Begabung: Das Mittelfeld voranbringen
Entwicklung

Begabte Kinder im Schulalltag

Das Mittelfeld voranbringen: Die schulische Förderung von Begabungen konzentriert sich nicht mehr nur auf die Hochbegabten. Es gibt inzwischen einige Programme und Instrumente für Lehrpersonen.
Text: Claudia Füssler
Bilder: Rawpixel.com
Wer besonders schwach ist in Mathe oder Deutsch, der braucht Nachhilfe, klar. Auch Überflieger, die sich im Unterricht schnell langweilen und ihn daher oft stören, müssen besonders gefordert werden, um ihrer Hochbegabung Rechnung zu tragen. Das war jahrzehntelang der Status quo in Schulen – nicht nur in der Schweiz. Deshalb gab und gibt es Förderkurse am Nachmittag und in den Sommerferien für die Schwachen, Wettbewerbe und Arbeitsgruppen für die Schlauen. Zwischen diesen beiden Polen liegt ein gros­ses, breites Mittelfeld von Schülerinnen und Schülern, die ihre schulischen Aufgaben problemlos alleine bewältigen können, ohne dabei immer mit herausragenden Ergebnissen aufzufallen. Und die fielen meist auch durch jedes Förderraster.

Seit gut zwei Jahrzehnten aber nehmen Lehrpersonen und Schulen das Mittelfeld stärker in den Fokus. Die Begabungs- und Begabtenförderung in Schulen wird populärer, auch, weil sich Erfolge einstellen. Einen grossartigen Einblick in die Ideen einzelner Schulen in der Deutschschweiz geben die Filme der sogenannten LISSA-Preisträger. Mit dem LISSA-Preis zeichnet die Stiftung für hochbegabte Kinder seit 2004 vorbildliche Schulprojekte aus, die in den Schulalltag integriert sind und eine breite Begabungsförderung für alle Kinder anstreben. Heisst: Mit einem stärkenorientierten Unterricht wird jedes Kind nach seinen Bedürfnissen gefördert. Das Credo vieler LISSA-Projekte lautet «Interesse für die Interessen der Kinder zeigen». Statt Unterricht nach Schema F zu halten, versuchen die Lehrpersonen, auf die individuellen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler einzugehen.

Das eigene Können und Tun ­reflektieren

Vor inzwischen 21 Jahren hat Beat Schelbert gemeinsam mit Mitstreitern das Forum für Begabungsförderung gegründet. Ziel war es, die Entwicklung von Begabungs- und Begabtenförderung im Schulbereich zu unterstützen. Eine Pionierarbeit. Mittlerweile wird das Thema von vielen Menschen und Institutionen aufgegriffen. Das Forum für Begabungsförderung war erfolgreich und hat seinen Existenzzweck damit selbst abgeschafft. Beat Schelbert aber ist dem Thema treu geblieben. Seit jetzt bald 20 Jahren arbeitet der Lehrer an der Schule Riedmatt in Wollerau SZ unter anderem mit dem Talentportfolio. «Ich habe in all der Zeit kein anderes Instrument entdeckt, mit dem ich die Jugendlichen ähnlich effektiv in die Position bringe, in der sie wissen: Ah, jetzt bin ich der Gegenstand, um den es sich dreht, ich muss mal über mich nachdenken.» 
«Dank dem Talentportfolio wissen ­Jugendliche: Jetzt dreht es sich um mich», sagt 
 der ­Lehrer Beat Schelbert.
Dieses Reflektieren des eigenen Könnens und Tuns sei ein entscheidender Punkt, um sich über Begabungen und Talente klar zu werden, und gleichzeitig ein schwieriger Prozess. «Der wird mit Hilfe des Talentportfolios viel angenehmer», sagt Schelbert. Vor allem in der Oberstufe merke man deutlich, dass der Fächerkatalog alleine nicht unbedingt zu einem geeigneten Beruf führe. «Und wie soll man einen Beruf wählen, wenn man sich selbst und die eigenen Stärken nicht kennt?» Umso mehr, wenn diese im schulischen Bereich gar nicht oder nicht in der vollen Ausprägung gezeigt werden können. Oder aber zu unspezifisch sind. Denn wer weiss schon, was genau ein Schüler kann, wenn im Zeugnis bei sozialem Verhalten steht, er habe die Vorgaben erreicht oder übertroffen? «Der Portfoliogedanke versucht, solchen Aussagen ein Bild zu geben», erklärt Schelbert.

Wie sinnvoll es sein kann, über den Schulalltag hinaus auf die Suche nach individuellen Fähigkeiten zu gehen, erklärt Schelbert an einem Beispiel: Ein 13-jähriger Schüler ist in der Schule bisher vor allem mit schwachen Leistungen aufgefallen. In seiner Portfoliomappe ­findet sich jedoch der Hinweis «top in Leadership». Weil der Junge als Captain einer Fussballmannschaft ausserhalb der Schule Verantwortung übernimmt, sein Team bei einem Rückstand motiviert und im Training mit gutem Beispiel vorangeht. «Und wer wählt den Captain? Die anderen Spieler, sie erkennen ihn an und ­zeigen damit, dass sein Portfolionachweis auf guten Füssen steht», sagt Schelbert, dessen Kollegin auch schon mit der ganzen ­Klasse im Kuhstall stand, als zwei Jungs behauptet haben, sie könnten eine Kuh von Hand melken. Es stimmte, die Qualifikation durfte ins Portfolio.
Das Wissen um die ­eigenen Talente motiviere und könne bei der Berufswahl helfen, findet die 13-jährige Chiara.
«Am Talentportfolio gefällt mir, dass man dadurch neue Fähigkeiten von sich kennenlernen kann», sagt die Schülerin Elena Marty, 13 Jahre alt. «Es ist wie eine persönliche ­Mappe, in der meine positiven Eigenschaften festgehalten werden.» Ihre Freundin Chiara Nemeth, ebenfalls 13-jährig, findet, dass das Wissen um die eigenen Talente motiviert und später bei der Berufswahl hilfreich sein kann. «Ausserdem lernt man in der Arbeit mit dem Portfolio neue Begriffe kennen und sieht bei anderen Kindern verschiedene Sachen, die diese gut können», sagt Chiara.
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<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/das-begabte-kind"><strong>Online-Dossier </strong>«<strong>Das begabte Kind</strong>»<strong>.</strong></a> <strong>In jedem Kind stecken individuelle Begabungen. </strong>Was Eltern dazu beitragen können, dass diese entdeckt werden und zur Entfaltung kommen, erfahren Sie im <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/das-begabte-kind">Dossier Begabung.&nbsp;</a></div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier «Das begabte Kind». In jedem Kind stecken individuelle Begabungen. Was Eltern dazu beitragen können, dass diese entdeckt werden und zur Entfaltung kommen, erfahren Sie im Dossier Begabung. 

1 Kommentar

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Von Franz Josef am 22.04.2021 13:20

Man fördert lustigerweise Kinder zumeist in dem, was sie eh alleine können. Martins Leistungen in Deutsch wurden 4 Jahre lang als ungenügend bewertet. Seine Deutschförderung bestand darin, dass man ihn eine Seite aus dem Lesebuch abschreiben und in einem vorbereiteten Diktattext einige Lücken ausfüllen ließ. Bei mir schrieb er das ganze Diktat und machte 80 Fehler. Bei mir schrieb er auch den Aufsatz. Ich konnte von den 2 1/2 Seiten fast nichts lesen. Martin konnte mir aber den ganzen Text flüssig vorlesen. Hoppla!
Alle hatten völlig übersehen. dass der Junge ganz allein und über alle Behinderungen durch Unterricht hinweg ein funktionierendes Schreibsystem selbst erfunden hatte, so eine Art Geheimschrift. Und dafür war er 4 Jahre lang immer mit den schlechtesten Noten in die Ecke gesetzt worden und musste ein Jahr sogar wiederholen.
Seine Geschichte war GUT und ich ließ eine Standpauke auf ihn los, aber nicht von oben herab sondern von unten hinauf: Wer so tolle Geschichten schreiben kann, der kann doch auch richtig schreiben! Im nächsten Diktat hatte Martin NULL Fehler. Er hatte es diesmal nicht wie üblich als Versager sondern als KÖNNER vorbereitet.
Solche Ich-kann-Geschichten erfährt man im u.a. gleichnamigen Buch oder auf meinen Youtube-Videos. Oft könnte es genügen, die Begabungen nur nicht pädagogisch zu verhindern.
Franz Josef Neffe

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