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Elternblog

Die kleine böse Stiefmutter in mir

Text: Michèle Binswanger 
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Es war die Abschlussveranstaltung der Klasse meiner Tochter vor dem Übertritt ins Gymnasium. Ich sass neben meinem Ex-Mann im dunklen Zuschauerraum, und unser Mädchen spielte auf der Bühne Theater. Ihre Rolle war die der PR-Managerin einer Band, wozu sie Blazer, Absätze und Lippenstift trug. Und gar nicht mehr aussah wie das Mädchen, das sie doch noch war. Oder etwa nicht mehr? Seit auch sie der heiligen Dreifaltigkeit von Haaren, Nägeln, Make-up huldigt, verwischt sich die Grenze zwischen Kind und junger Erwachsener nicht nur für Aussenstehende immer mehr. An jenem Abschlussabend blieb auch mir nicht mehr verborgen, dass sie nicht mehr länger nur mein Mädchen war, sondern auch eine junge Dame.
«Ist sie nicht schön?», flüsterte mir mein Ex-Mann zu. «Eine wunderschöne junge Frau.» Ich nickte und erschauerte auch ein bisschen. Eine junge Frau? Ist man das mit vierzehn wirklich schon? Wenn das nur gut geht!

Ich weiss, dass es Mütter gibt, die sich von der Jugend ihrer eigenen Töchter bedroht fühlen. Und man kann es ihnen nicht verdenken. Wenn die Kinder noch klein sind, freut man sich daran, wie schnell sie wachsen, sich verändern, der Zeit Form und Gestalt geben. Aber heute? Nie fühle ich mich älter, als wenn ich neben meiner Tochter vor dem Badezimmerspiegel stehe. Dann denke ich an in der Sonne schrumpelnde Rosinen und verblühende Rosensträucher. Während sie mit jedem Tag mehr strahlt.
Die kleine böse Stiefmutter, die Schneewittchen an den Kragen will. Bang fragte ich mich, ob auch in mir eine solche irgendwo schlummere.
Vor einigen Jahren beklagte sich einmal eine etwas ältere Freundin bei mir über ihre eigene Tochter. Sie habe, so erzählte sie, ihr Leben lang hart daran gearbeitet, ihre Tochter zu einem glücklichen, selbstbewussten Wesen zu machen. Aber jetzt sei sie selbst geschieden und die Wechseljahre ständen vor der Tür, während ihre Tochter mit ihrem Sexappeal alles habe: Jugend, Zukunft und die Blicke jedes Mannes. «Aha, der Archetypus», dachte ich. Die kleine böse Stiefmutter, die Schneewittchen an den Kragen will. Bang fragte ich mich, ob auch in mir eine solche irgendwo schlummere.

Die Wahrheit ist: Jeder will Schönheit, und wer sie besitzt, der hat Macht. Und gleichzeitig macht Schönheit ohnmächtig, weil sie so flüchtig ist. Auf mich persönlich machte das Konzept immer schon den Eindruck einer reichlich volatilen Grösse. Als 16-Jährige schwankte ich zwischen dem Grössenwahn einer die Macht ihrer Sexualität entdeckenden jungen Frau und der Verzweiflung, nicht schön genug zu sein, niemals genügen zu können. Von dieser Krankheit heilte mich ein Freund, dem ich eines Tages von Helene vorschwärmte, die als schönste Frau im Dorf galt. Er muss meinen heimlichen Neid erkannt haben, denn er sagte: «Ja, sie ist schön, aber sie ist auch dumm. Und eines Tages wird sie nur noch dumm sein.» Ich lernte: Auf Schönheit kann man nicht bauen. Aber damit arbeiten, das kann man.
Was Schönheit angeht, mag die Zeit keine besonders gute Freundin sein. Was die Erfahrung angeht, hingegen schon, und das wiegt doch einiges auf. Als ich meine Tochter auf der Bühne stehen sah und meinen Mann von ihrer Schönheit flüstern hörte, gab ich deshalb zur Antwort. «Ja, wunderschön. Und klug genug, sich nicht zu sehr darauf zu verlassen.» Und dann badete ich in der neidlosen Freude ihres Anblicks.

Michèle Binswanger
Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.


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