Mathias Voelchert: «Wenn wir konstruktiv streiten, lernen unsere Kinder das auch»
Elternbildung
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Dass Streitigkeiten zunehmen, liegt wahrscheinlich auch daran, dass man mehr Zeit miteinander verbringt. Oder?

An der Zeit liegt es nicht. Nach unserer Erfahrung ist es die Enge des Raums, die einen fertigmacht. Wenn man zu viert auf 50 Quadratmetern leben muss, das aber nie so geplant war, weil normalerweise ein Elternteil den Grossteil des Tages bei der Arbeit verbringt und die Kinder im Kindergarten oder in der Schule sind, jetzt aber viel mehr zu Hause sind, dann führt das zu mehr Konflikten. Ganz klar. Wenn man zu viert auf 100 Quadratmetern wohnt und jeder sein eigenes Zimmer hat und die Tür zumachen kann, dann haben wir eine ganz andere Lage. Deswegen ist die häusliche Situation in sozial schwachen Familien um einiges prekärer, weil sie zu eng aufeinandersitzen.

Das heisst, je mehr Raum, umso ­weniger Konflikte?

Der Raum ist für Paarbeziehungen und Beziehungen in Familien ein sehr bedeutsames Element. In unserer Zeit ist es elementar wichtig, dass Vater, Mutter und Kinder jeweils einen eigenen Raum haben, in den sie sich zurückziehen können.

Es braucht also auch jeder Elternteil ein eigenes Zimmer?

Im besten Fall, ja. Bei neun von zehn Familien habe ich erlebt, dass sie viel mehr Platz brauchen, als sie glauben. Wenn es um die Kinder geht, sind sich die Eltern meistens einig, dass jedes ein eigenes Zimmer braucht. Meistens kommen sie aber nicht auf die Idee, dass sie als Erwachsene auch je ein Zimmer brauchen könnten. Dass sie auch mal das Bedürfnis haben, die Tür zuzumachen.

Und das würde dann helfen, ­Konflikten vorzubeugen?

Genau. Eine wichtige Präventionsmassnahme gegen Streit um oberflächliche Themen sind Rückzugsmöglichkeiten. Die Möglichkeit zu sagen: «Da möchte ich jetzt nicht weiter reden, ich ziehe mich  zurück.» Man zieht sich zurück, um abzukühlen. Dann kann man nach zehn Minuten oder zwei Stunden wieder rauskommen und die emotionale Ladung ist weg. Man kann wieder freundlich miteinander reden. Das ist absolut wichtig und wird total unterschätzt.
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Mehr Streit zu Hause, geschlossene Schulen, Kontaktbeschränkungen: Werden die Kinder durch Massnahmen gegen Corona nachhaltig geschädigt?

Ich kann mich der Hysterie nicht anschliessen, dass jetzt über Generationen Kinder traumatisiert sein werden. Das halte ich für viel zu hoch gehängt. Das mag bei einzelnen Fällen der 20 Prozent, von denen die Schweizer Studie berichtet, vorkommen. Diese Familien bräuchten jede Hilfe, die ein Staat geben kann. Aber dass alle Kinder einen psychischen Schaden von den Corona-Massnahmen bekommen, glaube ich nicht. 

Was ist denn mit Eltern, die ihre ­Konflikte nicht austragen – jedenfalls nicht vor den Kindern. Kann man auch zu wenig streiten?

Ja, klar. Wenn man Dissens nicht ausdrückt, streitet man zu wenig. Wenn wir anderen erlauben, dass sie ständig unsere Grenze überschreiten, werden wir krank. Streit ist eine lebensnotwendige Selbstverteidigungsmassnahme. 

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