Mut tut gut: So wird Ihr Kind risikofreudig - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Mut tut gut: So wird Ihr Kind risikofreudig

Lesedauer: 4 Minuten

Viele Eltern wollen ihre Kinder vor allen Gefahren beschützen. Eine gute Risikokompetenz kann aber nur entwickeln, wer sich auch mal blutende Knie holt.

Text: Sandra Markert
Bild: Getty Images

Das Wichtigste in Kürze:

  • Risiken lassen sich nicht vollkommen ausschliessen.
  • Wer versucht, Kinder von Risiken möglichst fernzuhalten, fördert nicht ihre Sicherheit, sondern bringt sie umso mehr in Gefahr.
  • Kinder können nur dann eine Risiko­kompetenz entwickeln, wenn sie sich auch mal in riskante Situationen begeben dürfen und so ihre eigenen Grenzen kennenlernen.
  • Ängste der Eltern übertragen sich auf Kinder. 
  • Risikokompetente Jugendliche und Erwachsene wissen, was sie sich zumuten können, ohne sich ernsthaft zu gefährden.

Er hat im Film ganz genau zugeschaut, wie die Indianer das machen: erst ein Tipi bauen, dann ein Lagerfeuer anzünden. Das mit dem Zelt funktioniert auch im Kinderzimmer prima. Dann schleppt der Primarschüler Holz herbei und holt die Streichhölzer. Zum Glück sind die Eltern zur ­Stelle, bevor das Parkett brennt.

Eltern wollen Kinder ihr Leben lang vor brenzligen Situationen bewahren. Die Sorge, dass dem Nachwuchs etwas passieren könnte, bringt viele Mütter und Väter inzwischen dazu, wie kleine Rettungshelikopter ständig über ihrem Kind zu kreisen, damit dieses sich bloss in keine riskante Situation begibt.

Situation, Alter und Fähigkeiten des Kindes entscheiden darüber, wie viel elterlichen Schutz es braucht.

Während Kinder früher oft stundenlang allein draussen herumgestrolcht sind, stehen sie heute häufig sogar in der Wohnung unter Beobachtung. Dinge wie Streichhölzer oder Messer werden vorausschauend weggeschlossen. Im Fall des Indianer-Tipis hätte das einen Zimmerbrand verhindert. Also ist doch alles gut, oder?

«Es kommt darauf an», findet Ruth Beer, wissenschaftliche Mitarbeiterin Schule und Familie bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU, die die Geschichte vom Kinderzimmer-Lagerfeuer erzählt.

Situation, Alter und Fähigkeiten des Kindes entscheiden darüber, wie viel elterlichen Schutz es braucht. Dann stellt sie eine Gegenfrage: «Warum würde ein Erwachsener vermutlich nie ein Feuer mitten in der Wohnung entfachen?»

So entwickeln Kinder Risikokompetenz 

Im Laufe des Lebens entwickeln Menschen eine sogenannte Risikokompetenz. Sie lernen, eine Gefahr zu erkennen (es wird nicht nur das Lagerfeuerholz brennen, sondern auch der Rest der Wohnung) und diese angemessen zu beurteilen (deshalb kann ich das Feuer nicht einfach mitten auf dem Parkett entzünden).

Und sie lernen, individuell zu entscheiden, wie man Gefahren am sichersten begegnen kann, und passen das eigene Handeln entsprechend an (das Lagerfeuer wird draussen gemacht – auf einem Untergrund, der nicht gleich mit in Flammen aufgeht). «Gefahrenbewusstsein und Selbststeuerung ergeben gemeinsam die Risiko­kompetenz», sagt Beer. 

Vielfältige Erfahrungen wie der Sprung vom Felsen stärken die Risikokompetenz.

Wie fast alles im Leben müssen Kinder auch eine solche Risikokompetenz erst lernen. «Kann ein Kind vielfältige Erfahrungen machen, gelingt das ein Stück weit automatisch», sagt Sonia Stürm von der Fachstelle für Ernährung und Bewegung beim Amt für Gesundheitsvorsorge im Kanton St.Gallen. Durch entdeckendes Lernen, durch Erfolg und Misserfolg schaffen es Kinder mit der Zeit, Situationen angemessen einzuschätzen.

Spätestens bei Teenagern haben Eltern keine Chance mehr, sich jederzeit in einen Rettungshelikopter zu verwandeln.

Wenn ein Einjähriger mehrmals über die Türschwelle gestolpert ist, weiss er, dass er künftig besser seine Beine hebt. Packt man ein Kind dagegen in Watte und schirmt es vor allen möglichen Gefahren und Risiken ab – beispielsweise, indem man es jedes Mal über die Türschwelle hebt –, gelingt diese automatische Entwicklung nicht.  

Seien Sie als Eltern offen und gesprächsbereit

«Leider leben wir inzwischen in einer überkontrollierten Welt, in der viele Eltern vorsichtiger und risiko­averser sind als früher», weiss Lu Decurtins aus seinen Elternbildungsveranstaltungen. Der Zürcher Sozialpädagoge hat sich ausführlich mit dem Thema Risikokompetenz beschäftigt. Ein besonderes Anliegen sind ihm dabei Buben in der Pubertät: «In diesem Alter kann man Kinder nicht mehr daran hindern, ein Risiko einzugehen. Und bei Buben gilt mutig zu sein gemeinhin als wichtiger Wert.»

Spätestens bei ihren Teenagern haben die Eltern also keine Chance mehr, sich in einen Rettungsheli­kopter zu verwandeln und auf jeder Party aufzutauchen. Und das müssen sie auch gar nicht, wenn sie ihre Kinder in den Jahren davor dabei unterstützt haben, eine gute Risikokompetenz zu entwickeln.

«Dann betrinke ich mich als Jugendlicher zwar immer noch. Aber hoffentlich mache ich das zusammen mit guten Freunden in einer bewusst gewählten Umgebung und habe mir zudem Gedanken darüber gemacht, ob und wie ich danach wieder nach Hause komme», sagt Decurtins. 

Wenn ich das Kiffen einfach verbiete, kann darüber auch kein Austausch stattfinden.

Lu Decurtins, Sozialpädagoge

Für Eltern sei es auch immer wichtig, grundsätzlich interessiert und offen an Themen heranzugehen, die für Jugendliche Risiken mit sich bringen können. «Wenn ich beispielsweise das Kiffen einfach kategorisch verbiete, kann darüber auch kein Austausch mehr stattfinden. Nur wenn sich Jugendliche verstanden fühlen, sind sie bereit, über ei­gene Grenzen zu reflektieren, sich mitzuteilen und gemeinsam mögliche Folgen zu diskutieren», sagt Decurtins.

Die Aufgabe der Eltern bleibt es dennoch weiterhin, ihrerseits klare Regeln und Grenzen aufzustellen, um Partys, Ferien oder die Skitour mit Freunden in einen alters­entsprechenden Rahmen zu betten. 

«Je sicherer Umwelt und Umfeld des Kindes sind, umso freier kann es sich darin bewegen», sagt BFU-Mitarbeiterin Beer. Beim Kleinkind bedeutet dies zum Beispiel, die Treppen zu sichern, damit es seine ersten Schritte auch unbeobachtet machen darf. Ein Kindergartenkind kann sich auf einem Spielplatz frei bewegen – solange es Eltern nicht auf Klettergerüste hinaufheben, auf die es selbst noch nicht hochklettern könnte.

Primarschüler gehen am besten allein und zu Fuss oder mit dem Fahrrad zur Schule – nachdem der Weg mit ihnen geübt wurde und sie wissen, was zu tun ist, wenn eine fremde Person sie ansprechen sollte. «Und die pubertierende Tochter lässt man zum Konzert, aber eben nur in Begleitung ihrer Freundin und mit entsprechenden Vereinbarungen», sagt Decurtins.

In all diesen Situationen machen Kinder neue Erfahrungen, die sie brauchen, um sich weiterzuentwickeln. Manchmal werden sei dabei auf die Nase fallen oder müssen an ihre Grenzen gehen. «Aber genau diese Erfahrung stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit und gibt Selbstvertrauen», weiss Decurtins. 

Abenteuer und Lagerfeuer

Eine Organisation, die sich schon lange dafür einsetzt, Kinder durch Freiheit, Abenteuer und Lagerfeuer zu einem gesunden Selbstbewusstsein zu verhelfen, ist die Pfadfinderbewegung. «In unserem Alltag ist es  für Kinder inzwischen ganz schön schwer geworden, überhaupt in riskante Situationen zu kommen», sagt Philippe Keller, Leiter Ausbildung und Betreuung bei der Pfadibewegung Schweiz.

Spielplätze seien mit Vollgummimatten gesichert, einen wilden Wald hätten immer weniger Kinder vor der Haustür. «Und in der Schule werden manchmal schon gar keine Ausflüge mehr in Richtung Wasser unternommen, weil keine Lehrperson die Verantwortung dafür tragen will», sagt Keller.

Er rät Eltern, ihren Kindern frühzeitig ein Sackmesser zu kaufen und ihnen den Umgang damit zu zeigen. Sie auf Bäume klettern zu lassen. Und natürlich ein Lagerfeuer zu machen. Nur nicht gerade auf dem Parkettboden.

Sandra Markert
ist freie Autorin und lebt mit ihrer Familie am Bodensee. Sie hat immer Suppennudeln im ­Vorratsschrank. Die mögen nicht nur alle drei Kinder (7, 5 und 2 Jahre). Sie können sich die Nudelsuppe auch selbst kochen, wenn ihnen das Essen auf dem Tisch nicht schmeckt.

Alle Artikel von Sandra Markert