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Elternbildung

Mobbing: «Sie stinkt, trägt die falschen Kleider und ist doof»

Wie das Leben unserer Tochter durch Mobbing aus den Fugen geriet. Eine Mutter* klagt an. 
Aufgezeichnet von Fabian Grolimund 
Angefangen hat alles 2013 gegen Ende der dritten Klasse. Unsere Tochter kam immer öfter weinend nach Hause. Sie machte nicht mehr mit anderen Kindern ab und erzählte, dass die Klassenkameraden sie immer beschimpften. Mit der Zeit hat man ihr immer wieder Dinge versteckt oder weggeworfen. Schliesslich wurden die Angriffe auch körperlich, so wurde sie beispielsweise mit Steinen beworfen. Zuerst gingen die Angriffe nur von Einzelnen aus. Am Schluss von der gesamten Klasse. Auch während des Unterrichtes wurde sie immer öfter beschimpft. Es häuften sich auch die Einträge der Lehrerin im Kontaktheft: «Sie stört den Unterricht», «Sie schreit herum», «Sie ist laut». Unsere Tochter wurde immer übellauniger, und wenn wir sie darauf ansprachen, gab sie allen anderen die Schuld, nur nicht sich selbst. 

Tochter verkroch sich immer mehr in ihr Schneckenhaus

Zuerst haben wir versucht, mit ihr über passives Verhalten zu sprechen, wir haben den Fehler auch bei ihr gesucht. Immer wieder sagten wir ihr, das gehe vorbei, und rieten ihr, sich etwas zurückzuhalten und aus der Schusslinie zu gehen, sich rarzumachen und diesen Kindern aus dem Weg zu gehen. Doch dies stelle sich als sehr schwierig heraus. Aber je intensiver das Mobbing wurde, desto aktiver wurden wir. 

Wir haben mehrmals versucht, mit der Lehrerin zu sprechen. Diese fand, wir würden die Situation aufbauschen. Sie sei schon so lange Lehrerin und würde solche Probleme schon erkennen. Die Lehrerin stand kurz vor der Pensionierung, und ich denke, sie wollte nur noch einen ruhigen Abgang. Daher werde ich jetzt nicht alle Lehrer in einen Topf werfen, denn eigentlich haben wir zu den Lehrern und der Schulleitung einen guten Kontakt. 

Im Frühling 2014 merkten wir ganz extrem, dass unsere Tochter sich immer mehr in ihr Schneckenhaus verkroch. In den Ferien wollte sie sich mit niemandem treffen, ging nur noch in den Keller, um zu basteln, oder verkroch sich in ihrem Zimmer. Nur wenige Male gelang es einem drei Jahre jüngeren Mädchen, sie zum Spielen nach draussen zu holen. Als die Ferien sich dem Ende zuneigten, kamen die Schlafstörungen. Sie konnte nicht mehr einschlafen, hatte Alpträume oder war nach zwei Stunden Schlaf wieder wach. Ihre Launen wurden immer schlimmer. Da setzten wir uns abermals mit unserer Tochter zusammen und redeten. Sie bat uns, die Schule wechseln zu dürfen – ein Internat, nur nicht mehr zurück in die Klasse. Wir versprachen ihr, nochmals mit der Lehrerin in Kontakt zu treten. 
«Ah, die schwierige Mutter kommt».
Die Klassenlehrerin der Tochter
Das Gespräch brachte aber nicht viel, sodass ich einen anderen Weg einschlug. Ich rief die Schulsozialarbeiterin an, und diese machte einen Termin mit mir ab. Die Schulsozialarbeiterin holte unsere Tochter regelmässig mit verschiedenen Schulkameraden ab und führte Gespräche, um die Kinder auf die Problematik anzusprechen und Lösungen zu suchen. Wir Eltern wurden auf dem Laufenden gehalten über die Gespräche. Leider fruchtete es nichts. Als dann auch noch ein Klassenlager angesagt wurde, erlebten wir unsere Tochter auf eine Weise, die wir nicht kannten. Sie wollte nicht ins Lager fahren, obwohl sie schon in sehr vielen Pfadilagern gewesen war. Also entschloss ich mich zu einem Besuch bei der Lehrerin. Begrüsst wurde ich mit den Worten «Ah, die schwierige Mutter kommt». Welch ein Aufsteller! Ich äusserte die Bedenken meiner Tochter und sagte, dass sie zunehmend isoliert werde und mittlerweile von der gesamten Klasse gemobbt werde. Die Lehrerin tat dies als Humbug ab und wollte mir beweisen, dass unsere Tochter in der Pause mit den anderen Mädchen spiele. Sie suchte meine Tochter und fand sie alleine beim Lesen vor. 

Die Attacken mehrten sich

Wir kamen überein, dass unsere Tochter nach den Ferien entscheidet, ob sie mit der Parallelklasse zur Schule geht oder ins Klassenlager mitfährt. Wir Eltern redeten viel mit unserer Tochter und versuchten eine Sandkastenfreundin von ihr, die auch in die gleiche Klasse ging, um Hilfe zu bitten. Dann kam das Lager und unsere Tochter fuhr mit, es gab keine nennenswerten Vorfälle. Aber nach dem Klassenlager wurde auf einmal alles schlimmer, sodass in Freundschaftsbücher geschrieben wurde: Meine Hobbys: sie schlagen, sie verprügeln. Meine Ziele: sie zu ermorden, sie fertigzumachen usw. Als ich dies sah, brach für mich eine Welt zusammen und ich war nur noch wütend. Die Attacken mehrten sich, bis ein Schüler sogar ihre Brille auf den Boden warf und ihre Gläser ersetzt werden mussten. Irgendwann konnte ihr nicht einmal mehr die Sandkastenfreundin helfen, da diese mittlerweile selbst gemieden wurde. Einmal redete die Klasse über Mobbing und wie es meiner Tochter gehe. Die Lehrerin fragte, was meine Tochter alles falsch mache und was richtig. Dabei musste meine Tochter anwesend sein. Das «Ergebnis»? Sie stinke, trage falsche Klamotten, sei nicht «in», schreie, sei doof usw. Am Abend weinte sie sich in den Schlaf. Dies und die immer schlechtere Schulleistung und der Gemütszustand unserer Tochter veranlassten uns, im Winter 2014/2015 einen Antrag auf eine freiwillige Repetition der Klasse zu stellen. 
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«Ich würde so gerne dazugehören, akzeptiert werden und Freunde haben»
Tochter 
Die Schulsozialarbeiterin und die Schulpsychologin halfen uns weiter. Wir stellten das Repetitionsbegehren auf ausdrücklichen Wunsch unserer Tochter. Ihre Worte waren: «Ich würde so gerne dazugehören, akzeptiert werden und Freunde haben. Vielleicht komme ich dann beim Schulstoff wieder mit. Die Schule macht so keinen Spass.» Durch das lange Mobbing waren ihr Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein fast nicht mehr vorhanden. Sie verabredete sich nicht mehr mit Klassenkameradinnen. Früher hatte sie es immer wieder versucht, irgendwann mochte sie dann nicht mehr. Wenn sie draussen spielte, dann nur mit kleinen Kindern. Ihr unbeschwertes, glückliches, lebensfrohes Wesen war nur noch in den Ferien sichtbar. 

Nach dem Schulwechsel ging es für unsere Tochter steil bergauf

Dann kamen auch noch gesundheitliche Probleme dazu. Sie konnte abends oft nicht einschlafen. Der mangelnde Schlaf ist weder für die Konzentration noch für ihre Gesundheit förderlich. Wir als Eltern verstehen unsere Tochter und unterstützen sie. Sie wollte einen Neustart in einer neuen Klasse, und wir waren der Meinung, es ist einen Versuch wert, um unser Kind wieder glücklich zu sehen. Für uns sind die schulischen Leistungen zweitrangig. Wir denken, dass diese sehr stark mit der Klassenentwicklung zusammenhingen. Wir wünschen unserem Kind die Chance, ein normales, soziales, glückliches und gesundes Leben zu führen. Nach dem Schulwechsel ging es für unsere Tochter steil bergauf, sie hat Freunde und geht wieder raus und macht ab. Auch die Schulnoten sind sichtlich besser geworden. Der Schulwechsel war für alle die beste Lösung. Zuerst hat uns das Mobbing als Familie auseinandergedrängt. Mein Mann und ich hatten immer häufiger Streit über das Verhalten unserer Tochter. Erst als sie deutlich sagte, sie würde nicht mehr zur Schule gehen, und wir das Repetitionsbegehren geschrieben hatten, normalisierte sich unser Familienleben. Wir sind stärker zusammengewachsen und reden heute offen über Gefühle und Stimmungen.

 * Name der Redaktion bekannt 

Bild: pololia / Fotolia

Dossier Mobbing


Dieser Text erschien im Dossier Mobbing in der Septemberausgabe des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi 2016. Auf 26 Seiten setzen wir uns mit allen Facetten des Mobbings auseinander, stellen Lösungsansätze vor und lassen alle Beteiligten zu Wort kommen. Sie können die Ausgabe HIER bestellen. 

1 Kommentar

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Von Esther am 22.09.2016 10:52

Es ist als würde ich die Geschichte unserer Tochter lesen oder jene des Mädchens, welches ich als Heilpädagogin begleitete. Dabei wird überdeutlich, dass wir Eltern viel zu lange warten, dem Schulteam nicht ins Gärtchen trampen wollen, zu lange zu viel Vertrauen in kompetentes Handeln der Lehrpersonen haben. Auch aus Sicht der Heilpädagogin erfahre ich, dass die so wichtigen Rückmeldungen der Eltern viel zu spät kommen. Natürlich weiss ich aus eigener Erfahrung weshalb das so ist. Ich war auch eine schwierige Mutter, mein Mann und ich haben zwar zu lange gewartet aber niemals weggeschaut. Wir waren renitente Eltern, die auf eine Lösung des Problems gedrängt hatten. Dabei haben wir den Dienstweg korrekt eingehalten, haben vernünftig und ruhig argumentiert. Wir wurden teilweise ernst genommen und es wurde auch etwas unternommen. Als dies nichts fruchtete war für die Lehrpersonen klar, dass die Schuld bei der Familie liegt. Letztendlich haben wir unsere Tochter aus der Schule genommen. Im Gymnasium Muristalden ist sie dann aufgeblüht.
Es ist eine psychische Höchstleistung von Eltern, die an den Qualen des Kindes leiden, trotzdem in Anstand und Würde und ruhig für den Schutz und die Gesundheit ihres Kindes einzutreten. Denn gegen Mobbing anschreiten, bedeutet in einer unreifen Gemeinschaft Ächtung, Verachtung und Schuldzuweisungen ausgesetzt zu sein. In der Folge werden Gründe gesucht, mit welchen die Glaubwürdigkeit mutiger Eltern in Frage gestellt werden.
Deshalb verstehe ich aus der Sicht der Heilpädagogin, dass Eltern zu spät insistieren.
Trotzdem; in einer reifen Gemeinschaft wird sofort gehandelt, mit Programmen wie dem "no blame approach" oder auch eigenen, speziell für eine Klasse erfundenen. Mit dem Stärken des Gemeinschaftsgefühls in der Klasse, dem Setzen von psychosozialen Wochenzielen, welche bei Erreichen mit Punkten belohnt und in der Folge zu einem gemeinsamen Ausflug führen, konnten wir in einem anderen Mobbingfall die Dynamik durchbrechen.
Aus der Sicht der Mutter, mit der Erfahrung als Heilpädagogin, rate ich betroffenen Eltern gut abzuwägen, ob es sich beim entsprechenden Schulteam um eine reife oder unreife Gemeinschaft handelt. Im zweiten Fall würde ich das Kind sofort aus der Klasse nehmen. Alles andere vermehrt das Leiden und vernichtet den Selbstwert.
Wichtig aber ist die Schulung von Lehrpersonen und HeilpädagogInnen. Leider bleibt diese häufig im Ansatz stecken. Eine Schulung doziert zu bekommen, ist zwar wichtig für die theoretischen Grundlagen. Aber echte Schulung bedeutet ÜBEN. Simulierte Fallsituationen erleben und darin handeln. Dafür gibt es bei der "Berner Gesundheit" Fachpersonen, die solche Schulungen durchführen.
Die Sensibilisierung auf das Thema tut Not!!!
Ich gratuliere den Autoren für diese hervorragenden Artikel!!!
Allen Betroffenen wünsche ich sehr viel Mut und Kraft beim Anschreiten gegen das Mobbing. Zum Beispiel auch den Mut haben, sich psychologische Hilfe zu holen. Denn Mobbing ist für alle Beteiligten eine enorme psychische Belastung.
Herzlich, Esther

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