Heute wohne ich bei Papa
Familienleben
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Jeden Fall individuell beurteilen

Bei strittigen «Alt-Fällen» sieht Oliver Hunziker vom Verein für elterliche Verantwortung nur begrenzt Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation. Problematisch an Entscheidungen von Behörden sei, dass sie so gut wie nie überprüft würden. «Es werden Entscheidungen getroffen, die für das ganze Leben gelten sollen», sagt Oliver Hunziker – dabei sind die Bedürfnisse von Kleinkindern ganz andere als von jenen, die älter werden. Einmal getroffene Regelungen werden im Extremfall, sollten sich Eltern auch im späteren Verlauf eines Streits nicht einigen können, einfach beibehalten. Der Vater bleibe also Besucher an jedem zweiten Wochenende.

«Die Väter sind ja oft auch nicht ganz unschuldig», sagt Hunziker mit Blick auf krass verlaufende Sorgerechtsstreitigkeiten. «Wenn ich höre, dass ein Vater in Beratungsgespräche kommt und sagt: ‹Es ist aber mein Recht›, korrigiere ich immer: Wenn, dann reden wir vom Recht des Kindes. Mütter und Väter haben Pflichten.» Hunziker gehört zu jenen, die sich immer wieder dafür einsetzen, dass die Mitarbeiter der KESB und Gutachter mit Weiterbildungen gestärkt werden und dass eine Qualitätssicherung eingeführt wird, die dann auch funktioniert. Ein Unding ist für ihn auch das Verhalten einiger Anwälte im Familienrecht. «Ein guter Richter weiss streitsuchende Anwälte zu ignorieren», sagt er.
Getrennte Eltern sind «getrennterziehend», nicht «alleinerziehend».
Hunziker achtet genau darauf, mit welchen Worten er spricht. «Alleinerziehend» hört er nicht gerne. Allein sei man, wenn der Ex-Partner verstorben ist oder überfordert mit der Betreuung. Getrennte Eltern sind «getrennterziehend», korrigiert er die gängige Alltagssprache. Eltern sein gehe nur gemeinsam.
Und er denkt gerne in die Zukunft. Die Treffs der Väterberatungen glichen heute oft Lazaretten. Was nütze es, sich in Einzelfällen durch die Instanzen zu klagen, was manche Väter gerne tun würden? Wichtiger sei doch, Eskalationen von Anfang an zu unterbinden. «Gerichte sind für Familienthemen eigentlich das falsche Werkzeug», erklärt der Vereinspräsident. «Dort geht es darum, Schuldige zu finden. Wir brauchen aber keine Schuldigen, das nützt den Kindern nichts.» Viel besser wäre es, in Form einer Media­tion, zur Not auch mit Zwang und im Beisein eines Juristen, eine Regelung zu treffen, die sich an paritätischer Elternschaft orientiert. «Und dann Stempel drauf, Gratulation.»

Fünf Betreuungsmodelle – wie sie funktionieren und was Eltern beachten sollten

  • Erweiterte Betreuung 
    Väter betreuen ihre Kinder jedes zweite Wochenende und auch flexibel unter der Woche. In vielen Fällen beginnt die Betreuungszeit freitags nach Kindergarten oder Schule und endet montags mit Beginn des Kindergartens oder der Schule. Manchmal sind die Zeiten auch kürzer, von Samstagmorgen bis Sonntagabend. Zusätzliche gemeinsame Zeiten unter der Woche mit oder ohne Übernachtungen. Weit verbreitet und gerne gewählte einvernehmliche Lösung für Nachtrennungsfamilien.

  • Jedes zweite Wochenende 
    Klassischerweise jedes zweite Wochenende gemeinsame Vater-Kind-Zeit. Im Deutschen spricht man von Residenzmodell, in der Schweiz allgemein wieder von Besuchsrecht. Noch weit verbreitet – vor allem in Fällen, in denen es bereits seit Jahren Anordnungen und Regelungen gibt, die mit Hilfe der Behörden getroffen wurden.

  • Alternierende Obhut 
    Betreuungszeiten mindestens 30 Prozent beim zweiten Elternteil. Dieses Modell kann in zahlreichen Variationen gelebt werden. Bei Kindern ab Schulalter regeln es Eltern oftmals so, dass die Kinder eine Woche bei der Mutter leben, eine Woche beim Vater. Oder fünf Tage bei der Mutter, drei Tage beim Vater, dann wieder fünf Tage bei der Mutter und so fort. Räumliche Nähe sehr von Vorteil. Bei kleineren Kindern sollten die Aufenthalte bei einem Elternteil nicht allzu lang sein, weil ihr Zeitempfinden anders als das von Erwachsenen ist.

  • Wenig bis gar kein Kontakt zu einem Elternteil 
    Leider gibt es noch immer auch solche Fälle. Das hat unterschiedlichste Gründe. Oftmals sehen Väter in diesen Konstellationen ihre Kinder nur, während Begleitpersonen dabei sind. Meist ist die gemeinsame Zeit auf wenige Stunden im Monat begrenzt, was viele Väter beklagen und viele Kinder stumm hinnehmen müssen.

  • Nestmodell 
    Kinder bleiben im elterlichen Haushalt, der bereits vor der Trennung bestand. Die Eltern wechseln ihren Aufenthalt. Das Nestmodell ist die alternierende Betreuung an einem Standort. Verursacht meist hohe Kosten und wird daher nur sehr selten gelebt.
<div><strong>Adrian Hoffmann</strong> ist Redaktor einer Tageszeitung in Baden-Württemberg in Deutschland und selbst Trennungsvater.</div>
Adrian Hoffmann ist Redaktor einer Tageszeitung in Baden-Württemberg in Deutschland und selbst Trennungsvater.

Lesen Sie mehr zum Thema getrennte Betreuung: 

  • Wie gelingt Familie nach einer Trennung?
    Wenn sich Eltern scheiden lassen, stellen sich viele Fragen. In der Praxis haben sich Beratungsmodelle und Mediation als hilfreiche Instrumente erwiesen.

  • Sorgerecht der Eltern – Umzug zu Mama oder Papa?
    Wenn die Kinder getrennt lebender Eltern zu ungefähr gleichen Teilen abwechselnd bei Vater und Mutter leben und von diesen betreut werden, sprechen Juristen von «alternierender Obhut». Welche Vorteile bietet dieses Wechselmodell? Was geschieht, wenn ein Elternteil umziehen möchte? 

  • «Mit der Trennung wuchsen bei mir die Schuldgefühle»
    Benno Roth*, 60, Vater von zwei Töchtern,18 und 20, aus Zug lebt nicht mehr mit der Mutter seiner ­Kinder zusammen. Um diese schwierige Zeit und die damit ­einhergehenden Gefühle zu bewältigen, brauchte der Schulleiter professionelle Hilfe.
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