Syrische Flüchtlingskinder: «Ankommen nach Krieg und Flucht»
Familienleben
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Traumabehandlung

Christina Gunsch, Leitende Psychologin für Kinderpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich geht davon aus, dass etwa 30 bis 50 Prozent aller syrischen Flüchtlingskinder traumatisiert sind. «Betroffene werden dann bei mir für die Behandlung angemeldet, wenn sie in der Schule ausser Rand und Band sind». Die Kinder sind aggressiv oder können sich nicht konzentrieren. Die Einschätzung der Situation durch Lehrpersonen ist hier entscheidend. Um sie zu unterstützen, gibt es seitens der «Zürcher Arbeitsgruppe Kind und Trauma» die Broschüre «Flucht und Trauma». Christina Gunsch ist Mitautorin der Broschüre. Darin werden Trauma, auffälliges Verhalten sowie mögliche Interventionen erläutert.
Christina Gunsch ist leitende Psychologin für Kinderpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Christina Gunsch ist leitende Psychologin für Kinderpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Das Hauptziel verschiedener Therapieansätze ist es, dem Leiden entgegenzuwirken. Die Therapieverfahren, die Christina Gunsch hierfür wählt, sind wissenschaftlich belegt. Dabei wagt sie sich mit ihren kleinen Patienteninnen und Patienten in die Höhle des Löwen, denn: «Man weiss inzwischen, dass man die schwierigsten Erfahrungen nochmals durchgehen muss, um ein Trauma heilen zu können». Wie dieses Durchgehen genau abläuft, hängt von dem betroffenen Kind ab. So zeichnen manche Kinder die traumatisierenden Erlebnisse auf. Aber auch Aufschreiben, Nachspielen oder die Erfahrungen in Gedanken immer wieder durcharbeiten, helfen. Wichtig ist dabei ein Wiedererinnern mit allen Sinnen: also, wie hat es ausgesehen, wie hat es gerochen, was hat das Kind gehört? Viele Kinder absolvieren diese Form der Therapie über mehrere Wochen problemlos. 

Flüchtlingskind Maram hätte gerne mehr über Syrien gesprochen, erklärt sie. Deswegen hat sie ihre Vertiefungsarbeit darüber geschrieben um ein wenig über ihre Erlebnisse in Syrien zu berichten. «Viele Menschen wissen nicht was dort passiert, und ich hatte einfach das Bedürfnis darüber zu sprechen.»

Entwicklungsperspektiven schaffen

Ob den Kindern und ihren Familien das Ankommen in der neuen Heimat gelingt, ist von vielen Faktoren abhängig. Diese Einschätzung teilen Christina Gunsch und Matthis Schick: Traumatherapie gelingt vor allem durch ein stabiles schulisches Umfeld und eine Unterstützung durch das private Umfeld des Kindes. Ausserdem sei es entscheidend, dass die Aussicht auf eine «lebbare» Zukunft besteht. Schafft man es, diese realisierbare Perspektive zu vermitteln, finden sich Mittel und Wege, mit der Vergangenheit umzugehen. Neben einem stabilen Umfeld in Schule und Familie ist es wichtig, persönliche Ressourcen, wie etwa Talente und berufliche Kompetenzen, zu fördern: Also «das, was Patienten mitbringen, aufgreifen und unterstützen».

Für Maram war es insbesondere ihre Schweizer Lehrerin, die ihr das Gefühl gab niemand Fremdes zu sein. «Sie hat viel mit mir gesprochen, mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen brauche, dass das für mich ein Neubeginn ist, dass ich Talent habe. Das hat mich sehr bestärkt.»

Es gilt zu vermeiden, dass syrische Flüchtlingskinder und Kinder aus anderen Krisenregionen Teil einer «verlorenen Generation» werden. Die Risiken und potentiellen Langzeitfolgen für die Kinder wie für die Gesellschaft sind zu hoch. Deshalb sei es laut beider Experten wichtig, vor Ort eine gute Vorarbeit sicherzustellen: Indem bereits in Syrien und Anrainerstaaten Eltern und Kinder für psychiatrische und psychotherapeutische Arbeit sensibilisiert werden. So, wie es zum Beispiel im Happiness Again Traumatherapiezentrum in Amman, Jordanien gemacht wird. Zudem wäre, so Christina Gunsch, bei der Aufnahme in die Schweiz, neben einer körperlich-medizinischen Untersuchung, auch eine psychologische Untersuchung wichtig. Trauma früh zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln, gelänge so besser.
Kinder mit Kriegserfahrungen sind nicht nur die grössten Leidtragenden, sondern schultern gleichzeitig auch die Lasten des neuen Alltags. Deshalb ist es entscheidend, diesen Kindern auf dem Weg einen Teil des schweren Gepäcks abzunehmen und ihnen einen hoffnungsvollen Blick in ihre Zukunft zu ermöglichen.

Maram hat dabei einen klaren Plan. «Für die Zukunft wünsche ich mir eine gute Ausbildung. Ich möchte mich als Teil der Gesellschaft fühlen. Ich beginne demnächst eine Ausbildung als medizinische Praxisassistentin. Wenn das klappt, würde ich gerne selbst mal Ärztin werden.»
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Syrienkrieg: Zahlen und Fakten

Der seit 2011 anhaltende Syrienkrieg hat laut Angaben der Vereinten Nationen die grösste humanitäre Katastrophe seit Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst. Bisher hat der Krieg über 400000 Menschenleben gefordert. Mit rund 13 Millionen Flüchtlingen (6 Millionen ausserhalb Syriens und 7 Millionen Binnenflüchtlingen) ist über die Hälfte der syrischen Bevölkerung unmittelbar vom Krieg betroffen. 44 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Syrische Kinder unter 9 Jahren kennen kein Leben ohne Krieg. Schätzungen zufolge sollen 30 bis 50 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder kriegstraumatisiert sein. Galt Syrien vor dem Krieg als Land mit hohem Bildungsstand (99.6 Prozent Primarschulquote), wurden seit 2011 über 4000 Schulen zerstört.

Quellen: UNICEF, UNHCR, Human Rights Watch

<div>Betroffen vom Krieg im Herkunftsland seiner Eltern reiste <strong>Dr. Omar Kassab</strong> 2013 nach Jordanien um herauszufinden, welchen Beitrag geleistet werden kann, um die Not der wachsenden Zahl syrischer Flüchtlinge zu lindern. Daraus entstand <a href="https://www.syrianrefugeecrisis.com/">Syrian Refugee Crisis</a>.</div>
Betroffen vom Krieg im Herkunftsland seiner Eltern reiste Dr. Omar Kassab 2013 nach Jordanien um herauszufinden, welchen Beitrag geleistet werden kann, um die Not der wachsenden Zahl syrischer Flüchtlinge zu lindern. Daraus entstand Syrian Refugee Crisis.
<div><strong>Dr. Patrick Jiranek</strong> ist Netzwerkmitglied der <a href="https://www.syrianrefugeecrisis.com/">Syrian Refugee Crisis</a>.</div>
Dr. Patrick Jiranek ist Netzwerkmitglied der Syrian Refugee Crisis.

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    Fiona Kelly fährt seit Herbst 2015 regelmässig in Flüchtlingscamps in ganz Europa, verteilt Hilfsgüter und Essen. Auch den Flüchtlingen in ihrem Heimatort unterstützt sie während des Asylverfahrens. Gleichzeitig ist sie Mutter von zwei dreijährigen Zwillingen und zwei Buben im Schulalter. Uns verrät sie, was sie motiviert und wie sie mit ihren Kindern über Krieg spricht.

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