Instrument üben: Kind spielt Harmonika mit Notenblatt
Elternbildung

Ein Musikinstrument intuitiv erlernen

Noten pauken, nachsingen? Einen anderen Ansatz vertritt die ­«Music ­Learning Theory»: Sie besagt, dass musikalisches Lernen ähnlich dem Erlernen einer Muttersprache abläuft.
Text: Steven Schiemann
Bild:
Yan Krukov von Pexels

Dieser Artikel wurde am 26. August 2021 aktualisiert.
Musik zu hören ist eine Sache, Musik zu erzeugen eine andere. Ab welchem Zeitpunkt sollen Eltern beginnen, ihr Kind musikalisch zu fördern?
 
Grundsätzlich gilt, dass Musikkurse bereits ab einem sehr frühen Lebensalter besucht werden können. Für den ungarischen Musikpädagogen Zoltán Kodály (1882 967) konnte die musikalische Erziehung gar nicht früh genug beginnen. Er beantwortete die Frage, wann der beste Zeitpunkt für das musikalische Lernen sei, mit einer gehörigen Portion Ironie: «Neun Monate vor der Geburt ... der Mutter!»

Kodály spielte darauf an, dass musikalische Fähigkeiten nicht nur durch Gene vererbt, sondern auch durch die Situation der Familie entwickelt werden. Die musikalische Betätigung der Eltern und deren Umgang mit Musik spielen für die musikalische Entwicklung des Kindes eine wichtige Rolle. Diese beginnt schon im Mutterleib. Man weiss, dass sich das Hörvermögen des Fötus im Mutterleib ab der 22. Schwangerschaftswoche herausbildet. Der heranwachsende Mensch hört alles mit, was im Aussenleben stattfindet: Geräusche, Stimmen und – Musik.

Das pränatale Klassenzimmer

Eine Frühförderung des Babys im Mutterleib ist in vielen Untersuchungen ein Thema. Der kalifornische Arzt Rene Van de Carr, Pionier der pränatalen Förderung, hat dazu einen Lehrplan geschrieben. Sein «pränatales Klassenzimmer» ist einer der zentralen Texte rund um die pränatale Förderung. Van de Carr will in Studien herausgefunden haben, dass ein Fötus im neunten Monat fähig ist, seinen Atemrhythmus an Beethovens fünfte Symphonie anzupassen, wenn die Mutter diese während der Schwangerschaft regelmässig hörte.

Der Ansatz, dass die Erfahrungen des Kindes im Mutterleib prägend sind, werde in der Forschung bedeutsamer, sei insgesamt aber noch jung, sagt der Heidelberger Arzt und Psychologe Ludwig Janus. «Früher wurde der Fötus bis zur Geburt nur als biologisches Wesen betrachtet.» Erst ab den 1970er-Jahren rückte die Geburtsbelastung für das Kind in den Vordergrund. Jedoch nicht die Zeit davor – das ist relativ neu.
Wie Eltern mit Musik umgehen, prägt die musikalische
 Entwicklung des Kindes. Sie beginnt bereits im Mutterleib.
Noch kann die Forschung nicht nachweisen, dass ungeborene Kinder durch spezielle Förderung später schlauer, gesünder oder musikalischer werden. Einzelne Studien zeigen nur, dass sich bestimmte intellektuelle Fähigkeiten eines Kindes bereits im Mutterbauch anlegen. Sicher aber ist, dass die Stimme der Mutter für den Fötus bedeutsam ist: Sie ist ein wichtiger Bezugspunkt. Dies ist unter anderem daran zu beobachten, dass alle Säuglinge positiv auf das Singen der eigenen Mutter oder des Vaters ansprechen.

 Auch in den folgenden Jahren hat das Singen für die Kinder eine hohe Bedeutung für ihre (emotionale) Bildung. So kam ein Bericht von Schweizer Musikexperten 2004 zum Schluss, dass die Zeit von der Geburt bis zum Schuleintritt für das Erlernen des Singens als eigentliche «Muttersprache des Menschen» entscheidend ist.

Dieser Bericht bemängelte jedoch auch, dass viele Eltern nicht mehr singen können oder keine Kinderlieder mehr kennen, die sie ihren Kindern zum Trösten, Spielen oder Einschlafen vorsingen können.

Das gemeinsame Singen fördern

Um das gemeinsame Singen zu fördern und um Eltern und Kinder zum Singen anzuregen, sind einige Bestrebungen rund um das gemeinsame Singen entstanden, so das ElKi-Singen (Eltern-Kind-Singen), bei welchem Kinder ab zwei Jahren mit einer Begleitperson in einer Gruppe singen und musizieren.
Musikalische Betätigung und ein spielerisches Herantasten an das Singen und Hören von Musik mit dem eigenen Kind werden sicherlich von allen Musikkursen verfolgt. Sucht man nach Musikkursen mit pädagogischen Konzepten, die das Musiklernen für die Kinder schrittweise aufbereiten, stösst man neben den bekannten Musiklernkonzepten von Suzuki, Dalcroze, Kodály und Orff auch auf die Music Learning Theory (MLT).

Die MLT basiert auf den Studien des US-amerikanischen Musik­psychologen Edwin E. Gordon (1927 015). Gordon führte in den 1970er-Jahren Beobachtungs­studien von Musikkursen mit Babys und Kleinkindern durch und entwickelte daraus eine Theorie des Musiklernens. Der MLT folgend vollzieht sich das Erlernen von Musik ähnlich wie das Erlernen der Muttersprache: intuitiv. Eine besondere Bedeutung haben in der MLT das Hören von Musik, die freie körperliche Bewegung zur Musik und das innerliche Vorstellen, Hören und Denken von Musik, die sogenannte Audiation (ein Kunstwort, das von Gordon geprägt wurde).
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Viele Eltern kennen heute keine Lieder mehr, die sie ihrem Kind zum Trösten oder Einschlafen vorsingen können.
Nicht das mechanische Nachsingen oder Nachspielen von Musik ohne musikalisches Verständnis ist das Ziel, sondern eine Musikkompetenz zu entwickeln analog zur Sprachkompetenz. Das Kind erhält so die Möglichkeit, sein musikalisches Potenzial auszuschöpfen.

Die Audiation ist, so Gordon, für die Musik, was der Gedanke für die Sprache ist. Sie bezeichnet die Fähigkeit, in Musik zu denken. Dabei geht es darum, Musik zum einen mental zu hören, bevor sie von einer Tonaufnahme oder einem Instrument erklingt. Zum anderen geht es ­darum, Musik und ihre Bestandteile hörend zu erkennen und zu verstehen.

Das gilt vor allem fürs Singen, welches sinnvollerweise vor dem und parallel zum Erlernen eines Instrumentes stattfinden sollte. Ein Kind muss eine innere Klangvorstellung und ein Verständnis haben, um die richtigen Töne erzeugen zu können. Erst wenn eine innere Tonvorstellung und ein Verständnis für Tonalität, Harmonik, Metrum, Genre und so weiter im Langzeitgedächtnis existieren, kann das «Vom-Blatt-Singen» ausgeführt werden.

11 Kommentare

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Von Monika am 03.07.2021 12:41

Vielen Dank für diese wertvollen Tipps! Habe einige soeben umgesetzt, mit grossem Erfolg! Danke, danke, danke!
Weg vom Leistungsdruck zurück zum freudigen, ausdrucksstarken, fantasievollen, verspielten Spielen/Musizieren..
„Komm, wir spielen zusammen, ich begleite dich, ich höre dir so gern zu, können wir es auch mal anders spielen? Traurig, wie ein schwerer Elefant?“ Diese Sätze haben sehr geholfen und meinen 6-Jährigen nach einem Tief schnell wieder motiviert.

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Von Stefanie am 17.03.2019 09:21

Hallo, durch einen Umzug hat mein Sohn in Sommer die Grundschule wechseln müssen. In der neuen Grundschule müssen die Kinder ab der ersten Klasse Flöte lernen. Nun ist mein Sohn erst zu Beginn der dritten Klasse dazu gestoßen. Er hat sich unheimlich gefreut auf die Flöte, doch seine Lehrerin hatte es nicht wirklich gefordert, dass er die ersten Töne lernt. Meine Tochter musste parallel in der neuen vierten Klasse die Flöte lernen und die Lehrerin hat es ganz toll gemacht und bei ihr die Begeisterung geweckt. Mittlerweile hat sie die anderen Klassenkameraden eingeholt. Mein Sohn war traurig, dass er sich nicht weiter entwickelt hat, und hat den Elan verloren. Und wir haben es auch nicht stark verfolgt, da muss ich ehrlich sein. Nun hat er zum Halbjahr eine neue Lehrerin bekommen. Der ist es egal, dass er erst im Sommer zu spielen begonnen hat, sie macht keine Unterschiede und er bekommt die gleichen Hausaufgaben auf wie die Kinder, die länger spielen, egal ob er die Noten bereits kann oder nicht und bekommt nun regelmäßig eine schlechte Note der anderen. Also hat er jetzt Nachhilfe im Flöte spielen, arbeitet sich langsam von der 6 bis zur 4 hoch. Aber jegliche Begeisterung für die Musik ist weg.

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Von Nadine am 23.11.2018 01:05

Vielen lieben Dank für den Artikel!!
Er zeigt leider genau auf, was bei uns falsch läuft...

Wir sind zwar erst sehr kurz dabei mit einem Instrument (Querflöte, seit 4 Monaten) aber unser Kind ist wohl auch noch recht jung mit gerade erst frischen 6 Jahren. Eigentlich war sie begeistert und wünschte es sich schon lange und nun will sie plötzlich nicht mehr üben - ausgenommen in der Musikschule.

Ich hoffe, ich kann die Tipps auch mit so keinem Kind schon umsetzen.

Und ich bin zwar keine Klavierlehrerin oder Techniker zwecks Haltbarkeit und Spielbarkeit von Klavieren in der Küche. Aber ich finde die Idee großartig!! Ein Instrument gehört zum Lebensmittelpunkt im Haus/ in der Wohnung und wenn das die Küche ist (so wie bei uns auch), dann gehört es dort hin. Nichts ist schlimmer, als mit dem Instrument an einen "ungemütlichen" bzw. "ungeselligen" Ort verbannt zu sein. Denn warum macht Gitarre am Lagerfeuer so viel Freude: wegen der Gesellschaft und Gemütlichkeit.

Auch "nebenbei" zu kochen finde ich stimmig.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Karin am 24.03.2019 04:01

Vielen Dank! Wir haben gerade dass Problem, dass die Klavierlehrerin sich beklagt, es ginge nicht voran. Ich kann sie verstehen, dass es ätzend sein kann im Unterricht, wenn es nicht voran geht. Nicht verstehen kann ich es aber, dass sie sich nicht auch selbst hinzerfragt. Ich kündige nun, denn Notennamen abhören und Klagen über nicht üben fördern nicht die Spiellust. Ich war mir unsicher, durch den Artikel von ich bestärkt.

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Von Rachel am 19.02.2018 15:44

Musik soll Freude machen. Wenn das Kind das Instrument liebt, dann wird es motivierter spielen. Das kann ich als Mutter fördern oder auch hemmen. Wichtig erscheint mir, dass ich nicht übermotiviert bin; damit mache ich das Instrument lernen zu meiner Sache. Es ist jedoch etwas, was das Kind will (auch wenn wir Eltern das Kind dazu motivieren, so ist es doch der Wunsch und Wille des Kindes. Hoffentlich.), und dies muss auch beim Kind bleiben. Mir ist mehr als bewusst, dass dies eine Gratwanderung ist. Ich begleite meinen Sohn bereits seit vier Jahren, meine Tochter ein gutes halbes Jahr. Ich selbst habe 7 Jahre Klavierunterricht gehabt, mit einer strickenden Mutter an der Seite (was ich nicht immer so toll fand, da ich mich kontrolliert fand...!).
Ich finde aber auch, dass es zwischendurch mal angebracht sein kann, den Kindern aufzuzeigen, wieviel Musikunterricht etc. kostet und ich deshalb erwarte, dass sie dranbleiben. Ich habe keine Lust gegen 2000 Franken pro Jahr zu bezahlen und die Kinder sehen das Musikmachen als etwas, was sie einfach noch grad so tun können, falls sie Lust dazu haben. Disziplin und sich überwinden gehört einfach dazu.
Und nein, das Klavier gehört bei uns ganz klar nicht in die Küche. Das ist ein edles Instrument, das ich nicht fettigen Fingern und Spritzern von Tomatensosse aussetzen will! Aber das ist natürlich Ansichtssache.

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Von Frank am 11.02.2018 21:57

Prima Artikel.
Darf ich den Artikel auf meine Schul-Website kopieren.

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 12.02.2018 10:26

Hallo! Den ganzen Artikel nicht, nein, aber wir freuen uns sehr, wenn Sie einen Link zum Artikel auf die Schulwebseite setzen.
Vielen Dank und liebe Grüsse aus der Redaktion!

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Katrin am 07.11.2017 10:12

Guten Tag
Herzlichen Dank für Ihren Artikel.
Als Musikerin und Klavierlehrerin stelle ich mir zwei Fragen :
1. Wie bekömmlich ist das Küchenklima für die Instrumente (Temperatur schwankend, hohe Luftfeuchtigkeit, Fett)?
2. Möchte ich mich in der Küche dem Kochen widmen und gleichzeitig mit einem Ohr beim übenden Kind sein?
Wo ist mein eigener Raum, wenn die Räume für alle Nutzerinnen so durchmischt sind?
Übt das Kind später auch, wenn niemand zuhört und Kommentare abgibt? Nur für sich?

Von Michèle am 08.11.2017 07:32

Ja, das tut es. Denn wenn die Basis - Freude an der Musik und am Üben - stimmt, wird es wie auch bei Hausaufgaben oder Haushaltspflichten mit zunehmendem Alter auch selbständiger und somit nicht mehr immer auf eine "Zuhörerschaft" angewiesen sein.
Zudem: die Mutter im Beispiel STRICKT! Was weder Lärm verursacht noch beim Zuhören ablenkt, sondern entspannend ist und somit eine grossartige Methode ist, im stressigen Alltag abzuschalten - und sich dem Zuhören zu widmen

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Von Margrit am 17.10.2017 16:37

Fantastisch!

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Von Roger am 16.10.2017 16:16

Bravo!!! Genau so ist es! :-)

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