Wie kann ich ein gutes Vorbild sein? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie kann ich ein gutes Vorbild sein?

Lesedauer: 4 Minuten

Oft werden Eltern mit dem Vorwurf konfrontiert, ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht zu werden. Unser Kolumnist plädiert für einen entspannteren Umgang und mehr Mut zu Fehlern und Authentizität.

Plötzlich ertönt ein Klingelton. Mitten im Theaterstück. Irgendein Idiot hat vergessen, sein Handy auszuschalten. Blöd, wenn dann die Teenagertochter ihre Hand auf meinen Arm legt und nur ein Wort flüstert: «Papa!»

Der Idiot – das bin ich. Schon wieder.

Früher schien die Sache mit der Vorbildfunktion einfacher. Der Fernseher wurde erst eingeschaltet, wenn die Kinder im Bett waren. Und mit Videospielen verhielt es sich noch simpler: Die meisten Eltern spielten keine.

Seit dem Einzug des Smartphone in unser Leben ist es schwieriger geworden, ein gutes Vorbild zu sein. Schlimmer noch: Zum ersten Mal in der Geschichte der Medien verlangen Eltern von ihren Kindern, dass sie mit dem Handy etwas können, zu dem wir selbst nicht in der Lage sind: zu widerstehen.

Beim Fernsehen haben wir gelernt, ihn nicht schon morgens einzuschalten, sondern erst, wenn wir Zeit dazu haben. Aber der Fernseher macht auch nicht von selbst auf sich aufmerksam. Im Gegensatz zum Smartphone, das mit Klingeln, Brummen und Vibrieren alles jederzeit unterbricht. Daran haben wir uns leider gewöhnt.

Was ist der Preis der Unabhängigkeit?

Nichts hat unser Medienverhalten so massiv umgekrempelt wie das Mobiltelefon. Ohne jeden Zweifel ist es ein wunderbares Gerät: Mit seinen vielen nützlichen Funktionen macht es unser privates und berufliches Leben komfortabler.

Wir sind immer und überall «on» – das ist eine grosse Freiheit. Und eine ebenso grosse Last, weil wir auch abends nicht mehr zur Ruhe kommen. Fataler noch: durch Anrufe und Nachrichten werden die Strassenbahn oder der Supermarkt zum Homeoffice. Und alle hören zu. Bei fremden Personen fällt es einem sofort negativ auf, bei einem selbst nicht.

Gehen Sie mit Ihrem Kind lieber eine Dreiviertelstunde ohne Smartphone auf den Spielplatz, als drei Stunden mit.

Wenn Eltern den Kinderwagen mit dem Smartphone in der Hand schieben oder ein Anruf das Brettspiel oder die Kontrolle der Hausaufgaben unterbricht, lernen Kinder früh, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern mit einem Gerät zu teilen. Deshalb empfiehlt die amerikanische Soziologin Sherry Turkle, mit den Kindern lieber eine Dreiviertelstunde ohne Smartphone auf den Spielplatz zu gehen als drei Stunden mit.

Mittlerweile beklagen sich immer mehr Erzieherinnen, dass manche Väter und Mütter ihren Nachwuchs telefonierend vom Kindergarten abholen. Gespräche über die Geschehnisse des Tages können so nicht stattfinden.

Auch immer mehr Kinder sind unzufrieden. Die Eltern würden nicht mehr richtig zuhören, wenn sie ihnen etwas erzählen wollen, oder sie fühlen sich durch Sätze wie «jetzt nicht – ich muss noch schnell die Mail beantworten» abgebügelt.

Das Smartphone ist so leise und schleichend in unser Leben getreten, dass es uns nicht mehr bewusst zu sein scheint, wie stark wir damit ver­haftet sind. Darum plagt uns sofort das schlechte Gewissen, wenn jemand mit der Vorbildkeule kommt. Nur, was soll das eigentlich sein: ein gutes Vorbild?

Was heisst es, ein Vorbild zu sein?

Selbstverständlich möchten wir stets ein gutes Vorbild sein für unse­re Kinder. Wir wünschen uns, dass sie glücklich sind, die Chance erhal­ten, ihre Potenziale zu entfalten, um später ihren Platz im Leben zu fin­den. Die Sache hat nur einen Haken: Wir sind immer Vorbild, nicht nur in einzelnen Momenten. Kinder beobachten uns die ganze Zeit, ob wir es wollen oder nicht.

Sicher wäre uns lieber, dass sie sich nur unsere positiven Seiten abschauen, wenn wir zum Beispiel einer alten Dame beim Einsteigen in den Zug behilflich sind. Aber unse­re Söhne und Töchter sind auch anwesend, wenn wir uns mit dem Hammer auf den Daumen hauen und dabei alles andere als souverän reagieren. Darüber haben wir keine Kontrolle, so sehr wir uns das auch wünschen. Die Vorbildfunktion gibt es eben nur im positiven und im negativen Sinn.

Mit gutem Beispiel vorangehen ist auch deshalb nicht einfach, weil Erziehung immer ein Stück Selbst­erziehung bedeutet. Nicht rauchen, nicht fluchen oder eben nicht stän­dig am Gängelband des Smart­phones hängen. Doch welcher Mensch hat sich schon zu hundert Prozent unter Kontrolle?! Dazu kommt der fromme Wunsch, nicht die Fehler der eigenen Eltern zu wie­derholen. Stattdessen machen wir unsere eigenen Fehler – und die unserer Eltern dazu.

Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, perfekte Eltern zu sein, die ihre Kinder perfekt erziehen.

Verabschieden wir uns also von dem Gedanken, perfekte Eltern zu sein, die ihre Kinder perfekt erziehen. Das kann nicht klappen. Was aber funktioniert, ist die eigene Vor­bildrolle gründlich zu überdenken: Wo ist es wirklich wichtig, ein gutes Vorbild zu sein, und welche Haltung leben wir vor?

Vorbild sein – authentisch und ohne Druck

Bei Erziehungsthemen wie Bewe­gung und Ernährung gelingt es uns recht gut, Vorbild zu sein. Etwa, wenn wir morgens zum Frühstück unseren Kindern eine ausgewogene Mahlzeit anbieten und nicht die kal­te Knoblauchpizza vom Vorabend.

Beim eigenen Medienkonsum gibt es Luft nach oben. Gerade beim Umgang mit dem Smartphone haben viele Erwachsene noch nicht die Balance gefunden. Das ist aber dringend nötig, denn sobald die Kinder älter werden, merken sie, wenn wir Wasser predigen und Wein trinken. Dann hagelt es Kritik. Voll­ kommen zu Recht.

Fazit: Nehmen wir der Debatte um die Vorbildfunktion den Druck. Auch die besten Eltern machen Din­ge falsch. Das ist völlig normal. Sich zu verbiegen bringt nichts. Für Kin­der ist es wichtiger, dass ihre Eltern authentisch sind.


Vorbild sein – sieben Anregungen

  1. Selbstkritisch sein: Die eigene Vorbildrolle und den eigenen Medienkonsum überdenken
  2. Kein Vorbildstress: Lieber authentisch sein, als sich verstellen. Fehler dürfen passieren
  3. Vorbild sein ist keine Solonummer: Ab acht Jahren sind nicht nur die Eltern Vorbild, sondern auch die Freunde oder Lehrer
  4. Verlässliches Vorbild sein: Was gesagt wird, gilt. Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen
  5. Vorbild Smartphone (1): Kein Smartphone bei Tisch, auf dem Spielplatz oder bei der Abholung aus Kindergarten und Schule
  6. Vorbild Smartphone (2): Öfter mal den Flugmodus benutzen, etwa beim Spielen mit den Kindern. Oder den Anrufer auf einen Rückruf vertrösten. Smartphonefreie Zeiten einführen. Für die ganze Familie 
  7. Nicht vergessen: Kinder brauchen immer wieder ungeteilte Aufmerksamkeit

Zum Autor Thomas Feibel

56, ist der führende Journalist zum Thema «Kinder und neue Medien» in Deutschland. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Weiterlesen:

  • Die digitale Schule– was bringen Schweizer Schulen unseren Kindern über Medien respektive Medienkonsum bei und warum ist diese Entwicklung so schwierig.
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