Mathias Voelchert: «Wenn wir konstruktiv streiten, lernen unsere Kinder das auch»
Elternbildung
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Was sind die wesentlichen ­Themen?

Oft geht es um Themen, die mit der eigenen Kindheit zu tun haben. Mit dem Erleben der eigenen Eltern. Man muss bedenken, dass da zwei Menschen von unterschiedlichen Planeten zusammenkommen. Auf dem einen Planeten hat man gebetet, auf dem anderen gab es gar keinen Gott. Unter solchen Bedingungen zusammenzufinden, ist eine grosse Herausforderung, aber auch eine grosse Chance.

Was sagen Kinder über die ­Streitigkeiten ihrer Eltern?

Sie spielen es immer runter. Wenn bei mir eine Familie mit drei Kindern in der Beratung sitzt, sagen die Kinder nicht: «Meine Eltern streiten so viel.» Kinder sind sehr loyal gegenüber ihren Eltern. Es fällt ihnen schwer zu sagen: «Da hast du mich verletzt und da bin ich dir jetzt böse.»

Wenn mein Mann und ich streiten, sagt meine Tochter oft zu uns, dass sie das nicht toll findet und dass sie Angst hat, dass wir uns trennen.

Wenn das in einer Familie gesagt werden kann, ist der Krieg gewonnen. Wenn die Kinder sagen können «Ich mag es nicht, wenn ihr streitet, ich habe Angst, dass ihr euch trennt» und das Gesagte von den Eltern auch gehört und darauf reagiert wird, dann wird es konstruktiv.

Oder man sagt dem Kind: «Ich ­verstehe, wenn du traurig bist, aber Streit gehört zum Leben dazu. Ab und zu hat man Konflikte, aber die lösen wir jetzt zusammen.»

Genau. Es geht darum, dass man dem Kind klarmacht: Unser Leben ist kein Werbefernsehen und keine Kinderserie. Was wir heute in Soaps und in Serien sehen, ist nicht das echte Leben. Die wahren Konflikte werden oft gar nicht dargestellt. Und wenn sie dargestellt werden, wird meistens nicht gezeigt, was man dann tun kann. Wie man sich verhalten und konstruktiv mit einer Konfliktsituation umgehen kann.
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Da fallen mir die Conni-Bücher ein,  die auch eine heile Welt darstellen ohne Konflikte zwischen Eltern.

Ja, und es ist wichtig, Kindern zu sagen: «Es ist ganz natürlich, dass du dir die Conni-Welt wünschst. Wir sind aber keine Conni-Familie. Wir sind eine ganz normale Familie, in der es manchmal drunter und drüber geht und in der es unvernünftige Erwachsene gibt. Aber wir arbeiten daran, uns Stück für Stück zu verbessern.»

Wir hören immer wieder in den ­Medien, dass häusliche Gewalt und Streit in Familien aufgrund der ­Pandemie gerade zunehmen. Was ist Ihr Eindruck, wie es den Familien ­derzeit geht?

Es gibt eine gute Schweizer Studie, die sagt, dass es in vier von fünf Familien ganz gut läuft, was Corona betrifft. Das sind aber die Familien, bei denen es bisher auch ganz gut lief. Und in den 20 Prozent der Familien, wo es vorher schon schlecht lief, läuft es jetzt noch schlechter. Und zwar, weil die Unterstützung, die sie von aussen bekommen haben, fehlt. Auch wir erleben in den Beratungen, dass es vielen Familien recht gut geht, dass aber einige Familien auch an ihre Grenzen kommen. Dass der Stress einfach grösser wird. Und wenn der Stress grösser wird, nimmt das Konfliktpotenzial zu, und dann lässt man manchmal eine Situation eskalieren, in der man früher ruhig geblieben wäre.

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