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Elternbildung

Ab in den Wald!

Musikstunden, Sportkurse, Spielnachmittage: Dieses Programm ist in vielen Familien Alltag. Neuste Forschungen zeigen, dass organisierte Aktivitäten das kindliche Gehirn eher negativ belasten. Experten fordern deshalb die Rückkehr zum freien kindlichen Spiel – am besten in der Natur.
Text: Claudia Landolt
Bilder: Gabi Vogt / 13 Photo
Staunend guckt Noah, 7, zum Himmel und sieht den Blättern zu, wie sie sich im Wind bewegen. So etwas habe er noch nie gesehen, sagt er. Und dann: «Ich bin zum ersten Mal im Wald.» Die anderen Kinder sind perplex. «Mama, da häts ein oder zwei Buebe, die sind no nie im Wald gsi», werden sie später leicht fassungslos zu Hause berichten. Die Lehrerin erstaunt dies nicht. «Das ist keine Seltenheit», sagt sie, die zusammen mit zehn anderen Siebenjährigen eine Projektwoche im Wald durchführt. Die Kinder bauen eine Brücke, klettern auf einen selbstgebastelten Turm aus Holzresten und kochen sich ihr Mittagessen auf dem Feuer in Eigenregie. Vier Stunden pro Tag können sie so viel schnitzen, graben und im Wald herumlungern, wie es ihr kleines Forscherherz begehrt. «Es ist leider eine Tatsache geworden, dass Kinder den Wald nur noch gelegentlich besuchen, und wenn, dann brav auf dem Spazierweg », erklärt die Lehrerin, die anonym bleiben möchte. Natur sei für viele Kinder zu einer Art Kulisse geworden, die vom Auto, vom Fahrrad oder vom Weg aus betrachtet wird. 
Studien zeigen denn auch: Die Generation der Grosseltern verbrachte noch 75 Prozent der Freizeit draussen, jene der Eltern 55 Prozent und jene unserer Kinder nur noch 25 Prozent. Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther beklagen diesen Rückgang. Der Kinderarzt und der Neurobiologieprofessor aus Deutschland schreiben in ihrem Buch «Wie Kinder heute wachsen», dass der Aktionsradius der Kinder – also der Raum, in dem sie auf eigene Faust spielen und entdecken dürfen – zwischen 1970 und 1990 auf einen Neuntel zurückgegangen sei. «Es ist anzunehmen, dass inzwischen weitere Einbussen dazugekommen sind. Und für viele Kinder kommt auch noch eine elektronische Leine dazu – welches Kind ist nicht jederzeit per Handy für seine Eltern erreichbar?», so die Autoren weiter. Eine fatale Entwicklung, sagen sie, denn: «Die Natur stellt für Kinder einen massgeschneiderten Entwicklungsraum dar.» Sie biete den Kindern Reichtum für ihre Entwicklung, stecke voller Anreize, die zu den Herausforderungen des Grosswerdens passten wie der Schlüssel zum Schloss.

Zuhören, wie der Bach plätschert

Der Waldbesuch ist in vielerlei Hinsicht wichtig für die Entwicklung des Kindes und für all seine Sinne: das Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Berühren. Es plätschert, die Kinder beobachten, wie das Wasser im Bach über die Steine streicht; es riecht feucht; sie fühlen an der Haut, wenn Tropfen aufspritzen, wie auch das weiche Moos, wenn sie barfuss darauf gehen. Das erzeugt Eindrücke, die sich im Nervensystem verankern und beim Kind später Assoziationen hervorrufen. Die Entwicklung des Kindes sei in den ersten Lebensjahren entscheidend für die Vernetzung des Nervensystems, die Synapsenbildung, sagt der Neuropädiater Markus Weissert. «Die Natur ist das geeignete Umfeld dafür, indem die Kinder sensorische Informationen bekommen, die zu Hause nicht kompensiert werden können.» Zudem zeige sich, dass Kinder, die im Wald sind, mehr kreative Lösungsvarianten kennen als Kinder, die nur im Schulzimmer sitzen.
Unsere Grosseltern verbrachten 75 Prozent ihrer Freizeit draussen. Bei unseren Kindern sind es noch 25 Prozent.
Diese Fachleute sind nicht die einzigen, welche die «Naturlosigkeit » vieler Kinder beklagen. Von einer eigentlichen «Naturdefizit- Störung» sprach schon 2005 der Amerikaner Richard Louv in seinem viel beachteten Buch «Das letzte Kind im Wald». Und Kinderarzt und
Buchautor Remo Largo weist seit Jahren in Interviews darauf hin, dass Kinder «in der ganzen Menschheitsgeschichte fast ausschliesslich in der Natur aufgewachsen» seien. Natur und der Wald bildeten einen idealen Lebensraum für dieses freie, selbstbestimmte kindliche Spiel, sagt Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm. «Die beste frühkindliche Bildung ist die ganzheitliche Förderung aller Sinne. Da bietet sich der Wald doch an» (mehr dazu im Interview). 
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Drastischer Rückgang

Die Kinder haben immer weniger Zeit zum Spielen. Gemäss Forschungen spielen Kinder heute bis zu einem Drittel weniger als noch vor 15 Jahren. Dabei wäre es so wichtig. «Freies Spiel dient der Lebensbewältigung », schreibt der emeritierte Professor Rolf Oerter in seinem pädagogischen Standardwerk «Entwicklungspsychologie ». Man könne sagen, dass «das freie Spiel der mentalen und körperlichen Hygiene dient». Denn im freien Spiel gibt das Kind den Ton an. Es nutze, so Oerter, das Spiel, um Gegengewicht gegen den immerwährenden Sozialisationsdruck zu setzen und damit die eigene Autonomie schon frühzeitig zu etablieren. In diesem Sinne sei Spielen Bildung. Nicht nur das. «Spielen ist die Arbeit des Kindes und seine wichtigste Tätigkeit» – das sagt Professor André Frank Zimpel. Der Pädagoge ist europaweit der bekannteste Forscher, der die frühkindliche Entwicklung und insbesondere das Spiel untersucht. Für Zimpel ist Spielen das Beste, was ein Kind tun kann. «Wenn Kinder einen Stein wie ein U-Boot auf dem Boden, im Wasser oder im Sand fahren oder sich Blumen wie die Krone einer Prinzessin aufsetzen, bewegen sie sich in einer Fantasiewelt.» 
Kinder, die regelmässig im Wald spielen, sind kreativer als Kinder, die nur im Schulzimmer sitzen.
Trotzdem seien sie mit einem Bein ständig in der realen Welt. Gerade in der Fantasie lerne ein Kind, seine Einbildungskraft einzusetzen und zu abstrahieren. Kinder sähen im Fantasiespiel von einigen Eigenschaften ab und höben andere hervor, so Zimpel. Genau diese Art der Gehirntätigkeit ist später die Grundlage für natur- und geisteswissenschaftliches Denken. Kinder suchen sich im Spiel intuitiv selbst Herausforderungen, die ihre intellektuelle Entwicklung vorantreiben, und lernen so nahezu alles durch das Spiel. Kleine Kinder spielen zu lassen, bedeute keinesfalls, sie sich selber zu überlassen, sagt Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind. Spielen brauche Freiräume und Zeit. Wer nicht spielen dürfe, sei in der Entwicklung eingeschränkt, was Kreativität und Konzentrationsfähigkeit betreffe. Solche Kinder, erklärt Simoni, seien weniger gut imstande, Pläne zu schmieden und umzusetzen. Wird dies von Eltern, Kitas und Schule unterstützt, so lautet der einhellige Tenor der Entwicklungspädagogen, führt es zu einer gesunden Entwicklung in allen wichtigen Bereichen – kognitiv, emotional, sozial, kreativ und motorisch.

4 Kommentare

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Von Matina am 23.10.2017 20:31

Ein super Artikel und Danke dafür!
Zum Spielen lernen gehören aber auch Raum um Erfahrungen zu machen, die jenseits von Geräuschen und Naturerfahrungen gehören. Eine Vorbereitung auf das Leben heisst auch lernen, Gefahren einschätzen zu lernen und damit verbunden, aus eigener Kreativität Probleme zu lösen. Dies ist heute (Thema Überbehütung) kaum mehr möglich. Mütter sitzen den ganzen Tag am Handy und überwachen/kontrollieren ihre Kinder. Verlassen sie das Haus...um Himmels Willen...was könnte meinem Kind alles passieren - ertrinkt es evtl. gerade in einer Pfütze? Kinder werden heute ihren eigenen ÜBERLEBENSTRIEBS entledigt. Sie lernen nur noch, wie man sich in Gegenwart von Erwachsenen zu benehmen und zu verhalten hat. Jeder hat Angst, es könnte etwas passieren. Big Brother is -ewig- watching you. Die heutige junge Generation ist fähig hunderte von Menschen pro Tag am PC zu erschiessen (Hauptsache sie sind zu Hause unter Aufsicht ;-) aber Dank der Eltern kaum mehr in der Lage, sich selber zu helfen, sobald sie allein auf sich im Wald gestellt sind. Traurig für alle die ich kenne, die heute mittlerweile an die 30 sind. Sie haben eine enorme Angst vor der Realität entwickelt, da sie sich noch nie damit messen mussten.

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Von Nadine am 01.06.2017 21:23

Auch mir spricht der Artikel aus dem Herzen. Nur: So einfach ist die Sache nicht. Ja, der Aktionsradius der Kinder ist gegenüber den 70ern massiv kleiner geworden. Wohl aber auch deshalb, weil die Zahl der Fahrzeuge seit damals massiv gestiegen ist. Die Schweiz hat vielerorts relativ planlos alle anderen Bedürfnisse dem (Privat-)Verkehr untergeordnet. Hauptsache, man kann mit dem Auto im Quartier bis vors Haus fahren oder in der Stadt bis vor den Laden fahren. Solange diese Prioritäten sich nicht ändern, wird sich der Radius unserer Kleinen kaum vergrössern. Vielleicht sollte man die Debatte Mal so rum führen.

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Von <!DOCTYPE html> <html> <body> <p><a href="https://www.spielplatz-scout.at">Tobias</a></p> </body> </html> am 01.06.2017 12:38

Ich finde das selber sehr wichtig das meine Kinder immer in den Garten gehen dürfen um die Natur zu erleben. Mit Erde spielen und alle Pflanzen Kennenlernen.
Leider haben uns unsere Großeltern uns das wissen der vielen heil pflanzten nicht mitgegeben. Danke für den Artikel.

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Von Tanja am 07.09.2016 21:13

Spricht mir aus dem Herzen! Vielen Dank für den Artikel

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