Ich erzähle: «Meine Wutausbrüche hatten viel mit meiner Kindheit zu tun»
Elternbildung

Ich erzähle

«Meine Wutausbrüche hatten viel mit meiner Kindheit zu tun»

Dominique Eichenberger lebt mit ihrem Mann Jan und den beiden Kindern ­Yannick, 5, und Sophie, 3, in der Nähe von Bern. Vor zwei Jahren hat die 30-jährige Pflegefachfrau eine Familien­beratung begonnen, weil sie das Gefühl hatte, bei der Erziehung von Yannick zu oft laut und grob zu werden. Auch ihr Mann hat sich beraten lassen.
Aufgezeichnet von Julia Meyer-Hermann
Bild:
Fabian Hugo / 13 Photo
«Ich war lange Zeit sehr unsicher im Umgang mit meinem Sohn Yannick. Unsere Beziehung war anstrengend, daran hat auch meine grosse Liebe für ihn nichts geändert. Sicherlich hat unser schwieriger Start dabei eine Rolle gespielt: Ich hatte Komplikationen in der Schwangerschaft, die Geburt war nicht einfach. Im Wochenbett hatte ich eine postnatale Depression und mit dem Stillen hat es auch nicht gut geklappt.

Mir war bewusst, dass die Situation für unsere kleine Familie herausfordernd war. Ich habe mir Fachliteratur besorgt. Mein Mann hat die ent­sprechenden Hörbucher dazu im Auto gehört. Wir wollten beide verstehen, was in Yannicks Kopf passiert, und angemessen darauf reagieren. Als unsere Tochter Sophie geboren wurde, verschärfte sich unser Umgang trotzdem. Yannick war eifersüchtig und ist häufig auf seine Schwester losgegangen. Er hat sie geschlagen, getreten, ihr an den Haaren gezogen und Spielsachen nach ihr geschmissen.

Ich habe zunächst versucht, ihm ruhig zu ­vermitteln, warum das nicht geht. Aber das hat einfach nicht funktioniert. Ich bin dann laut geworden, sehr laut! Ich habe Yannick angeschrien, ihn beschimpft, ihn in sein Zimmer geschickt. Wenn er nicht gegangen ist, habe ich ihn gepackt, einfach dort abgestellt und die Tür zugemacht. Ein bisschen war das auch zu seinem Schutz, weil ich Angst hatte, dass ich komplett ausflippe. 

Schon während ich ausgerastet bin, wusste ich, dass mein Ausbruch uns mehr schadet als hilft. Das war ein schlimmes Gefühl, denn trotz dieser Erkenntnis konnte ich mein Verhalten nicht ändern.
«Seit ich weniger ­konkrete Erwartungen an Abläufe und ­Verhalten meiner Kinder habe, bin ich viel ­entspannter.»
In einer Elterngruppe auf Facebook habe ich von meiner Verzweiflung erzählt und das «art­gerecht»-Coaching von Nina Trepp empfohlen bekommen. Ich bin mit meinem Mann in die Familien­beratung gegangen, habe für mich zusätzlich eine Einzelberatung begonnen. Dabei habe ich einiges über mich gelernt. Meine Wutausbrüche haben viel mit meiner Kindheit zu tun: Ich bin das jüngere Kind von zwei Mädchen, meine nur wenig ältere Schwester war in allem besser als ich. Ich fühlte mich oft minderwertig, einfach nicht gut genug. Dieses Gefühl hat sich wieder­­holt, als ich das Muttersein in meinen Augen nicht gut hinbekommen habe – und es hat mich wahnsinnig wütend gemacht.
 
Ich habe in der Beratung daran gearbeitet, mich weniger hart zu beurteilen. Ich mache meinen Mama-Job gut genug, allein schon deshalb, weil ich mich reflektiere. Seit ich weniger konkrete Erwartungen an Abläufe und Verhalten meiner Kinder habe, bin ich viel entspannter und Yannick ist viel ruhiger geworden. Ich schimpfe manchmal immer noch, aber ich fühle mich dieser Wut nicht mehr hilflos ausgeliefert.»

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<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/erziehen-ohne-schimpfen"><strong>Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. </strong></a>Lesen Sie mehr zum Thema, wie: <strong>Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts.</strong> Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. Lesen Sie mehr zum Thema, wie: Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts. Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?

Lesen Sie mehr zum Thema Erziehen ohne Schimpfen:

  • Erziehen ohne Schimpfen: Muss ich denn immer laut werden?
    In den meisten Familien gehört es zum Alltag: Eltern schimpfen mit ihren Kindern, mal mehr, mal weniger heftig. Auslöser sind meist Stress und Überforderung. Doch Grenzen und Regeln lassen sich durch Anbrüllen nicht durchsetzen, sagen Erziehungsexperten. Und zu viele Wutausbrüche schaden langfristig der Entwicklung des Kindes. Erziehung ohne Schimpfen – wie geht das?

  • «Die Wut auf meinen Ex-Mann überträgt sich manchmal auf die Kinder»
    Susanna*, 43, lebt mit ihren Söhnen Marco, 12, und Dominik, 9, in der Nähe von Chur. Die Lehrerin hat sich vor zwei Jahren vom Vater der beiden Jungen scheiden lassen.

  • «Bevor ich komplett ausraste, ziehe ich mich zurück»
    Karin Lerchi, 50, ist selbständige ­Catering-Unternehmerin. Die allein­er­ziehende Mutter lebt mit ihrer ­13-jährigen Tochter Alva in Zürich. Wegen Corona ist ihre berufliche ­Situation angespannt. Gleichzeitig fordert der Teenager Freiheiten – das provoziert Konfliktsituationen.

  • «Strafen bewirken keine Verhaltensänderung»
    Lisa Briner und Noé Roy sind beide 28 Jahre alt. Die Buchhalterin und der Produktmanager leben mit ­ihren Töchtern Amélie, 4, und  Inès, 2, in Bern. Sie sind jung Eltern geworden und wussten, dass sie den autoritären Erziehungsstil ­ihrer eigenen Elternhäuser nicht übernehmen wollten.

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1 Kommentar

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Von Angie am 13.11.2020 15:45

Vielen Dank für diesen Artikel. Mir geht es genauso. In letzter Zeit zwar immer weniger, da ich mich auch mit dem Thema befasst und daran "gearbeitet" habe in dem Sinn, dass ich versuche, die Umstände so zu gestalten, dass es weniger zu "brenzligen" Situationen kommt. z.B von den Kindern nicht mit leerem Magen zu viel zu erwarten, sondern halt zuerst essen und dann aufräumen, etc. Trotzdem ist mri auch klar, dass die Wut, die man manchmal spürt und die eben über das normale Schimpfen rausgeht, eine andere Ursache haben muss, die nichts mit der Situation bzw. den Kindern zu tun hat. Ich weiss aber nicht, woher das kommt, zumindest habe ich keine grosse Schwester. Gerne würde ich dem aber auf den Grund gehen. Wohin wendet man sich da am besten? Ich habe bisher etwas Zurückhaltung gespürt, mich an die Familienberatung zu wenden, weil es ja kein Familien-/Erziehungsproblem ist, sondern mein eigenes. Wo haben Sie in diesem Punkt die nötige Unterstützung erhalten?

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