Erziehen ohne Schimpfen: Muss ich denn immer laut werden?
Elternbildung

Wie geht Erziehung ohne Schimpfen?

In den meisten Familien gehört es zum Alltag: Eltern schimpfen mit ihren Kindern, mal mehr, mal weniger heftig. Auslöser sind meist Stress und Überforderung. Doch Grenzen und Regeln lassen sich durch Anbrüllen nicht durchsetzen, sagen Erziehungsexperten. Und zu viele Wutausbrüche schaden langfristig der Entwicklung des Kindes. Erziehung ohne Schimpfen – wie geht das?
Text: Julia Meyer-Hermann 
Bilder: Fabian Hugo / 13 Photo
Manchmal werde ich laut. Unangenehm laut. Ich brülle meine Kinder an, schmeisse Dinge auf den Boden, knalle Türen zu. Vor Kurzem habe ich sogar mit dem Fuss aufgestampft. «Wie das Wutmonster in diesem Bilderbuch», schoss es mir durch den Kopf. Ich habe mich sofort ziemlich dämlich gefühlt. Unreflektiert. Unempathisch. Unkontrolliert. Das hat die Situation aber nicht besser gemacht. «Eigentlich könnte ich auch sofort rumschimpfen», habe ich meine beiden Kinder angeschnauzt. «Alles andere bringt ja doch nichts!»
Nach dem Schimpfen fühlte ich mich ­dämlich. Unreflektiert. ­Unempathisch. Unkontrolliert. Das hat die Situation aber nicht ­besser gemacht.
Was meinen Ausbruch ausgelöst hatte, war banal, die meisten Eltern kennen Ähnliches: Es ging um einen Berg Legosteine auf dem Wohnzimmerfussboden. Meine Bitten, Aufforderungen und Ermahnungen dazu waren stundenlang ungehört verhallt. Dabei war schon meine ­erste Ansage eindeutig gewesen: Ich brauchte noch eine halbe Stunde Ruhe, um ein paar wichtige Mails zu beantworten. Meine Kinder sollten in dieser Zeit das Spielzeug wegräumen, weil später Besuch kommen würde.

Nach dem mütterlichen Inferno verschwand die 12-Jährige beleidigt in ihrem Zimmer, ihr jüngerer Bruder versteckte sich weinend in seinem Bett. Und ich fühlte mich schlecht.

Elternalltag ist anspruchsvoll, nicht selten stressig. Das beginnt oft schon morgens mit der Diskussion über die richtige Bekleidung. «Nein, es regnet, keine Sandalen.» Und: «Bitte in die Schule keine Netzstrumpfhose.» Wir erklären, formulieren Wenn-dann-Sätze, versuchen es mit «Kannst du bitte ...?». Bis, ja, bis uns der Geduldsfaden reisst und wir laut werden, schreien, toben. Das passiert je nach eigenem Befinden mal früher, mal später. Aber es passiert. 

Schimpfen bringt familiären Unfrieden

Muss das sein?, frage ich mich. Was macht dieses Schimpfen mit den Kindern? Was sagt es über die Beziehung zu unseren Söhnen und Töchtern – über uns selbst? Erziehen ohne Schimpfen – geht das überhaupt?

Auf meiner Suche nach Antworten stosse ich schnell auf den Bestseller «Erziehen ohne Schimpfen» von Nicola Schmidt. Die Erziehungsexpertin und Wissenschaftsautorin glaubt, dass Eltern mit Schimpfen jedenfalls nicht das erreichen, was sie erreichen möchten: eine Verhaltensänderung bei ihren Kindern. «Alle Studien weisen darauf hin, dass Schimpfen, Schreien oder gar Strafen nicht funktionieren», schreibt Nicola Schmidt. «Wenn wir unseren Kindern soziale Regeln beibringen wollen, müssen wir es anders angehen.»

Seit zwölf Jahren bloggt die zweifache Mutter über ihren Elternalltag. Vor zehn Jahren hat sie das Projekt «artgerecht» gegründet, das Kurse und Treffen veranstaltet, um Eltern zu einem anderen Umgang mit ihrer Rolle und einer wertschätzenden Kommunikation mit ihren Kindern anzuregen. «Empathisch und klar» lauten dabei die Schlüsselbegriffe.

Schmidt ist nicht allein mit ihrem Wunsch nach weniger Schimpfen, Strafen und Druck im Familienalltag.
Lisa Briner und Noé Roy erzählen: «Strafen bewirken keine Verhaltensänderung»
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Zeitgleich mit ihrem Buch sind zwei weitere Erziehungsratgeber erschienen: «Die Schimpf-Diät» von Linda Syllaba und Daniela Gaigg sowie «Mama, nicht schreien» von Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter. Alle Autorinnen sind Mütter und stellten sich irgendwann dieselben Fragen, die auch ich mir stelle. Sandra Teml-Jetter sagt: «Ich wünsche mir einen emotionalen Klimawandel in Familien.»

Doch ist der so grundlegend notwendig? Wir sind doch ohnehin alle wahnsinnig bewusst im Umgang mit unseren Kindern. Ohrfeige, Klaps auf den Po, an den Ohren ziehen: absolute No-Gos. Festhalten, ins Zimmer sperren, eine Auszeit verordnen: vermeiden wir. 
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Verbale Prügel

«Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt gegen Minderjährige», sagt der Schweizer Psychologe und Kinderschutzexperte Franz Ziegler in einem Interview, das er vor einiger Zeit diesem Magazin gegeben hat. Sie betrifft auch Familien, die das selbst vermutlich gar nicht so wahrnehmen. Laut Zieglers Definition beginnt verbale Gewalt bereits mit einem Nebensatz wie «Kapierst du das eigentlich nie?». Eltern, die ständig etwas sagen wie «Lern du erst einmal vernünftig rechnen, so blöd wie du kann man doch gar nicht sein», unterwandern die gesunde Entwicklung eines ­Kindes. «Ein Kind kann unter diesen Umständen kein gesundes Vertrauen in sich selbst und in andere gewinnen. Das ist ja klar. Es hört permanent: Du bist nichts und du wirst auch nichts werden», sagt Franz Ziegler.

Seine Argumentation teilen auch die Autorinnen der drei Schimpf-Diät-Bücher. Sie berufen sich auf verschiedene Studien wie die der amerikanischen Universität Pittsburgh. Die Psychologen dort haben jahrelang über 1000 Familien begleitet und ihren Umgang mit ihren Kindern dokumentiert. Das Ergebnis: 90 Prozent der Eltern schimpften mit ihren Kindern, 50 Prozent taten dies auf verletzende Weise.
Psychische Gewalt beginnt ­bereits mit einem Nebensatz wie «Kapierst du das ­eigentlich nie?»
Eine Studie des Instituts für Familienforschung der Universität Fribourg hat 2017 das Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz untersucht und ist zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Rund 7 von 10 befragten Eltern gaben an, psychische Gewalt in der Erziehung anzuwenden. Am häufigsten kommt es vor, dass Eltern beabsichtigen, ihrem Kind mit Worten weh zu tun, und es heftig beschimpfen. Nicht selten kommt es aber auch zum Drohen mit Schlägen und zu Liebesentzug. Rund 12 Prozent der Eltern drohen ihren Kindern damit, sie wegzugeben. Die Studien zeigen auch, dass die Massregelungen nicht den erhofften Effekt hatten: Sie führten nicht zu mustergültigem Sozialverhalten, sondern im Gegenteil zu schlechtem Benehmen in der Schule, Lügen, Stehlen und Aggressivität.

«Wir wünschen uns doch heute kreative Kinder mit einem guten Selbstwertgefühl. Kinder, die Nein sagen zu Drogen und zu falschen Freunden. Kinder, die sich selbst bejahen. Aber der Selbstwert kann nicht wachsen, wenn man immer wieder seelisch verletzt wird», sagt Nina Trepp, Familienberaterin aus Bern. Die 39-Jährige hat Soziale Arbeit studiert und viele Jahre als Schulsozialarbeiterin gearbeitet, inzwischen ist sie selbständig als «artgerecht»-Coach und diplomierte Körperzentrierte Psychologische Beraterin.

Schimpfen kann einem Kind also so nachhaltig schaden wie körperliche Gewalt. Es sind verbale Prügel. Aber wie soll es anders gehen? Wie bringe ich ein Kind dazu, mitzumachen, wenn es bockig ist?

Online-Dossier

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Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. Lesen Sie mehr zum Thema, wie: Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts. Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?

1 Kommentar

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Von Franz Josef am 04.11.2020 11:43

Schimpfen ist nicht ErZIEHung sondern ErDRÜCKung.
Da wir nur nach vorgegebenen Schablonen er"zieh"en lernen, ist unsere Er"zieh"ung praktisch immer ErDRÜCKung - und bewirkt folglich auch das Gegenteil.
Durch die Übernahme neuer Techniken, Strategien und Trick erhöhen wir nur den DRUCK und bringen die gesamte Kommunikation auf ein immer noch erbärmlicheres Niveau herunter. DRUCK erDRÜCKT.
Durch Schimpfen wird der Fehler wenigstens noch hörbar.
Mit DRUCK ist man immer in der verkehrten Richtung unterwegs.
DRUCK komprimiert Mensch + Problem. Das ist das exakte Gegenteil von LÖSUNG.
Für echte Lösungen brauchen wir das SOG-Problem, das Grundprinzip der neuen Ich-kann-Schule. Dort finden sich viele praktische Beispiele.
SOG löst.
SOG richtet auf.
SOG macht wachsen.
Mit SOG kann man die Kräfte mühelos punktgenau lenken. .....
Wir sollten also schleunigst lernen, uns was einfallen zu lassen, was ZIEHT.
Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

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