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Elternbildung

Lassen Sie Ihre Kinder doch mitentscheiden!

In einem Punkt sind Kinder nicht anders als Erwachsene: Auf Bevormundung reagieren sie mit Protest und Verweigerung. Sinnvoller wäre es, sie in Entscheidungen miteinzubeziehen.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Studien, die in Altersheimen durchgeführt wurden, förderten immer wieder einen spannenden Befund zutage: Einzelne Bewohner verhalten sich gegenüber den Zeitplänen, Vorschriften und Regeln rebellisch. Sie weigern sich, abends das Licht zu löschen, und lehnen sich gegen Bevormundung und gut gemeinte Vorschriften auf.
New-York-Times-Autor-Charles Duhigg beschreibt eine Gruppe von Bewohnenden eines Altersheims, die ein Brecheisen aus dem Werkzeugschrank entwendeten, um die festgeschraubten Möbel aus den Wänden zu lösen. Sie wollten selbst bestimmen, wie sie ihr Zimmer einrichten. Als der Heimleiter ihnen mitteilte, dass sie doch nur um Hilfe zu fragen bräuchten, wenn sie etwas ändern möchten, meinten sie, dass sie keine Hilfe wollten, keine Erlaubnis bräuchten und weiterhin machen würden, was ihnen verdammt noch mal in den Kram passe!
Solche Rebellen sind für Pflegekräfte und die Heimleitung anstrengend. Aber: Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass sie zufriedener und gesünder sind, länger leben und geistig und körperlich agiler bleiben als die angepassteren Bewohner.

Mit statt über Menschen sprechen

Weitere Studien konnten nachweisen, dass Heimbewohner im Allgemeinen länger leben, wenn ihnen Mitbestimmungsrecht eingeräumt wird. Wenn sie beispielsweise selbst festlegen dürfen, wann sie Besuch empfangen, wie sie ihr Zimmer einrichten, was sie essen oder wann sie spazieren gehen.
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Studien zeigen: Rebellische ­Altersheimbewohner leben ­länger als angepasste.
Menschen wollen mitbestimmen – das ist wahrscheinlich uns allen klar. Das Problem ist, dass wir es immer wieder vergessen.

Egal ob es ums Altersheim geht, die Firma, das Schulsystem oder die Familie: Oft machen wir uns Gedanken über die beste Lösung. Dabei sprechen wir oft über die Menschen, die es betreffen wird – aber nicht mit ihnen: Heimleiter überlegen, wie sie Abläufe optimieren und bestmögliche Bedingungen schaffen können, ohne die Bewohnenden miteinzubeziehen. Politikerinnen überlegen sich, welche Reformen unsere Schulen brauchen, ohne sich intensiv mit den Personen auszutauschen, die wirklich Bescheid wüssten: den Schülerinnen und Schülern und den Lehrpersonen.
Eltern fragen uns nach einem Vortrag, warum ihr Kind nicht gerne zur Schule geht oder ob ein Schulwechsel sinnvoll wäre, und reagieren überrascht, wenn wir fragen: «Was meint denn Ihr Kind dazu?» Sehr oft antworten sie darauf mit: «Das ist uns jetzt fast peinlich, aber wir haben es noch nie gefragt.»

Auch uns ist das schon passiert. Als wir an der Akademie für Lerncoaching vor sieben Jahren das erste Mal ein Seminar für Eltern von ADHS-betroffenen Kindern anboten, hatten wir uns im Vorfeld viele Gedanken gemacht, unzählige Studien und Bücher gelesen und uns mit anderen Fachpersonen ausgetauscht. Wir dachten: «Jetzt wissen wir, was die Eltern brauchen.» Als wir die Eltern zu Beginn des Seminars fragten, was sie belastet und was sie von uns wissen möchten, haben wir bemerkt, dass wir 90 Prozent der Inhalte austauschen müssen und die Anliegen ganz andere sind, als wir erwartet hatten.

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