Kunst statt Nostalgie

Unsere Kolumnistin über eine wunderschöne Tradition, die sie mit ihrer Mutter pflegt. Und die vielleicht auch ihre Tochter irgendwann übernehmen wird.
Es gehört zu den schönen Traditionen, die ich seit dem Tod meines Vaters mit meiner Mutter pflege, dass wir gemeinsam Kunstausstellungen besuchen. Obschon ich aus einer kulturbeflissenen Familie stamme, erstaunt mich meine Freude an diesen Ausflügen selber ein bisschen. Denn so sehr ich Kunst liebe, so anstrengend kann sie auch sein. 

So empfand ich das auch schon als Kind: Wenn wir nach Griechenland oder Spanien zum Zelten fuhren, wurde das bildungsbürgerliche Programm nie vernachlässigt. Regelmässig verkündete man uns Kindern, es stehe nun ein Ausflug zu einer kulturellen Stätte an, wobei unser Interesse, durch zerfallene Ruinen zu stapfen und in antiken Tempeln den Spuren einer längst vergangenen Zeit nachzuforschen, noch kaum ausgeprägt war. Unsere Eltern lockten uns mit dem Versprechen, dass wir uns danach wieder am Strand austoben dürfen. 

«Indem wir Traditionen aufrechterhalten, gedenken wir auch meines Vaters, ihres Ehemannes, den wir beide immer noch in uns tragen und vermissen.»
Die Jahre meiner Kindheit sind mittlerweile beinahe so versunken wie die Antike selbst. Mein Hang zur Nostalgie ist nicht besonders ausgeprägt, die Stätten meiner Kindheit oder Jugend besuche ich nur selten, es macht mich melancholisch; man begegnet dabei nur der gnadenlosen Gleichgültigkeit der fortschreitenden Zeit und der Arroganz einer Gegenwart, die sich dem Vergangenen überlegen fühlt, obschon sie das gleiche Schicksal ereilen wird.

Anstatt die Stätten meiner Kindheit zu besuchen, pflege ich meine Nostalgie also lieber anhand gegenwärtiger Ereignisse, wie einer Kunstausstellung, die ich mit meiner Mutter besuche. Sie führen uns nicht nur in die Vergangenheit des Künstlers, sondern auch in unsere eigene. Kunst ist unsere Zeitmaschine. 

Besuch von Kunstausstellungen – verbindende Familientradition

Zusammen klappern wir die Museen ab, diese Kathedralen der Moderne, und sehen uns die wichtigsten Ausstellungen der Saison an. Das ist manchmal auch heute noch anstrengend, denn nicht jede Ausstellung ist ein Genuss. Aber natürlich geht es bei diesen Ausflügen um viel mehr als Kunst. Wir können uns dabei auf eine Weise begegnen, die über unser Verhältnis als Mutter und Tochter hinausgeht. Indem wir die Tradition aufrechterhalten, gedenken wir damit auch der Vergangenheit und irgendwie auch meines Vaters, ihres Ehemannes, den wir beide immer noch in uns tragen und vermissen. Das gemeinsame Erlebnis pflegt aber auch die Gegenwart und weist in die Zukunft, denn die nächste Ausstellung kommt bestimmt.
«Wir können uns dabei auf eine Weise begegnen, die über unser Verhältnis als Mutter und Tochter hinausgeht.»
Zuletzt besuchten wir die Picasso-Ausstellung in der Fondation Beyeler, eines meiner Lieblingsmuseen. Zu meiner grossen Freude liess sich auch die Tochter motivieren, uns zu begleiten. Während meine Mutter und ich andächtig und konzentriert wie Erstsemester-Studenten durch die Säle wandelten und über gewisse Bilder diskutierten, galoppierte sie aber im Schnelldurchlauf durch die Ausstellung. Meine Mutter und ich waren noch nicht einmal in der Hälfte angelangt, als sie sich schon wieder verabschiedete. 

Wahrscheinlich fand sie es vor allem anstrengend und hätte sich auch lieber am Strand vergnügt, wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Gefreut habe ich mich trotzdem. Und ich hoffe, dass dereinst auch für uns eine gemeinsame Tradition erwachsen wird.


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Zur Autorin:

Michèle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.