Jesper Juul: Eltern sollten zuhören statt schauspielern!
Elternbildung

Schluss mit starren Rollen – zuhören!

Viele Eltern flüchten sich gegenüber ihren Kindern in Schauspielerei, weil sie Angst haben, die Führung zu verlieren. Dabei würden ihnen Empathie und ein echter Dialog auch helfen, Grenzen zu setzen.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Was ist der Unterschied zwischen «einer Rolle spielen» und «präsent sein für dein Kind»?  Ich gebe am besten ein Beispiel: Ein acht Jahre altes Kind kommt aus der Schule nach Hause und du merkst, dass etwas nicht in Ordnung ist, und fragst: «Was ist los?» – «Nichts!» – «Aber du siehst nicht glücklich aus! Ist was passiert?» – «Nein, es ist nicht wichtig!» – «Sag es mir doch. Ich sehe, dass etwas nicht stimmt!» – «Also, mein Lehrer war so ungerecht heute. Jemand hat das und das getan, und er hat mich dafür bestraft.»

Selbst wenn Eltern bis zu diesem Punkt präsent waren, hören in diesem Augenblick die meisten auf, zuzuhören. Sie beginnen mit der Schauspielerei und springen in die Rolle der Eltern: «Nun, dann musst du auch etwas angestellt haben!» Warum also sollte dieses Kind dir noch mal etwas anvertrauen, wenn du ihm nicht bis zum Schluss mit Empathie zuhören kannst? Niemand verlangt von dir, Partei zu ergreifen, aber du musst zunächst fürs Kind da sein – du musst dir die ganze Geschichte anhören. Und es ist völlig egal, welches nun die objektiven Tatsachen waren, die zu diesem Konflikt geführt haben: Wesentlich ist, dass das Kind sehr unglücklich ist.

Warum verschanzen wir uns hinter dem Rollen-Ich?

Die meisten Eltern schneiden den Dialog ab, bevor er überhaupt erst richtig angefangen hat, weil sie nicht mehr präsent sind, sondern ihr Rollen-Ich aktiviert haben. Sie haben Angst, die Führung zu verlieren. Wir sind, wenn wir persönlich sind, äusserst verletzbar. Also schützen wir uns lieber rechtzeitig, nur eben auf Kosten anderer – in diesem Fall: des Kindes. Wir verletzen lieber das Kind: Es ist schuldig, es hat gewiss etwas angestellt! Und wir verschanzen uns hinter unserer Rolle, der vermeintlichen Führung, aber verlangen von ihm, dass es weiterhin die Wahrheit sagt – das ist ein unfaires Spiel.

Das, was Eltern mit ihrer Haltung ausdrücken, ist, dass es ihnen viel wichtiger ist, unter Beweis zu stellen, was für «gute Eltern» sie sind, als mit ihrem Kind in Kontakt zu treten. Sie sind von sich selbst absorbiert und nicht wirklich auf Bezug und Dialog eingestellt.
Gerade Frauen müssten wissen, wie schmerzhaft es ist, sich zu öffnen und nicht gehört zu werden.
Es ist anstrengend, dauernd zu überlegen, wie ich die Rolle der Mutter am besten spiele. Was mich sehr verwundert, ist, dass gerade Frauen dieses Spiel mitspielen, denn gerade sie müssten doch wissen, wie schmerzhaft es ist, wenn du dich öffnest und der andere hört dir gar nicht zu, denn er ist bereits dabei, für dein Problem irgendwelche Lösungen zu finden – genau das tun Männer ständig.

Frauen erzählen ihr Problem nicht, weil sie einen grossen Bruder oder Vater brauchen, der ihnen sagt, wo es langgeht. Sie finden die Lösung meist selber. Nur begreifen die Männer nicht, dass ein guter Teil der Lösung darin besteht, darüber zu sprechen. Die Frauen hoffen also, wenn sie sich ihrem Mann, den Eltern oder den Freundinnen mitteilen, und erzählen, was sie momentan quält, dass sie dann einen Ausweg für sich finden. So handeln die meisten Frauen!

Im inneren Dialog gefangene Männer

Viele Männer hingegen tun genau das Gegenteil: Sie denken nur nach – und kommen dann meist mit einem stupiden Vorschlag daher, denn sie verlassen sich nur auf ihren inneren Dialog – und der ist leider nicht sehr bereichernd. Sie drehen sich lieber im Kreis, als von ihren Frauen etwas zu lernen.

Zum Beispiel: Als mein Vater gestorben ist, wollte ich niemanden um mich herum haben, aber das war natürlich nicht möglich. Es kamen alle Verwandten und Freunde. Und für meine Mutter war es sehr hilfreich, denn indem sie jedem Neuankömmling dieselbe Geschichte erzählte, realisierte sie allmählich tatsächlich, dass ihr Mann tot war. Wenn sie allein gewesen wäre, wäre diese Trauerarbeit sehr viel schwieriger geworden, und sie wäre womöglich nicht so leicht darüber hinweggekommen. In dieser Hinsicht haben Frauen mehr Weisheit – und trotzdem sind sie genauso unweise wie die Männer. Wenn es um ihre Kinder geht, dann sind sie auch nicht imstande, zuzuhören.
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