Heute wohne ich bei Papa
Familienleben
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Dringend nötig: eine frühe Kommunikation

Die vermutlich erfreulichste Absprache, die für Kinder nach einer Trennung getroffen werden kann, lebt Christoph Adrian Schneider, 49, aus Muri bei Bern. Der Vater zweier Söhne (10 und 12 Jahre alt) hatte das Thema in weiser Voraussicht schon während der Schwangerschaft seiner früheren Frau angesprochen – und auch, wie sie eine Trennung als Eltern meistern können, ohne es als ein persönliches Scheitern zu begreifen.
Christoph Adrian Schneider hat schon nach der Geburt des ersten Sohnes Regelungen für den Fall einer Trennung getroffen.
Christoph Adrian Schneider hat schon nach der Geburt des ersten Sohnes Regelungen für den Fall einer Trennung getroffen.
Schneider ist Psychologe und im Vorstand des Verbands männer.ch. Er leitet in Bern die dortigen Väter Crashkurse und sieht frühe Kommunikation als Schlüssel zu guten Lösungen. Selbstverständlich noch einige weitere Voraussetzungen: Dass er sich als Vater paritätisch in die Elternbeziehung einbringt, war für ihn von Anfang an klar. Auch, dass sie als Eltern in der Nähe voneinander leben und er seine Arbeitszeiten entsprechend anpasst. «Wichtig ist, eine alternierende Obhut gut zu organisieren», sagt Schneider. «Ich schaue, dass ich für unsere Söhne verfügbar bin, wenn sie bei mir sind.»
Für viele Väter ist es schwierig, die Arbeit zu reduzieren – da braucht es Hartnäckigkeit ­gegenüber dem Arbeitgeber.
Jungen Eltern sei heute bewusst, dass Elternschaft etwas Partnerschaftliches sei. «Und alle wissen: Eine Trennung kann jeden treffen.» In der Schweiz sei man auf einem guten Weg – selbst in Konstellationen, in denen Eltern unterschiedlicher Meinung seien. Wenn die geteilte Betreuung auch vor der Trennung gelebt wurde, spreche vieles dafür, sie fortzusetzen.

Der Verband männer.ch fordert Parität in vielerlei Hinsicht. So setzt er sich seit geraumer Zeit für mehr Vaterschaftsurlaub für Männer ein. Schneider berichtet, er erlebe Väter, für die es schwierig sei, die Arbeit anzupassen und zu reduzieren. Doch von denen wünscht er sich Hartnäckigkeit. «Ich behaupte, es ist in der Schweiz auch für Väter machbar, Beruf und Kinder miteinander zu vereinbaren – auch, wenn Männer manchmal mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen bei ihrem Arbeitgeber als Frauen.»

Da sowohl seine frühere Frau als auch er zu den Söhnen von Geburt an eine enge Verbindung hatten, habe sich die Eltern-Kind-Beziehung nach der Trennung nicht verändert. Selten träfen sie noch zu viert aufeinander, an den Geburtstagen der Kinder zum Beispiel. Einmal im Monat gingen sie als Eltern zu zweit etwas essen und sprächen über ihre Söhne und ihre Elternbeziehung.

Den Fokus auf die Kinder richten

Dominik Blatt, 47, aus Wil SG bezeichnet die räumliche Nähe ­zwischen Mutter und Vater als wichtigste Voraussetzung für eine alternierende Obhut. Seit vier Jahren schon betreut er die drei Kinder gemeinsam mit seiner Ex-Frau, in einem wertschätzenden Verhältnis zueinander. Selbst als Eltern in Trennung unternahmen sie früher regelmässig etwas zusammen, weil sie «immer den Fokus auf die Kinder» richteten. Auch Weihnachten feiern sie gemeinsam. Die alternierende Obhut sei eine Win-win-Situation, «weil ich die Erziehung der Kinder mitgestalten kann, aber auch Möglichkeiten zur Freizeit habe».

Vielleicht auch deshalb, weil Dominik Blatt als Teamleiter einer Finanzabteilung arbeitet, sieht er einige strukturelle Defizite für Getrennterziehende. Blatt spricht einen geteilten Sozialabzug bei der Steuererklärung an, obwohl die Kinderbetreuung annähernd ausgeglichen sei. Und beim Krankenkassenabzug sollte nur abzugsberechtigt sein, wer die Prämien zahlt. Aber die Abzugsfähigkeit bestimme sich nach dem höheren Wohnanteil der Kinder. «Das sind Themen, die ich als sehr störend empfinde», sagt Blatt. «Gerade bei Getrennten und Geschiedenen fallen ja viele doppelte Kosten an», argumentiert Blatt. «Plötzlich wird man als alleinstehender Vater mit massiv höheren Ansätzen besteuert, obwohl man seinen Anteil zur Erziehung gleichermassen beiträgt.»

Sabine Brunner vom Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich beschäftigt vor allem eine Frage: Was genau entspricht denn dem Kindeswohl? Ein Begriff, der so umstritten ist wie kaum ein anderer. Brunner beklagt, dass sich die Professionen im Familienrecht selbst so uneins seien, welche Kriterien für die Regelung der Situation von Kindern getrennter Eltern Ausschlag geben sollen. Vor diesem Hintergrund sei es für Trennungsfamilien umso schwieriger, angemessene Lösungen zu finden. «Mich beschäftigt es sehr, dass selbst in der Fachwelt bisweilen ein solch heftiger Krieg geführt wird», sagt sie. Bei vielen Vätern spüre sie das Bemühen, auch nach einer Trennung für ihre Kinder da sein zu wollen «und ihre Stellung in der Familie neu zu finden», so Sabine Brunner. «Ich stelle mit Freude fest, dass sich Väter mehr engagieren als noch vor Jahren.»
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Das Kindeswohl muss an erster Stelle stehen, nicht die Wünsche der Eltern.
Doch aus Brunners fachlicher Sicht gibt es auch Väter, die über das Ziel hinausschiessen. Die alternierende Obhut zu erreichen, werde mitunter zu einer «Lebens- und Machtfrage» gemacht. Die Bedürfnisse der Kinder gerieten ausser Acht. «Es scheint darum zu gehen, einen Teil des Kindes besitzen zu wollen oder Zeit mit dem Kind zu besitzen.» Natürlich erfordere Bindung Zeit, aber echte Elternschaft und eine «gute Beziehung zwischen Eltern und Kind» bestehe aus mehr als nur aus Zeit. Entscheidend für ein Gelingen der geteilten Betreuung sei, den Kindern gut zuzuhören und die Beziehung der Eltern «zu klären», die Trennung auch emotional zu vollziehen. Genau das versuchen sie im Institut mit dem Beratungsangebot.

In Einzelfällen könne es funktionieren, wenn die alternierende Obhut trotz eines Elternstreits angeordnet werde, erklärt Sabine Brunner. Und zwar dann, wenn die Eltern sich in ihren Rollen grundsätzlich respektierten und die Kinder selbst bei beiden Eltern sein möchten. Oftmals wäre es sinnvoll, wenn Eltern frühzeitiger ein Beratungsangebot in Anspruch nähmen, ist Brunner überzeugt.

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