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Elternblog

Angst mit Mut begegnen

«Dani, Dani, Dani!», schreien die Kinder am Beckenrand ihrem Freund zu, der mit zittrigen Beinen auf dem Dreimeterbrett steht. Daniel nimmt all seinen Mut zusammen und – springt. Als er auftaucht, johlen seine Freunde. Lachend und stolz klettert er aus dem Becken und erneut auf das Sprungbrett. Beim zweiten Mal ist die Angst bereits ein wenig kleiner.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: 
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Ängste gehören zum Leben. Sie können hilfreich sein und uns vor realen Gefahren und Bedrohungen schützen. Sie können uns aber auch einengen, lähmen, uns die Lebensfreude und Lebendigkeit rauben. Damit Letzteres nicht geschieht, sollten Kinder lernen, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen. Kinder bringen dazu eine grosse Motivation mit. Sie suchen fast automatisch Situationen, in denen sie ihren Mut beweisen und sich ihren Ängsten stellen können. Sie springen freiwillig vom Sprungbrett, fahren gern in halsbrecherischem Tempo Velo, balancieren über Hindernisse, klettern auf Bäume oder hören sich gruselige Geschichten an. Sie mögen den Samichlaus auch, weil er ein wenig unheimlich ist, fiebern mit Ronja Räubertochter oder Harry Potter mit, wenn diese von grausigen Wilddruden oder dem bösen Lord Voldemort verfolgt werden.

Gefahr, dass Eltern ihre Kinder zu sehr schonen oder überfordern

Kinder können im Umgang mit Ängsten jedoch Schwierigkeiten entwickeln, wenn sie ungünstige Erfahrungen machen. Sie können problematische Ängste von Vorbildern übernehmen. Beobachtet Simon, wie sich sein grosser, starker Vater vor einem Hund fürchtet und die Strassenseite wechselt, ist es nur logisch, dass ihm Hunde als Bedrohung erscheinen, die es zu meiden gilt. Hindert die Mutter, die überall Gefahren sieht, Svenja daran, sich mit der Angst auseinanderzusetzen, wird deren Welt immer bedrohlicher. Werden Fehler von Eltern und Lehrpersonen bestraft und wird Rahel in der Schule blossgestellt, lernt sie, keine Risiken einzugehen, sich lieber nicht zu melden, als einen Fehler zu machen, und beim Referat lieber krank zu sein, als sich vor der Klasse blosszustellen.

Sich der Angst stellen

Ängste nehmen ab, wenn wir uns mit ihnen konfrontieren. Dabei gilt es etwas ganz Wichtiges zu beachten: Die Angst nimmt nur ab, wenn wir eine gute Lernerfahrung machen. Für Rahel wäre es hilfreich, wenn sie während des Vortrags merkt: «Jetzt habe ich schon weniger Angst als zu Beginn! Es ist gar nicht so schlimm! Die Lehrerin nickt mir zu und lächelt mich an.» Daniel dachte nach seinem Sprung: «Cool! Ich hab es geschafft!» Er war stolz und liess sich feiern. Besonders bei Kindern mit grossen Ängsten besteht rasch die Gefahr, dass Eltern sie entweder zu sehr schonen oder überfordern. Beides verstärkt die Ängste. Wie also soll man vorgehen, wenn man einem Kind dabei helfen möchte, sich seinen Ängsten zu stellen?

Mutig vorangehen

Wir lernen Ängste vorwiegend durch Modelllernen. Genau dieser Lernprozess kann auch genutzt werden, um Mut zu lernen und Ängste zu mildern. Albert Bandura, der die Theorie des Modelllernens beschrieb, zeigte bereits 1967, wie stark der Einfluss von Modellen sein kann, wenn es gilt, Ängste zu überwinden. Er liess Kinder mit einer Hundephobie mehrere Tage lang jeweils 20 Minuten andere Kinder beobachten, die ausgelassen mit Hunden in einem Zwinger spielten. Die Kinder hatten die Wahl, einfach zuzusehen, sich dem Zwinger zu nähern oder diesen zu betreten. Bereits am vierten Tag liessen sich 67 Prozent der Kinder darauf ein, in den Zwinger zu gehen und mit einem Hund zu spielen!
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Eltern als Lernmodell - eigene Ängste überwinden

Auch als Eltern können wir diesen Lernprozess nutzen. Interessanterweise sind Sie dann als Modell bestens geeignet, wenn Sie selbst ängstlich sind oder die gleiche Angst haben wie Ihr Kind. Sieht ein Kind mit einer Hundephobie einen Erwachsenen, der gar keine Angst vor Hunden hat, kann es davon kaum profitieren. Das Modell ist ihm zu unähnlich, ein anderer Mensch mit anderen Empfindungen. Anders war es im Fall von Tobias. Sein Vater überwand sich seinem Sohn zuliebe und bat eine Bekannte, mit deren Hund trainieren zu dürfen. Die Bekannte hielt den Hund an der Leine, der Vater näherte sich ihm voller Angst. Tobias beobachtete ihn aufmerksam und hielt dabei genügend Abstand. Der Vater sagte: «Mann, hab ich Schiss – aber ich mach das jetzt trotzdem!» Langsam ging er auf den Hund zu. Schliesslich berührte er ihn. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er blieb stand haft. Die Angst nahm ab. Dann sagte er: «Es geht schon besser.» Er streichelte den Hund: «Das fühlt sich weich an. Schau, er freut sich.» Bald konnte er sehen, wie Tobias den ersten, dann einen zweiten Schritt auf den Hund zu machte.

Kleine Schritte

Wie lässt sich Angst überwinden? Daniel und seine Freunde geben die Antwort darauf: in kleinen Schritten.Bevor sich Daniel auf das Dreimeterbrett wagte, ist er vom Beckenrand, vom Einmeter- und vom Zweimeterbrett gesprungen – bis er sich sicher gefühlt hat und es Zeit war für eine neue Herausforderung. Wenn wir einem Kind helfen wollen, sich seinen Ängsten zu stellen, können wir uns überlegen, wie wir ihm dabei zu kleinen Schritten verhelfen. Wozu ist das Kind bereit? Wozu reicht sein Mut aus? Analog zur Höhe des Sprungbretts könnte die Grösse des Hundes oder die Anzahl der Zuhörer beim Vortrag variiert werden. Schüchterne Kinder können mit Personen üben, die ihnen vertraut sind, und zuerst mit einem Elternteil, dann mit der Gotte, mit einem Freund und schliesslich mit einer unbekannten Person telefonieren. Sie können ihren Mut zusammennehmen und in Begleitung der Eltern und dann alleine beim Bäcker etwas bestellen.

Mutiges Verhalten anerkennen

Besonders bei Ängsten im sozialen und im Leistungsbereich ist es hilfreich, wenn Sie als Elternteil sich mit Lob für die Leistung zurückhalten. Wenn Sie dem Kind sagen, es habe seine Sache «gut gemacht», lenken Sie seine Aufmerksamkeit auf seine Leistung – das erhöht den Druck und den Wunsch, «gut» zu sein und keine Fehler zu machen. Zeigen Sie ihm stattdessen Ihre Anerkennung für seine Bereitschaft, sich auf die schwierige Situation einzulassen. Betonen Sie seinen Mut und seine Tapferkeit.

Das hilft:

  • Ängste können in kleinen Schritten überwunden werden. Suchen Sie nach einem Schritt, der Ihrem Kind zwar Mut abverlangt, aber nicht zu gross ist.

  • Freuen Sie sich mit Ihrem Kind darüber, wenn es ihm gelingt, sich mit seiner Angst auseinanderzusetzen.

  • Bieten Sie sich als Modell an, indem Sie sich eigenen Ängsten stellen.

  • Ermutigen Sie Ihr Kind, Angst in kleinen Dosen auszuhalten, und heben Sie seinen Mut und seine Tapferkeit hervor, auch wenn der erste Schritt klein erscheint.

Der Autor:

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 36-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 3, und einer Tochter, 1. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg.

www.mit-kindern-lernen.ch
www.biber-blog.com

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