Syrische Flüchtlingskinder: «Manche haben gesehen, wie Vater oder Mutter umgebracht worden sind»
Familienleben

«Manche haben gesehen, wie Vater oder Mutter umgebracht worden sind»

Susanne Attassi gründete das Happiness Again Traumatherapiezentrum in Amman. Das Zentrum hilft syrischen Flüchtlingskindern in Jordanien, ihre Kriegserlebnisse zu bewältigen.
Interview: Dr. Michael Bürgi, Syrian Refugee Crisis
Bild: Happiness Again Traumatherapiezentrum / zVg

Frau Attassi, Sie haben 2014 das Happiness Again Traumazentrum mitgegründet. Wie ist es dazu gekommen?

Als die ersten syrischen Flüchtlinge nach Jordanien kamen, habe ich mich zusammen mit Bekannten in der humanitären Nothilfe engagiert. Später haben wir medizinische Hilfsmissionen organisiert. Wir holten Ärzte aus aller Welt nach Jordanien, um Flüchtlinge unentgeltlich zu behandeln. Während die Eltern in Behandlung waren, haben wir die Kinder betreut, mit ihnen gemalt oder gebastelt. Dabei ist uns aufgefallen, dass viele Kinder psychische Probleme hatten.

Was genau ist Ihnen aufgefallen?

Manche Kinder redeten nicht, waren sehr verängstigt, andere wurden schnell laut und aggressiv. Diese Kinder haben Schreckliches erlebt im Krieg. Viele mussten sich in Syrien tagelang in fensterlosen Räumen verstecken, wegen der Bomben.
Susanne Attassi hat syrische und deutsche Wurzeln. Sie lebte mit ihrer Familie in Syrien und den USA und arbeitet zurzeit in Istanbul und Amman. Ein ausführlicheres Gespräch mit Susanne Attassi ist als Podcast auf der Website www.syrianrefugeecrisis.com zu hören.
Susanne Attassi hat syrische und deutsche Wurzeln. Sie lebte mit ihrer Familie in Syrien und den USA und arbeitet zurzeit in Istanbul und Amman. Ein ausführlicheres Gespräch mit Susanne Attassi ist als Podcast auf der Website www.syrianrefugeecrisis.com zu hören.
Einige mussten mit ansehen, wie ihre Eltern umgebracht wurden. Andere wurden vergewaltigt oder haben Enthauptungen durch ISIS, den sogenannten Islamischen Staat, miterlebt.

Und wie geht es den Kindern als Flüchtlinge in Jordanien?

Jordanien musste innerhalb kurzer Zeit mehrere hunderttausend Flüchtlinge aufnehmen. Das hat den Wohnungs- und den Arbeitsmarkt sehr belastet. Viele Flüchtlingsfamilien leben in Einzimmerwohnungen und die Eltern arbeiten schwarz. Darunter leidet die ganze Familie und die Kinder haben keinen Platz zum Spielen.
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Wie machen Sie die Eltern auf das Traumatherapie-Zentrum aufmerksam?

Eine grosse Herausforderung ist das soziale Stigma: Viele Eltern wollen nicht wahrhaben, dass ihr Kind krank ist und Hilfe braucht, nach dem Motto, «Mein Kind ist doch nicht verrückt!» Unterdessen hat sich herumgesprochen, dass es den Kindern, die zu uns kommen, viel besser geht. Zudem verbinden wir die Traumatherapie mit anderen Angeboten wie Englischkurse für die älteren Geschwister oder Nähkurse für die Mütter.

Wie sieht ein Tag im Zentrum aus?

Die Kinder kommen vormittags zu uns. Wir holen sie mit einem Schulbus ab, weil sich die Familien die Fahrt mit dem öffentlichen Verkehr nicht leisten können. Nach der Begrüssung beginnen wir mit Yoga, zur Entspannung. Dann wird eine Geschichte vorgelesen. Das lieben die Kinder. Nach etwa einer Stunde verteilen sie sich auf verschiedene Therapiegruppen.

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