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Elternbildung

Herr Zbinden, sind Kinder heute aggressiver als früher?

Christian Zbinden ist seit acht Jahren Schulsozialarbeiter an der Primar- und Sekundarschule Oensingen SO. Er sagt, «Kämpfli» auf dem Pausenplatz sollten nicht unterbunden werden.
Text: Sandra Casalini
Bild: Sophie Stieger / 13 Photo
«Zu mir kommen Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren. Manche von sich aus, andere werden von den Eltern oder Lehr­personen geschickt. Das muss immer mit der Zustimmung der Kinder passieren, sonst erreicht man gar nichts. Ich glaube nicht, dass Kinder und Jugendliche heute aggressiver sind als früher. Die Wahrnehmung ist einfach anders, durch die Medien verbreitet sich vieles schneller.

Verhalten sich jüngere Kinder aggressiv, geht es sehr oft darum, dass sie sich unverstanden fühlen. Einige reagieren sehr heftig. Ich habe gerade einen Zweitklässler, der regel­mässig zu mir kommt, weil er andere schlägt. Er hat kein Deutsch gesprochen, bis er in die Schule kam. Da gibt es rein sprachlich einige Missverständnisse. Meist äussern sich diese physischen Aggressionen in einem Klaps hier oder einem Gingg dort.
«Kinder können Verschiedenes aus «Kämpflis» lernen!»
Christian Zubinden, Schulsozialarbeiter
Kinder sehen oft die Grenzen nicht – die Erwachsenen um sie herum aber auch nicht: Schon spielerische Kämpfli auf dem Pausenplatz werden oft unterbunden. Dabei sollten Kinder aus ihnen lernen: Wo sind die Grenzen? Findet der andere das noch lustig? Wann ist es an der Zeit, aufzuhören? Wenn Erwachsene bei jedem Pikser einschreiten, lernen Kinder, dass sie durch Gewalt Aufmerksamkeit bekommen, und machen das immer wieder.

Wenn Jugendliche bei mir «landen», geht es sehr oft um Mobbing. Dabei ist es nicht meine Aufgabe, mich auf die Seite des Opfers zu stellen, sondern zu schauen, dass es allen Beteiligten einigermassen gut geht. Ich versuche, das Ganze möglichst ohne Anschuldigungen aufzulösen. Um dem gemobbten Kind zu helfen, brauche ich die Mithilfe von Opfer, Täter, Mitläufern und Mitwissern. Der Täter muss dabei nicht im Fokus stehen, aber man muss ihn und andere sensibilisieren und das Geschehen benennen, damit man etwas ändern kann.
 «Wer als Eltern Teil des Geschehens wird, kann dem Kind nicht mehr helfen.»
Christian Zubinden, Schulsozialarbeiter
An dieser Stelle möchte ich einen Appell an Eltern von Mobbingopfern richten: Seid wachsam, hört den Kindern zu, nehmt sie ernst – aber bitte schreitet nicht selber ein! Holt Hilfe bei Lehrpersonen, sozialen oder psychologischen Diensten. Wer als Eltern Teil des Geschehens wird, kann dem Kind nicht mehr helfen, sondern macht es für seinen Sohn oder seine Tochter nur noch schlimmer. Wichtig ist ausserdem, dass auch die Schule ein ganz klares Statement setzt: Wir akzeptieren das nicht!

Mädchen kommen öfter freiwillig zur Schulsozialarbeit als Buben. Bei Letzteren geht es häufig um physische Gewalt. Der grösste Teil der Mädchen in der Oberstufe sucht wegen Selbstverletzungen wie Ritzen unsere Hilfe. Dabei sind Selbstverletzungen ebenso aggressive Handlungen wie Gewalt gegen andere. Oder Mädchen kommen wegen Suizid­gedanken. Warum Mädchen und Buben Aggressionen so unterschiedlich ausdrücken, ist schwer zu sagen. Ich kann mir vorstellen, dass das zu einem grossen Teil erlernt ist, das heisst, dass Mädchen in ihrem Umfeld schlicht keine sichtbaren Aggressionen von Frauen wahrnehmen und ihre eigenen deshalb auch eher gegen sich selbst richten.»

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Dieses Interview stammt aus unserem grossen Dossier zum Thema Aggression aus der Ausgabe 05/18. Sie können das Magazin hier bestellen.
Dieses Interview stammt aus unserem grossen Dossier zum Thema Aggression aus der Ausgabe 05/18. Sie können das Magazin hier bestellen.
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