Arztbesuch
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Ging die Begegnung mit den Kindern auch schon schief?

Sicherlich, das kommt vor. Die Einschätzung der Situation muss innert Sekunden oder Sekundenbruchteilen geschehen, das kann nicht immer funktionieren. Es gibt Situationen, in denen die Stimmung sofort umschlägt und das Kind zu weinen beginnt, wenn der Arzt den Raum betritt. Kinder merken schon früh, dass die Leute, die jetzt hereinkommen, dass die ...

... ihnen feindlich gesinnt sind?

(lacht) Nicht feindlich gesinnt, aber ich glaube schon, dass es eine natürliche Abneigung gegenüber Ärzten und ärztlichen Behandlungen gibt. Dafür gibt es ja auch einen Namen: Iatrophobie. Gemäss Forschungsergebnissen findet wahrscheinlich eine sehr frühe Konditionierung statt. 

Wie früh?

Mit der ersten Impfung. Danach kommen ja regelmässig weitere Impfungen hinzu, und so assoziieren Kinder irgendwann das Hereinkommen eines Menschen im weissen Kittel mit Schmerz. In der Kindermedizin gibt es deshalb einen Trend, den weissen Kittel wegzulassen. Nicht alle Krankenhäuser erlauben dies, es wäre aber schön, wenn in der Kindermedizin ganz darauf verzichtet werden könnte.
Thomas Dreher sagt, in der Schweiz habe er mehr Zeit für die Patienten und deren Eltern als in Deutschland.
Thomas Dreher sagt, in der Schweiz habe er mehr Zeit für die Patienten und deren Eltern als in Deutschland.

Was tun Sie, um schwierige Situationen mit Kinderpatienten zu entspannen?

Das Wichtigste ist, sich nicht zu verstellen. Kinder haben ein sehr gutes Gespür dafür, wenn jemand versucht, etwas vorzuspielen. Das bedeutet für den Arzt: immer natürlich bleiben und akzeptieren, wenn es auch einmal nicht geht. Es gibt Situationen, in denen man sagen muss: «Wir besprechen das später noch einmal.» Viele Eltern sind übrigens erstaunt, dass ich mich in erster Linie ans Kind wende. Ich lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, obwohl ich weiss: Das Gespräch mit ihnen wird danach die grössere Herausforderung.
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Sie müssen eher die Eltern beruhigen als das Kind?

Das ist oft so. Die Eltern spüren in der Situation die extreme Verantwortung, die sie für ihr Kind tragen. Es wäre ja schlimm, wenn dem nicht so wäre.

Wie viel kann und soll man Kindern zutrauen und zumuten?

Das hängt vom Alter ab, aber nicht nur: Ich stelle immer wieder fest, dass bei gleichaltrigen Kindern sehr stark differiert, wie viel sie verstehen und wie viel sie mitentscheiden möchten. Aber wenn ein Kind die Zusammenhänge verstanden hat, kann es natürlich mitentscheiden.

In welchen Fällen braucht es denn eine Entscheidung?

In der Unfallchirurgie ist der Fall meist klar. In der Orthopädie gibt es aber die elektiven Operationen, sprich die Eingriffe, die man macht, um Problemen vorzubeugen, die in der Zukunft kommen können, zum Beispiel bei einer Hüftreifungsstörung. Das ist oft schwierig: Sie haben unter Umständen Kinder, die gar keine Beschwerden haben und denen sie erklären müssen, dass sie eine Operation brauchen, um Schmerzen in der Zukunft vorzubeugen. 

Verstehen das die Eltern?

Ja, sie informieren sich meist auch selbständig, viele holen eine Zweitmeinung ein. Entscheidend ist aber, dass das Kind auch versteht, warum ein Eingriff nötig ist. Man bekommt ein ganz anderes Vertrauensverhältnis zu den Patienten, wenn man deren Autonomie wahrt. Ich glaube, das ist ein ganz zentraler Punkt in der Kindermedizin: die Wahrung der Autonomie und die Respektierung des Individuums.

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