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Psychologie

«Herr Jäncke, warum fällt Teenagern das Lernen schwer?»

Wie lernen Kinder? Ist Auswendiglernen wichtig? Und was bringt (Früh-)Förderung wirklich? Ein Gespräch mit dem Neuropsychologen Lutz Jäncke über die Kunst des Lernens, jugendliche Selbstdisziplin und das Problem der Konzentration in der Pubertät. 
Text: Claudia Landolt
Bilder: Vera Hartman / 13 Photo
Ein Gebäude der Universität in Zürich Nord. Es herrscht Campus-Atmosphäre: Junge Menschen mit Rucksäcken huschen durch die labyrinthartigen Gänge, eine Schlange vor der Cafeteria, Pizza und Sandwiches sind begehrt. In seinem Eckbüro erwartet uns Lutz Jäncke. Ein grosser, distinguierter, elegant gekleideter Mann. Auf dem Fenstersims gleich neben der Tür steht eine Collage aus Sand, Liegestuhl und Sonnenschirm. Ein Geburtstagsgeschenk seiner Mitarbeiter: Ein Gutschein für Ferien auf Sylt, seiner Lieblingsinsel. Doch das muss warten: «Zu viel Arbeit.»

Herr Jäncke, mein Sohn fragt, ob Gamen dumm macht. Tut es das?

Gamen sollte man nicht grundsätzlich verteufeln. Es gibt mittlerweile einige Studien, die belegen, dass Gamen die Fingerfertigkeit erhöht. Auch haben Computergames positive Auswirkungen auf die Ausbildung einer Identität und die soziale und kognitive Entwicklung. Andere Untersuchungen stellen fest, dass das Belohnungszentrum im Hirn vergrössert ist. Das Belohnungszentrum ist für Lustempfindungen jeglicher Art zuständig. Bei Vielspielern, die täglich spielen, ist dieses Zentrum deutlich grösser.

Wie finden Kinder das richtige Mass?

Es ist schwierig für ein Kind, sich einem Computerspiel zu entziehen. Wenn ein Kind zwei Stunden an einer Konsole gespielt hat und man es dort wegholen will, erlebt man häufig ein Phänomen, das dem Entzug bei Drogensüchtigen ähnelt: Das Kind wehrt sich gegen den Entzug, wird bockig und schreit. Das habe ich bei meinen eigenen Kindern auch erlebt.
Lutz Jäncke, 60, ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Schwerpunkte seiner Forschung sind die kognitive Psychologie und die Plastizität des Gehirns. Jäncke gehört zu den am häufigsten zitierten Wissenschaftlern weltweit. Von den Studierenden wurde er mehrfach für seine Art der Wissensvermittlung ausgezeichnet. Lutz Jäncke ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Söhne und lebt in Zürich.
Lutz Jäncke, 60, ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Schwerpunkte seiner Forschung sind die kognitive Psychologie und die Plastizität des Gehirns. Jäncke gehört zu den am häufigsten zitierten Wissenschaftlern weltweit. Von den Studierenden wurde er mehrfach für seine Art der Wissensvermittlung ausgezeichnet. Lutz Jäncke ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Söhne und lebt in Zürich.

Was ist die Lösung?

Begrenzungen sind wichtig. Erst recht bei Kindern und Jugendlichen zwischen 11 und 14 Jahren, deren Gehirn gerade total umgebaut wird. Sie sind von ihrer Hirnentwicklung her gar nicht in der Lage, sich selbst effektiv zu begrenzen, darum müssen Eltern quasi den fehlenden Frontalkortex, das Stirnhirn, «ersetzen», bis dieses ausgereift ist. Das ist Erziehung.
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Eltern sollen Grenzen setzen?

Absolut. Je klarer die Grenze, desto besser.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Siebtklässler möchte sich fürs Lernen motivieren – mit seiner Spielkonsole. Was wäre da eine sinnvolle Begrenzung?

Ich würde ihm nahelegen, zuerst seine Pflichten zu erledigen, und erst dann seinem Wunsch nachkommen, sich zu belohnen. Man muss jedoch sehen, dass es für Jugendliche sehr schwierig ist, für eine verzögerte Belohnung zu arbeiten. Das hat nichts mit Renitenz, sondern mit der Gehirnentwicklung zu tun. Das kindliche Gehirn lässt sich leicht ablenken. Die Krux ist: Je öfter sich ein Kind dem Impuls der sofortigen Belohnung hingibt, desto langsamer entwickelt sich der Frontalkortex.

3 Kommentare

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Von Isabelle am 07.02.2018 10:16

Hallo Fritz & Fränzi
Der Bericht war sehr spannend... Wie sieht es mit der Dauerbeschallung durch Musik und Hörbücher aus? Wird dadurch das Belohnungszentrum im Hirn auch vergrössert? Würde mich SEHR interessieren!

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Von Vreny am 06.02.2018 11:23

Als meine Urenkeln noch in der 2. Sek. waren erhielten wir Ihr Magazin - jetzt leider nicht mehr. Ich werde es demnächst abonnieren, denn auch Urgrossmütter sind sehr interessier in der Art wie Kinder heute die Schule erleben - ich muss aber gestehen, meine Jugend war schöner (ich bin Jahrgang 1934) und ich bin froh diesen Stress von Lehrstellen suchen und finden nicht mehr erleben zu müssen!

Also Ihr Magazin ist sehr interessant!

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Von Franz Josef Neffe am 06.02.2018 10:46

LERNEN = Fährten des Lebens folgen, eigene Erfahrungen sammeln. Das fällt niemand schwer. Jeder tut das pausenlos; es lässt sich gar nicht vermeiden.
Wir verwechseln immer LERNEN mit UNTERRICHTET WERDEN.
Unterricht hat mit LERNEN (fast) nichts zu tun, Unterricht ist das Lernhindernis.
Mit Fremdwörtern Eltern, Kinder und Kollegen in eine konstruierte, vorgegebene Wirklichkeit" einzuspannen, löst keine Probleme sondern mehrt und vergrößert sie.
Ein typisches Kennzeichen dafür, dass man weder Leben noch Lernen verstanden hat, ist die Wiederholung. Leben lässt sich nicht wiederholen. Niemals. Leben ist immer ORIGINAL.
Wer lernt, geht immer neue Wege. Wer unterrichtet wird, trampelt sich seine Trampelpfade und wird zum Trampel dabei.
Es bedarf keiner Tricks um Menschen zum LERNEN zu motivieren; jeder Mensch LERNT sowieso ununterbrochen. Mit dem Lernen klappt es nur nicht, wenn er unterrichtet wird, und es ist zweimal verkehrt, diesen LEHR-FEHLER auch noch mit Tricks zu steigern.
In der neuen Ich-kann-Schule habe ich gezeigt, wie hilfreich es ist, wenn es bei Lernen & Lehren EHRLICH zugeht. Hier haben wir es nämlich mit GEIST zu tun, und Geist lässt sich nicht austricksen. Niemals.
Alles, was wir FÖRDERUNG nennen, ist zumeist ein klares Zeichen dafür, dass wir mit einem künstlichen Prozess in einen natürlichen Prozess eingreifen und gar nichts verstanden haben. In der Folge werden die Ergebnisse auch nur mühsam und scheinbar besser und der Aufwand wird immer größer und die künstlichen Ergebnisse halten nicht und schlagen alsbald ins Gegenteil. Dann mogelt sich diese desaströse Pädagogik auch noch aus der Verantwortung, indem sie aus jedem Problem, das sie nicht lösen kann und größer gemacht hat, eine Kinderkrankheit macht.
LERNEN fällt immer schwer, wenn es durch UNTERRICHTEN schwer gemacht wird.
LERNEN fällt leicht, wenn nicht unterrichtet sondern GELEHRT wird.
LEHREN = ein mitreißendes Vorbild für LERNEN sein.
Unterrichten macht DRUCK und Druck komprimiert Mensch + Problem und drückt nach unten. Da will keiner hin.
LEHREN hat SOG-Wirkung und bringt alle Beteiligten VORWÄRTS. DFa wollen alle hin.
LEHREN & LERNEN ist einfach.
Franz Josef Neffe

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