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Elternbildung

Was ist ein Erziehungsfehler?

Kürzlich fragte mich jemand: «Fabian, ich habe gelesen, dass Eltern nichts mehr stresst als der Gedanke, bei der Erziehung gravierende Fehler gemacht zu haben. Aber gibt es das tatsächlich, Erziehungsfehler? Wer definiert, was als Fehler gilt? Und lassen sich solche Fehler wieder ausbügeln?» Drei gute Fragen.
Text: Fabian Grolimund
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Ich bin kein Verfechter einer bestimmten Erziehungsideologie oder -methode. Für mich ist Erziehung dann gelungen, wenn sie dazu beiträgt, dass Kinder als Erwachsene sagen können: Ich kenne mich, ich kann mich selbst annehmen, ich weiss, was ich möchte, ich bin in der Lage, mit anderen Menschen gute Beziehungen aufzubauen und die Welt um mich herum in positiver Weise mitzugestalten.

Was ein Erziehungsfehler ist, möchte ich daher auch nicht an einer bestimmten Erziehungsideologie festmachen. Aber wir können einen Blick in die Therapiezimmer werfen und uns fragen: Welche Erfahrungen mit den eigenen Eltern waren so verletzend, dass sie Menschen auch als Erwachsene nicht loslassen, ihnen die Lebensfreude stehlen und sie psychisch krank machen?

Wenn wir uns diese Frage stellen, stossen wir fast unweigerlich auf eine Reihe von psychologischen Grundbedürfnissen, die jeder Mensch hat. Werden diese über längere Zeit verletzt, kann dies gravierende Folgen für die Entwicklung eines Menschen haben. Zu diesen Grundbedürfnissen zählen beispielsweise das Bedürfnis nach Sicherheit, Bindung, Autonomie, Wertschätzung und Kompetenz.
Kinder müssen sich in der Beziehung zu ihren Eltern sicher fühlen. 
Aus diesen Bedürfnissen können wir eine Reihe von Grundüberzeugungen ableiten, die ein Kind entwickeln sollte. Und ich glaube, wir dürfen von einem Fehler sprechen, wenn Eltern mit einem Kind auf eine Art und Weise in Kontakt treten, die das Gegenteil bewirkt.

Eltern als Quelle der Angst?

Kinder müssen sich in der Beziehung zu ihren Eltern sicher fühlen. Dazu gehört, dass das Kind weiss, dass die Eltern es vor Gefahren schützen, da sind, wenn sie gebraucht werden und verlässlich reagieren. Eltern, die in der Erziehung physische oder psychische Gewalt anwenden, verletzen dieses Bedürfnis und werden für das Kind zu einer Quelle der Angst. Besonders gravierend wirkt sich dies aus, wenn die Eltern unberechenbar sind und das Kind die Gewalt damit nicht ein­mal vorhersehen kann.

Kinder fühlen sich auch dann unsicher, wenn ihre Eltern psychisch zu labil sind, um die Elternrolle aus­zufüllen. So übernehmen beispiels­weise Kinder von depressiven oder alkoholkranken Eltern oft sehr früh viel Verantwortung und passen sogar auf die eigenen Eltern auf. Manchmal geht dies so weit, dass die Kinder oder Jugendlichen die Eltern nicht aus den Augen lassen wollen, weil sie Angst haben, diese würden sich in einem unbeobachteten Moment das Leben nehmen.

Es kommt auch immer wieder vor, dass Eltern ihre Stimmung und ihre Gefühle ungefiltert auf die Beziehung zum Kind übertragen: Wenn sie gut gelaunt sind, über­häufen sie das Kind mit Liebe und Zuneigung, sind aber am nächsten Tag schon wieder so mit sich selbst beschäftigt, dass sie distanziert wir­ken und ungeduldig sind. Derartige Muster schüren beim Kind eine grundlegende Unsicherheit. Sie sind in der Folge permanent damit beschäftigt, sich an die Eltern und deren Launen anzupassen.

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