Hilfe, unsere Kinder sind auf Tinder!
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Hilfe, unsere Kinder sind auf Tinder!

Nach einem grossen Liebeskummer ist unser Junior auf Ablenkung aus. Nichts Ernstes, nur ein bisschen Spass, sagt er. Grundsätzlich eine gute Idee, findet unsere Bloggerin Irma Aregger, bis sie sieht, dass das gute Kind auf Tinder ist.
Text: Irma Aregger
Bild: rawpixel.com
Gerade mal ein halbes Jahr hat die neue, grosse Liebe unseres Juniors gehalten. Und päng, war er von einem Tag auf den anderen von ihr erst angeschossen und dann abgeschossen. Erledigt. Fertig. Aus. Dass dieses Aus fast gleichzeitig mit dem Beziehungsende unserer Tochter und ihrem Freund zusammengefallen ist – und dies erst noch im Lockdown, hat die seelische Balance in unserem Haushalt zwischenzeitlich in eine etwas fragile Schräglage gebracht. Während das Töchterchen den Weg wählt, sich mit ihren Freundinnen auszutauschen und darüber zu sinnieren, weshalb der Schlussstrich gezogen wurde und versucht, die nun angebrochene Solo-Zeit zu nutzen, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, startet der Sohnemann anders durch. Ablenkung heisst die Devise. Ich nicke, finde das ja grundsätzlich auch eine gute Idee. Den Schmerz hinter sich zu lassen, zumindest zwischenzeitlich, neue Bekanntschaften zu knüpfen, sei es an einem lauen Abend am See, in der Kinopause oder mit Abstand an der Bar, schlage ich begeistert vor. «Mama», stöhnt der Junior und rollt die Iris unters Augenlid, «das ist im Fall so was von gestern. Unsere Generation nutzt Tinder!» Tinder? «Meine Kinder sind auf Tinder?!», rufe ich entsetzt aus. «Nur einer», schallt es postwendend aus dem verschlossenen Zimmer der Tochter zurück.

Tindermarkt hiess früher einfach Rindermarkt 

Ich bin in einem Dorf im Bündnerland aufgewachsen, in dem jedes Jahr ein Viehmarkt stattgefunden hat. Aus dem ganzen Tal und den umliegenden Berghügeln trieben die Bauern ihre schönsten Kühe vor sich her, um sie auf der Marktwiese zu präsentieren. Geglänzt haben nicht nur die Hörner, das Fell und die Euter der Viecher, sondern auch die Nasen und Augen der Bauern, zumindest je länger der Markt und der Tag dauerte und mit je mehr Schnaps erfolgreiche Verkaufsabschlüsse besiegelt wurden. 
 
«Auf Tinder ist das Prinzip ähnlich», kläre ich nun den Jungen auf, «hier wird einzig auf Äusserlichkeiten geachtet. Gefällt die Nase nicht, wird nach links gewischt, gefallen dir dafür die Augen, zack nach rechts.» Das Prinzip müsse ich der Jugend nicht erklären, erwidert der Junge, diese wisse schon ziemlich genau, auf was sie sich hier einlasse. Und Oberflächliches könne auch in einer verstaubten Altersdisco stattfinden. Aha. Und so lasse ich mir die Tinder-App von meinem auf innere Werte achtenden Buben erläutern. Ein eigenes Profil wird angelegt: Beruf, Sport, Hobby etc., alles möglichst vorteilhaft (das erhöht den Marktwert), aber auch ziemlich realitätsnah (das erspart mögliche Enttäuschungen beim ersten Treffen). Dazu noch ein paar aussagekräftige Fotos und ein paar Wunschkriterien, die das zukünftige Gspändli beschreiben wie Alter, Geschlecht, Entfernung etc., um allein die harmloseren zu nennen. Und schon poppen verschiedenste prächtige Profile auf, die zu einem passen könnten. Und –  jetzt kommt zum Glück die Gleichberechtigung – hüben wie drüben wird gleich bewertet. Also nicht nur der Junge herzt oder sagt «nope» zu seinen Vorschlägen, sondern die Tinderin auf der anderen Seite herzt oder sagt nein zu unserem Junior. Das hätte man den Kühen und Kälbern am Rindermarkt auch mal bieten sollen!

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