Redaktionsblog

Wie Jesper Juul mein Leben veränderte

Die Gründerin des Schweizer Familylab Caroline Märki über ihre Begegnungen mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, der ihr Denken und Handeln prägte.
Text: Caroline Märki
Bild: Franz Bischof
Jesper Juul trat 2008 in mein Leben. «Aus Erziehung wird Beziehung» hiess das Buch, das mich so sehr faszinierte, dass ich sofort alle Texte von ihm lesen wollte.

Ein Jahr später erlebte ich Jesper Juul zum ersten Mal live. Sein Vortrag trug den Titel «Grundsteine für die Familie». Jesper plädierte für mehr persönliche Verantwortung statt blindem Gehorsam, er sprach über Selbstgefühl, Integrität, Authentizität und Gleichwürdigkeit – seine Worte berührten mich tief. Jesper sprach mir aus dem Herzen.

Ich begann seine Ideen zu studieren und versuchte, die neuen Erkenntnisse und Zusammenhänge in meinen beruflichen und privaten Alltag zu integrieren. Das bessere Verständnis für die zwischenmenschlichen Prozesse führte dazu, dass ich mich und meine Liebsten besser kennenlernte.

Mehr und mehr gelang es mir, meine Eigenart und die meiner Familie und Freunde zu respektieren. Dadurch konnte ich mehr Verantwortung für meine Werte, meine Integrität und mein Handeln übernehmen; mein Selbstgefühl stieg, meine Lebensqualität verbesserte sich.
Ich erlebte zunehmend befriedigendere Beziehungen. 

Mein Ziel des gleichwürdigen Zusammenseins war (und ist es noch heute) nicht das Erreichen von Harmonie im Miteinander, sondern das Verringern von destruktiven Konflikten. Die Gleichwürdigkeit gab mir ein Gefühl von Stärke; bei den Kindern konnte ich beobachten, wie sie sich entspannten und wohlfühlten.

Überzeugt von dieser gleichwürdigen Haltung grün­dete ich 2010 familylab.ch, ein Beratungsnetzwerk für Familien und Fachpersonen, dem heute 160 Seminarleiterinnen und Seminarleiter angehören. Ich kreierte eine Plattform, bei der sich Fachleute, Eltern und Erzieher Rat und Inspiration holen können, um gelingende Beziehungen zu leben.

Persönliche Erinnerungen: Ein Rausschmiss und viele Artischockenböden

Im selben Jahr besuchte ich ein 18-tägiges Seminar von Jesper Juul zum Thema Familiencoaching. Tagungsort war die Fraueninsel auf dem Chiemsee. Zum Leidwesen von Jesper wohnten wir im Kloster. Ich erinnere mich gut, wie die strenge Schwester Scholastika mit Jesper schimpfte, weil er im Klostergarten rauchte. Zur Strafe wurde er aus dem Haus verbannt und wurde nur noch zum Unterrichten eingelassen.

Jesper war oft in der Schweiz, hielt für familylab.ch Vorträge und Seminare. Zwischen uns entstand eine spezielle Freundschaft. Mich faszinierte seine authen­tische Art. Er war immer echt und präsent. Er mochte keinen Smalltalk, war kein Freund schöner Worte. Er konnte gut zuhören, sprach auf den Punkt, über­raschend, inspirierend.

Ich selber fühlte mich manchmal unsicher in meinem Tun und Handeln und hätte mich über ein aufmunterndes Wort von Jesper gefreut. Von Jesper kam kein Lob. Lob ist die Bewertung einer Leistung. Für ihn ist ein Mensch gut, wie er ist. Es dauerte eine Weile, bis ich mich sicher fühlte – auch ohne sein Lob.

Einmal fuhren wir zu einem Vortrag ins Wallis. Im Auto schlief Jesper regelmässig ein. Ab und zu musste ich für einen Raucherstopp anhalten. Auf der Fahrt erzählte er mir von einer Entzündung am Fuss und wie er den Fuss täglich im Salzwasser baden und salben sollte. Aber das gehe ja nicht, weil er immer auf Reisen sei. In Interlaken hielt ich an und kaufte im Supermarkt ein Becken und Salz. «So, nun kannst du auch in der Schweiz deine Fussbäder machen.» Jesper bat mich, nochmals zurückzugehen und nach Artischockenböden zu fragen. In seinem Land gebe es nur Artischockenherzen. Was für ein Glück – der Supermarkt führte tatsächlich Artischockenböden. Ich musste drei Dosen kaufen. Später, wenn ich Jesper in Kroatien oder in Dänemark besuchte, brachte ich ihm immer Artischockenböden mit.

Nach einem Seminar lud ich Jesper zu uns nach Hause ein. Unsere Kinder waren damals 5, 7 und 9 Jahre alt. Es ging dementsprechend turbulent zu und her. Unsere Tochter weinte, weil ihr Stofftier aufs Hausdach gefallen war. Sie wollte, dass ich die Leiter aus der Garage holte und es vom Dach fischte. Ich hatte aber keine Zeit, war mit Kochen beschäftigt und wollte mit Jesper zusammen sein. Also vertröstete ich unsere Tochter auf später. 

Wir Erwachsenen sassen am Tisch, als unsere Jüngste plötzlich mit dem Koalabär in der Hand auftauchte. Stolz erzählte sie, wie sie mit ihren Geschwistern via Dachfenster aufs Dach gestiegen sei und ihr Kuscheltier ganz alleine aus dem Dachkennel gefischt habe. Ich war wie gelähmt vor Schreck. Jesper meinte nur: «Es ist ja nichts passiert.»

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