Mathias Voelchert: «Wenn wir konstruktiv streiten, lernen unsere Kinder das auch»
Elternbildung
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Das heisst, Aggression ist eine Energie, die im besten Fall nicht über Streit, sondern über andere Wege ­herausgelassen werden muss?

Ganz genau. Aggression ist eine wichtige innere Kraft, die wir haben und auch brauchen. Aggression ist nichts anderes als Energie. Wenn ich sie aber so lange aufstaue, bis ich sie nicht mehr halten kann, dann bringt dieser kleine Tropfen das Fass zum Überlaufen. Und dann kriegen die anderen alles ab.

Kinder versuchen ja auch oft den Streit zu schlichten.

Da habe ich ganz spezielle Erfahrungen. Meine eigenen Eltern haben mich immer als Streitschlichter benutzt. Ich bin mit 18 Jahren ausgezogen, und immer wieder haben sie mich angerufen und gesagt, dass ich kommen muss, weil sie Streit haben. Das habe ich zwei Jahre gemacht und gemerkt, dass das nicht funktioniert und ich damit aufhören muss.

Was macht es mit Kindern, wenn sie zu Streitschlichtern werden?

Sie fühlen sich im ersten Moment gross. Das ist aber eine falsche Art von Grossfühlen. Und sie übernehmen Verantwortung, die sie noch gar nicht tragen können. Das überfordert sie schnell. Streit zu schlichten, ist nicht ihre Aufgabe. Kinder müssen Kinder bleiben dürfen.

Was ist ein guter, ein konstruktiver Streit?

Wenn ich den Konflikt zuerst bei mir anpacke. Wenn ich es schaffe, mich anzuschauen, die eskalierende Emotion einzufangen und erst dann in die Verhandlung gehe: Das ist konstruktiv. Wenn ich nicht mit Vorwürfen auf mein Gegenüber zugehe, sondern mit Ich-Botschaften. Streit als solcher, wenn er konstruktiv geführt wird, ist eine Form des Dialogs. Ich höre mir die Meinung des anderen an, lasse sie auf mich wirken und mache mir Gedanken darüber. Nach ein paar Stunden oder Tagen gehe ich auf die andere Person zu und sage: «Dies ergibt Sinn für mich, jenes aber nicht.»
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Kann ein Kind von einem ­konstruktiven Streit auch profitieren?

Natürlich, immer. Kinder machen uns ja alles nach. Wenn wir destruktiv streiten, streiten sie sich auch destruktiv. Wenn wir lernen, unsere Streitkultur auf konstruktiv umzustellen, dann lernen unsere Kinder auch, konstruktiv zu streiten.

Sie haben schon sehr viele Paare in Konfliktsituationen beraten. Worüber streiten Elternpaare am häufigsten?

Paare streiten sehr oft über Unwesentliches. Oft dreht es sich um das Thema Ordnung. Der eine findet es besser, wenn man alles in die Spülmaschine steckt, der andere spült lieber von Hand ab. Darüber kann man wunderbar streiten. Aber das Streitthema ist meiner Erfahrung nach nicht das wirkliche ­Thema, sondern bloss ein vorgeschobenes. Ein Stressthema. Und diese oberflächlichen Themen verhindern, dass wir die wesentlichen Themen angehen.

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