«Die Mutter kann und muss nicht alle Bedürfnisse ihres Kindes alleine abdecken»
Entwicklung

«Die Mutter muss nicht alle Bedürfnisse ihres Kindes alleine abdecken»

Die Psychologin Giulietta von Salis über die Rolle der Mutter in der Bindungsforschung, an wen sich Kinder besonders binden und wie sich das Bedürfnis nach Bindung in der Pubertät verändert.
Interview: Claudia Landolt
Bild: Julia Forsman

Frau von Salis, ist Verlässlichkeit für eine gute Eltern-Kind-Beziehung wichtiger als Liebe? 

Das Erkennen und das Erfüllen der kindlichen Bedürfnisse sind das A und O der Eltern-Kind-Beziehung. Nicht zu wissen, was es erwartet, also die Unberechenbarkeit der elterlichen Reaktionen, ist für das Kind und seine Entwicklung die ungünstigste und stressigste Erfahrung. Einmal sind die Eltern streng, einmal freundlich oder ein drittes Mal abweisend. Das Kind weiss nie, woran es ist. Das kann in gewissen Situationen noch schlimmer sein, als gar keine Reaktion zu erhalten. Die elterliche Liebe zu spüren, ist aber nebst der Verlässlichkeit ebenso wichtig für ein Kind.

Ein hoher Anspruch, schliesslich hat auch die elterliche Geduld mal ein Ende.

Natürlich. Mit Ungeduld zu reagieren, kann allen passieren und ist nicht schlimm. Das Kind lernt, dass Emotionen im Leben eine wichtige Rolle spielen, vor allem, wenn man danach dem Kind sagen kann, dass man genervt, ungeduldig, wütend war, und warum das so war. Kinder kennen diese Gefühle selbst zur Genüge. Wichtig ist, dass sie am elterlichen Beispiel lernen, wie man mit starken Gefühlen umgehen kann.

Zur Person:

Giulietta von Salis ist Psychologin am Marie Meierhofer Institut für das Kind in Zürich. Sie arbeitet mit getrennten Familien im Rahmen der KET-Beratung (Kinder und Eltern in Trennung), macht zivilrechtliche, kinderpsychologische Gutachten und verantwortet das Praxisprojekt «Spiel-, Werk- und Begegnungsraum MegaMarie im Kulturpark».
Giulietta von Salis ist Psychologin am Marie Meierhofer Institut für das Kind in Zürich. Sie arbeitet mit getrennten Familien im Rahmen der KET-Beratung (Kinder und Eltern in Trennung), macht zivilrechtliche, kinderpsychologische Gutachten und verantwortet das Praxisprojekt «Spiel-, Werk- und Begegnungsraum MegaMarie im Kulturpark».

Gemeinsame Zeit ist wichtig. Nun ist Zeit allerdings in vielen Familien ein sehr knappes Gut. Viele Eltern setzen daher darauf, sogenannte «Quality Time» mit ihren Kindern zu ­verbringen.

Dieser Ausdruck wird häufig benutzt, um zu rechtfertigen, dass man wenig Zeit mit dem Kind ­verbringen kann. Dies widerspricht dem Grundbedürfnis des Kindes: Es bindet sich an jene Personen, die ­zeitlich am meisten verfügbar sind und sich ihm mit Zuneigung und Aufmerksamkeit zuwenden. Somit herrscht eine Diskrepanz zwischen dem kindlichen Bedürfnis und der gesellschaftlichen Realität.

Können Sie beziffern, wie viel Eltern-Kind-Zeit optimal ist?

Nein, das ist nicht sinnvoll. Ich möchte keine Zahlen nennen, denn es kommt immer auf die spezifische Situation und das Kind an. Hier Regeln zu definieren, also zum Beispiel wie viel Fremdbetreuung gut ist, wäre nicht hilfreich für die Familien. Doch grundsätzlich lässt sich Folgendes festhalten: Ein Kind braucht Elternzeit, Ferienzeit mit den Eltern und es braucht Eltern, die problemlos zu Hause bleiben können, wenn es krank ist.
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Warum ist die Rolle der Mutter in der Bindungsforschung so wichtig?

Die Mutter hat eine spezielle, biologische Beziehung zu ihrem Kind, denken wir nur an die Schwangerschaft und die Geburt. Diese tiefe Verbindung kann und soll nicht verleugnet werden. Aber wichtig ist, dass die Mutter nicht exklusiv alle Bedürfnisse ihres Kindes alleine abdecken kann oder muss.
<div>Dieser Text stammt aus dem <strong>Doppelheft Juli/August 2020.</strong> <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/service/ausgabe-bestellen/ausgabe-bestellen"><strong>Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.</strong></a></div>
Dieser Text stammt aus dem Doppelheft Juli/August 2020. Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.
<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/bildung"><strong>Online-Dossier Bindung </strong></a>Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: <strong>Wie schaffe ich eine starke Bindung, ohne mein Kind einzuengen?</strong> Was hat Bindung mit Schule zu tun?</div>
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