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Elternbildung

So motivieren Sie Ihr Kind, ein Instrument zu üben...

Ein Kind möchte ein Instrument lernen. Die Eltern unterstützen diesen Wunsch, mieten ein Instrument und melden das Kind bei der Musikschule an. Bald folgt die Ernüchterung: das Kind will nicht üben. Damit zu Hause Musik statt Streit erklingt, brauchen kleine Anfänger die richtige Unterstützung: Wir haben 15 Tipps, die wirklich helfen!
Text und Bilder: Sibylle Dubs
Viele Kinder wünschen sich ein Instrument, weil sie eine Vorstellung haben, wie sie diesem Töne und Klänge entlocken. Diese Lust und Neugierde sind die besten Voraussetzungen, ein Instrument zu lernen. Oft haben die Kinder mit der Lehrperson im Unterricht Freude am Spiel, doch zu Hause wird das Instrument zur ungeliebten Pflicht.

Eine Ursache dafür ist, dass wir Erwachsenen zwischen dem Üben und dem Musizieren, zwischen dem fehlerhaften und dem perfekt Vorgetragenen unterscheiden. Es gibt Eltern, die erzählen, wie schrecklich es klinge, wenn ihr Kind übe. Der Zauber der Musik, dem wir uns bei Konzerten oder Aufnahmen hingeben, wird beim Anfänger-Üben nicht gesucht und daher auch nicht gefunden. Das ist frustrierend für Kinder, die sich eigentlich wünschten, sich auf dem Instrument auszudrücken.

Wenn beispielsweise eine kleine Anfängerin ein Lied wie «Der Mond ist aufgegangen» mit viel Mühe auf dem Instrument gelernt hat, wird das Stück selten zelebriert, sondern abgehakt. Dabei wären schon die ersten zwei Takte es wert, sie zu würdigen. Man kann sie mit viel Hingabe oder auch mal witzig schnell, laut oder leise spielen. Das ist nicht kindisch, sondern das Wesentliche, was der Musik innewohnt. Wir Erwachsenen sollten Anfänger auf dem Weg zum persönlichen Ausdruck begleiten, denn dieser ist so anspruchsvoll wie lustvoll.

Was heisst musizieren wirklich?

Leider hat ein Instrument zu spielen in unserer Gesellschaft mehr mit Leistung als mit Genuss zu tun. Das beginnt damit, dass wir das Kind au ordern, «zu üben» – und nicht, «Musik zu machen». 
«Es heisst ‹ein Instrument spielen› und nicht ‹ein Instrument arbeiten›.»
Andreas Zihler, Musikprofessor an der Zürcher Hochschule der Künste
Andreas Zihler, Musikprofessor an der Zürcher Hochschule der Künste, mahnt seine Studentinnen und Studenten: «Es heisst ‹ein Instrument spielen› und nicht ‹ein Instrument arbeiten›.» Wenn das Üben zur Arbeit wird, beginnen die Kinder zu schummeln und sich zu verweigern, bis schliess­lich der Unterricht gekündigt wird. Bei so manchem Kind stellt sich nicht bloss Erleichterung, sondern auch das Gefühl ein, versagt zu haben. Musikalisches Versagen ist in vielen Köpfen schon so eingebrannt und akzeptiert, dass man diese Ab­surdität kaum hinterfragt. 

Wie wäre es, wenn ein fussballbegeistertes Kind täglich Konditionstraining und Balljonglage machen und Spielstra­tegie büffeln müsste und es nur sel­ten einen Match spielen könnte? Es käme dem Zauber des Spiels gar nicht mehr auf die Spur. Es würde wenig Fortschritte machen und die­ se selber kaum erkennen. 
Du musst noch üben! – Dieser Satz verdirbt Kindern die Freude am Musizieren.
Du musst noch üben! – Dieser Satz verdirbt Kindern die Freude am Musizieren.
Schliess­lich würde das Kind das Hobby auf­geben, weil es zu anspruchsvoll ist. Ein unvorstellbares Szenario. In der Musik ist es für viele Menschen die eigene Erfahrung.

Das Üben ist in manchen Fami­lien ein Streitthema wie die Haus­aufgaben. Während letztere von der Schule vorgeschrieben sind, hat das Üben eines Instruments eine Schuld­-Komponente: «Du wolltest doch Harfe spielen!», «Weisst du, was die Miete des Klaviers kostet?», «Wir haben ein halbes Jahr Klari­nettenunterricht bezahlt, jetzt halte so lange durch». Von solchen Sätzen ist nicht viel zu halten. Sie zementie­ren die Ansicht, dass ein Instrument zu spielen etwas für besonders pflichtbewusste oder hochbegabte Kinder sei.
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Aktives Zuhören

Eltern sollten sich fragen: Warum soll unser Kind ein Instrument ler­nen? Um Musik zu leben und zu erleben, wäre die Antwort der ele­mentaren Musikpädagogik. Um dem Kind die Möglichkeit zu geben, aus sich selbst künstlerisch tätig zu werden. Dazu gehört auch, dass das Kind die Technik und das Noten­ lesen lernt. Denn damit kann der Ausdruck differenziert und Musik zum Teil sogar in Worte gefasst wer­den.

Wie wird also aus dem täglichen Üben Musik? Indem die Eltern sel­ber diese Haltung einnehmen und das Kind unterstützen. Eltern sollten ihren musizierenden Kindern aktiv zuhören. Töne, und seien sie noch so wacklig und ungenau, werden zur Musik, wenn ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dadurch lau­schen die Kinder selber von Beginn weg ihrem Spiel, welches einen ganz anderen Wert erhält.
Durch integriertes Hören verbessert sich das Spiel automatisch.
 Hören ist auch bei Profimusikern ein zentrales Thema. In der Musik­pädagogik wird zwischen verschie­denen Hörarten unterschieden. Eine davon ist das integrierte Hören. Die­ses bedeutet, die Musik zu geniessen und sich von ihr berühren zu lassen, auch wenn Fehler oder Unsicherhei­ten da sind. Hört ein Kind sich sel­ber auf diese Weise zu, verbessert sich das Spiel automatisch und es bleibt motiviert.

Eine Studienfreundin erzählte mir, ihr sei das Üben als Kind leicht­ gefallen, weil ihre Mutter sich mit der «Lismete» zu ihr hingesetzt und gestrickt habe, während sie Klavier spielte. Bei allen drei Töchtern der Familie war die Mutter täglich die strickende Zuhörerin. Meine Freun­ din spielt heute virtuos und hem­ mungsfrei Klavier.

2 Kommentare

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Von Margrit am 17.10.2017 16:37

Fantastisch!

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Von Roger am 16.10.2017 16:16

Bravo!!! Genau so ist es! :-)

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