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Schule

Wie geflüchtete Kinder und Jugendliche unsere Schulen bereichern

Jeder dritte Geflüchtete, der nach Europa kommt, ist allein unterwegs und minderjährig. Viele von ihnen sind schulpflichtig. Welche Folgen hat das für unser Bildungssystem? Eltern befürchten überquellende Schulklassen, in denen kaum noch jemand Deutsch spricht, Lehrpersonen einen Qualitätsverlust ihres Unterrichts. In ihrem Buch «Die Flüchtlinge sind da!» widmet sich unsere Autorin dem Thema Zuwanderung in unseren Schulen und der Frage, wie wir diese pädagogische Herausforderung bewältigen können.
Text und Bilder: Katharina Blass
Ein Montagvormittag in der Berufs-, Fach-, und Fortbildungsschule (BFF) in Bern. Die zugewanderten Jugendlichen sind in ein Brückenangebot eingebunden – ein bis zwei Jahre zwischen Regelschule und Berufslehre. Gerade haben sie Deutschunterricht, aber weil eine Journalistin zu Gast ist, darf sich jeder erst einmal vorstellen.

Ausser Nuur aus Somalia sind da noch Abdulqadir, auch aus Somalia, Rahel aus Eritrea, Neslihan aus der Türkei, Yanik aus Spanien und Roshan aus Sri Lanka. Sie alle sind seit einem bis drei Jahren in der Schweiz und zwischen 16 und 18 Jahre alt. Sie wollen Automobilfachmann, Koch, Informatiker, Dachdecker, Altenpflegerin und Ärztin werden. Eigentlich sind es 16 Schüler, für sechs Unterrichtsstunden in der Woche wird die Klasse jedoch halbiert, um intensiver Deutsch lernen zu können.

Heute geht es um «damals und jetzt». Deutschlehrer Daniel Graf stellt die Zeit ohne Computer und Smartphone der jetzigen Zeit gegenüber. «Wo hättest du lieber gelebt?», fragt er Neslihan. «Ich hätte lieber früher gelebt, weil ich gern in der Natur bin und es heute in den Städten kaum noch Platz dafür gibt», sagt die Türkin. Sie spricht sehr gut Deutsch, obwohl sie erst anderthalb Jahre in der Schweiz lebt. Sie hat eine Vorlehre als Pharmaassistentin gemacht, später möchte sie Medizin studieren. «Das ist nicht unmöglich, aber ein sehr langer Weg», sagt Graf.
Koch, Dachdecker, Ärztin – die Berufswünsche der jungen Flüchtlinge sind so verschieden wie ehrgeizig.
Diesen Eindruck von motivierten und engagierten Schülerinnen und Schülern erhält, wer sich in ein Klassenzimmer setzt und dem Unterricht folgt.

Wer aber länger mit Lehrerinnen und Lehrern spricht, bekommt die andere Seite der Einwanderungsdebatte zu hören. «Wir sind überfahren worden.» «Wir wissen nicht, was wir tun sollen.» So tönt es aus vielen Lehrerzimmern im Land.

Plötzlich sind die Flüchtlinge da – und niemand ist vorbereitet. Es gibt zu wenige Lehrpersonen, keine Ressourcen für Deutschunterricht oder nicht genügend Geld für Freizeitangebote. Einen Lehrplan zur Integration der Neuankömmlinge hat niemand, und überhaupt fragen sich viele, was Integration genau bedeuten soll. Alle Beteiligten sind mit einer neuen Situation konfrontiert: Lehrer wissen nicht genau, wie sie mit den traumatisierten Schülern umgehen sollen. Eltern machen sich Sorgen, dass das Niveau in den Klassen absinkt.
Integration braucht Zeit. Aber die Zugewanderten sitzen jetzt in den Klassenzimmern. Wir müssen rasch anpacken!
Schätzungen zufolge reisten 2015 rund 10 000 minderjährige Flüchtlinge, davon 3000 schulpflichtige, in die Schweiz ein. Zum Vergleich: Das sind 45 Prozent mehr als 2014. Die Entwicklung schürt viele Ängste und Vorurteile in der Gesellschaft. Gleichzeitig ist das aber auch eine riesige Chance für das gesamte Bildungssystem und alle Teilnehmer, weil die Schulen sich verändern müssen und werden. Nicht nurzugunsten der Zugewanderten, sondern auch zugunsten aller Schweizerinnen und Schweizer.

Wir alle müssen endlich die Qualität, Sinnhaftigkeit und Gestaltung des Bildungssystems, vor allem aber der Schulen und ihrer Lehrpläne hinterfragen. Nur hier werden die Grundlagen für ein späteres Erwerbsleben und somit der langfristigen Integration aller Zugewanderten gelegt. Ihr Erfolg ist entscheidend. Es müssen Projekte und Initiativen entstehen, Wirtschaft – also Ausbildungs­betriebe – und Schule müssen bes­ser zusammenarbeiten. Und das kommt nicht nur den Flüchtlingen zugute. Allerdings braucht das Zeit, und wir können nicht so lange war­ten, denn die Zugewanderten sitzen jetzt in den Klassen. Wir müssen jetzt anpacken! Wir alle werden neue Menschen und fremde Kultu­ren kennenlernen.
Brückenangebot: Zwischen Regelschule und Berufslehre lernen die jungen Flüchtlinge Deutsch.
Brückenangebot: Zwischen Regelschule und Berufslehre lernen die jungen Flüchtlinge Deutsch.
Die Lehrpersonen, aber auch die Schülerinnen und Schüler, die in der Schweiz gross geworden sind, werden sich im Unterricht mit den Folgen von Krieg und Vertreibung auseinandersetzen und vielleicht auch in ihrer Freizeit spüren, wie wichtig eine funktionierende Demokratie und ein Leben in Frei­heit und Frieden sind.

Fremdenfeindlichkeit, Ressenti­ments und Intoleranz sind keine latenten Schwingungen mehr, son­dern werden im Unterricht, am Stammtisch, im Parlament, in den Medien thematisiert werden. Davon können alle – vom Erstklässler bis zum Bundesrat – nur profitieren.

 Zurück in der Berufs­-, Fach-­ und Fortbildungsschule in Bern. Die BFF hat zwölf Klassen im Brückenange­bot. Vor wenigen Jahren waren es nur sechs. «Den grössten Anteil machen Schüler aus Eritrea aus», sagt die Klassenlehrerin, die an­onym bleiben möchte, im Gespräch nach dem Unterricht. Rund 30 Pro­zent. Bisher waren die Klassen sehr gemischt, vom Familiennachzug bis zum Diplomatensohn erhielten sie Deutschunterricht.

Neuerdings kommen vor allem geflüchtete Afghanen und Syrer dazu. Obwohl Einwanderung und Integration in der Schweiz schon lange Teil der Kultur­ und Bildungsgeschichte sind, stehen auch hier die Lehrerinnen und Lehrer neuen Pro­blemen gegenüber. Das grösste davon ist der hohe Anteil an unbe­gleiteten minderjährigen Flüchtlin­gen.
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Manche Flüchtlinge waren seit Monaten, oft auch seit Jahren allein unterwegs.
Allein im Kanton Bern sei die Zahl seit 2015 von 100 auf 500 angestie­gen. «Sie sind seit Monaten, manch­ mal auch seit Jahren allein unterwegs gewesen», erzählt die Klassenlehre­rin. Es falle ihnen sehr schwer, sich plötzlich wieder einer Autoritätsper­son unterzuordnen. Ausserdem müssten sie soziale Kompetenzen wie zum Beispiel Pünktlichkeit neu lernen. «Sie waren lange auf sich gestellt, und plötzlich ist da wieder jemand, in dessen Obhut sie sind. Einige Minderjährige brauchen lan­ge, um sich daran zu gewöhnen», sagt die Klassenlehrerin. Trotzdem seien sie immer noch Kinder.

Ebenfalls verändert habe sich der administrative Part: «Man ist immer in Kontakt mit vielen verschiedenen Institutionen, nicht mehr mit den Eltern.»
Vielen Geflüchteten fällt es am Anfang schwer, sich wieder einer Autoritätsperson unterzuordnen.
Vielen Geflüchteten fällt es am Anfang schwer, sich wieder einer Autoritätsperson unterzuordnen.
Auch später reichen die Bedin­gungen im sozialen und adminis­trativen Umfeld der zugewanderten Jugendlichen weit in den Schulall­tag hinein. «Erst sind sie in Aufnah­meeinrichtungen untergebracht, und wenn sie volljährig werden, sind sie plötzlich doch wieder auf sich gestellt», sagt die Klassenleh­rerin.

Sie erzählt von einem Schüler, der von einem auf den anderen Tag in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen Flüchtlingen lebte. Der Schüler fragte sie um Rat, als er seinen Schlüssel verloren hatte. «Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich verstanden habe, dass es nicht um den Wohnungsschlüssel, sondern um den zu seinem Zimmer ging.»

Die Vorstellung, der Schüler schliesse sein Zimmer ab, wenn er die Wohnung verlasse, habe ihr Sor­gen bereitet. Deshalb soll die Schu­le den jungen Leuten nicht nur den Weg ins Berufsleben bereiten, son­dern vor allem auch ein Schutzraum sein. Darin sind sich die meisten Lehrerinnen und Lehrer einig.

Die Schülerinnen und Schüler, die die Brückenangebote in An­spruch nehmen, hätten mit 16 bis 22 Jahren ein «schönes Alter», sagt die Lehrerin, denn die meisten wür­den verstehen, dass sie nun ein neu­ es Leben beginnen können. Das motiviere sie sehr, nicht nur zu ler­nen, sondern auch sich zu integrie­ren. Und das sollten wir, die gesam­te Gesellschaft, fördern.

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Katharina Blass arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Nach der Veröffentlichung ihres Buches «Die Flüchtlinge sind da» bekam sie unzählige E-Mails von Flüchtlingsgegnern mit Beschimpfungen und Beleidigungen. Ihr Fazit: Alles richtig gemacht, Botschaft ist angekommen.

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Einige gute Förderprogramme, die jungen Migranten und Migrantinnen einen besseren Zugang zu unserem Bildungssystem ermöglichen sollen, gibt es hierzulande bereits. Eines davon heisst ChagALL, vorgestellt in unserer Reportage.


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