Desktop austauschjahr ist eine riesenchance l
Entwicklung
Seite 2

Wohin soll es ins Austauschjahr gehen?

Guido Frey rät, das Gastland nicht im Voraus festzulegen. «Ich würde das komplett offenlassen und mich nicht von festen Vorstellungen leiten lassen.» Sogar die Sprache des Lan­des spiele nicht die wichtigste Rolle. Wenn Eltern bei der Vorbereitung merken, dass ihr Kind überfordert ist, können sie helfend zur Seite ste­hen. Aber zu viel Einflussnahme sei nicht empfehlenswert: «Ich erinnere mich an einen Vater, der selbst als Kind in Ohio war und nun der Meinung war, sein Sohn müsse unbe­dingt auch dorthin. Ich rate, die Kinder zusammen mit der Organi­sation selber ihre Wahl treffen zu lassen. Es geht nicht darum, die Wünsche der Eltern zu erfüllen.»

Die beliebtesten Destinationen sind englischsprachige Länder. Auch exo­tische Ziele wie China oder ein süd­amerikanisches Land können sehr spannend sein. Häufig sind Aufent­halte auf dem Land erlebnisreicher als etwa in einer Grossstadt. «Die Jugendlichen sind auf dem Land Exoten, jeder will sich mit ihnen tref­fen. Zudem tauchen sie in ländlichen Gegenden viel tiefer in die lokale Kultur ein», sagt Guido Frey. Günstig sei ein Austauschjahr nicht: Je nach Land kostet gemäss Frey ein einjähriger Aufenthalt zwischen 15 000 bis 24 000 Franken. Die Angaben vari­ieren je nach Anbieter.
«Am Anfang ist alles faszinie­rend, nach zwei bis drei Monaten folgt meist eine Phase der Langeweile.»
Guido Frey, Geschäftsleiter der Dachorganisation zur Förderung von Jugendaustausch Intermundo.
Wenn es endlich losgeht, sind die Austauschschüler meist ziemlich nervös. Die erste Zeit ist hart, alles ist neu, fremd und es ist niemand da, den man kennt. «Alles ist faszinie­rend, jeder Tag ist anders, aufre­gend», beschreibt es Guido Frey. Nach zwei bis drei Monaten folgt meist eine Phase der Lange­weile, die Jugendlichen vermissen die Kolleginnen und Kollegen zu Hause, die Familie.

Manchmal rutschen die Austauschschüler auch in eine Krise. Dann sei eine gute Begleitung entscheidend. «Die Organisation in der Schweiz arbeitet mit einer Austauschorganisation vor Ort zusammen», so Guido Frey, «und ein Mitarbeiter vor Ort kümmert sich um den Teenager.» Der Wendepunkt kommt oft nach einem halben Jahr, wie bei Anne. Dann sprechen die Teenager die Sprache gut, haben erste Freundschaften geschlossen und kennen sich im neuen Umfeld aus.

Elterliche Zurückhaltung gefragt

Für die Eltern ist ein Austauschjahr ihres Kindes keine einfache Sache – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Sie müssen ihre Tochter oder ihren Sohn loslassen, würden aber oft, besonders am Anfang, am liebsten mitreisen oder zumindest jeden Tag Skype-Gespräche führen. Allzu viel Kontakt ist aber nicht erwünscht. «Es ist wichtig, dass die Eltern nicht täglich Whatsapp-Nachrichten schreiben», sagt Guido Frey. Der oder die Jugendliche muss sich am fremden Ort einleben können und nicht ständig an die Heimat erinnert werden. Der Geschäftsführer von Intermundo rät, den Familien-Chat zu ignorieren und die Kontaktaufnahme fix zu regeln, zum Beispiel einmal wöchentlich ein Telefon, eine Mail oder eine Nachricht: «Ein ständiger Wechsel zwischen hier und zu Hause ist nicht ratsam. Sonst nimmt man dem Jugendlichen die Chance, sich auf das Neue einzulassen.»

Dies bestätigt Lars Reinfried: «Während meiner Zeit in England hatte ich wenig Kontakt mit der Schweiz. Meine Eltern wollten dauernd wissen, wie es mir geht. Aber mir war es wichtig, im neuen Umfeld Erfahrungen zu sammeln und nicht dauernd an zu Hause erinnert zu werden. Deshalb ging dann auch die Beziehung zu meiner damaligen Freundin bald zu Ende. Ich hatte keine Zeit für Heimweh und solche Sachen.» Eltern von Austauschschülern müssen in der Regel auch ein Dokument unterschreiben, in dem sie gewisse Rechte und einen Teil ihrer Verantwortung an die Gasteltern abgeben, etwa, wenn es um medizinische Notfälle geht.

Natürlich treten da und dort auch alterstypische Probleme auf: Alkoholexzesse, exzessiver Ausgang, disziplinarische Probleme, Schwierigkeiten mit der Gastfamilie oder der Schule. Grundsätzlich gilt: Die Austauschschüler müssen sich an gewisse Regeln halten. Jeden Abend bis Mitternacht in den Ausgang zu gehen, ist tabu. Alleine im Land herumreisen ist ebenfalls untersagt. Je nachdem kann ein Schüler auch nach Hause geschickt werden. Und wenn es mit der Familie im Ausland nicht passt, sorgen Personen vor Ort für eine neue Lösung. «Sie helfen, eine andere Familie zu finden, wenn es nicht mehr geht», sagt Guido Frey. Nur ganz selten kommt es zu einem Abbruch des Austauschjahres, etwa, weil das Heimweh zu gross ist. «Das kann vorkommen, ist aber häufig mit einer grossen Enttäuschung verbunden.» Ganz ausschliessen könne man das aber nie.

Anzeige
0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.