatz für den Wald und motorische Erlebnisse, aber zusätzlich. Die Primarschule prägt stark unser Verständnis von Schule und Wissensaneignung. Sie ist – bis auf ein paar Vorzeigeprojekte – stark analog geprägt. Dabei lernen Kinder in der Welt ausserhalb der Schule Sprache und Bilder oft digital kennen. Meine Kinder haben das Schreiben an den Tram-Automaten gelernt, wo sie Buchstaben eingegeben haben. 

Wie viel digital wäre zu viel?

Es gibt dieses amerikanische Modell, eine echte Schreckensvision: Jeder Schüler ist abgetrennt hinter dem PC und für 100 Schüler hat es vielleicht 3 Lehrpersonen, alles andere regeln speziell auf jeden einzelnen Schüler angepasste Lernprogramme. Und hinter denen steht eine mächtige Industrie. Der wichtigste Aspekt von Schule ist doch der soziale. Man muss hier Beziehungen knüpfen können.

Ihr Schülerinnen und Schüler sind um die 15 Jahre alt und haben alle ein eigenes Smartphone. Wie setzen Sie neue Medien im Unterricht konkret ein?

Nehmen wir als Beispiel den Deutschunterricht: Ich könnte einfach an die Wandtafel schreiben, was «erlebte Rede» ist. Oder ich lasse es die Schülerinnen selber mit dem Smartphone suchen, erstelle ein Google Doc und darin tragen die Schüler verschiedene Informationen zusammen. Anschliessend können sie vergleichen: Was ist eine gute Quelle? Dabei stellen sie fest, dass es verschiedene Definitionen gibt, also keine Einigkeit vorherrscht. Das dauert nicht ewig, vielleicht 10 bis 15 Minuten. Aber ich bin überzeugt davon, dass sie es sich so besser merken können, als wenn ich es ihnen nur erzähle. 

Haben Sie noch ein Beispiel?

Alles Organisatorische läuft über einen WhatsApp-Chat. Hier können die Schüler mir Fragen zu den Hausaufgaben stellen und ich weiss, wo sie stehen. Daran kann ich im Unterricht anknüpfen.

2 Kommentare

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Von Shahram am 05.10.2017 19:41

Sehr gut & inhaltlisch reich! Korrekt, alles sind reine Fakten. Die Kinder brauchen bestimmt den Umgang mit soziale Medien lernen & sogar mit ihnen gut arbeiten bzw. verwenden, jedoch ist aber auch stark abhängig von georafischen Lage (wo man lebt im Land od. Stadt) & den Sozio ökonomische Werte der Eltern od Umfeld. Dankeschön

Von Michael In Albon am 19.10.2017 08:33

Achtung: Die letzten JAMES-Studien (www.swisscom.com/james) zeigen keine relevanten Differenzenen zw. Stadt und Land. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass unsere Städte mehr-bessere Dörfer sind😁. Es gibt aber Unterschiede zw. den Sprachregionen.

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