Die Schule – unser Feind? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Die Schule – unser Feind?

Lesedauer: 3 Minuten

Unser Bildungssystem ist in Verruf geraten. Aber den Kindern hilft das mediale Schulbashing nicht. Wie sollen Eltern damit umgehen?

Es fällt mir nicht leicht, den heutigen Artikel zu schreiben, weil er viele Menschen aus meinem Umfeld vor den Kopf stossen und mir wahrscheinlich einige böse Kommentare einhandeln wird. Aber das  Thema beschäftigt mich zu oft, um das Folgende ungesagt zu lassen. Es geht um die zunehmend aggressiver werdende Kritik an der Schule.

In unserer Zeit, in der es auf Klickraten und Interaktionen in den sozialen Medien ankommt und gerne alles auf Facebook und Co. geteilt wird, was knackig und plakativ daherkommt, greifen Journalistinnen, Autoren und Expertinnen vermehrt auf die Strategie «Polarisieren und emotionalisieren» zurück. Mit Titeln wie «Schulinfarkt» oder «Das Lehrerhasser-Buch» wird um Aufmerksamkeit gebuhlt. Die Experten, die zum Thema Schule interviewt und in Talkshows eingeladen werden, vermischen berechtigte Kritik immer mehr mit populistischer Rhetorik.

Macht lernen dumm?

Einige Monate vor Erscheinen seines Buches «Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat unseres Bildungssystems an unseren Kindern» lud der Philosoph Richard David Precht den deutschen Professors Gerald Hüther in seine Sendung ein – unter dem Titel: «Skandal Schule. Macht lernen dumm?»

Precht leitete die Sendung mit folgender Pauschalisierung ein: «An unseren Schulen werden die Kinder von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet.»

Das war vor sechs Jahren. Seither hat sich der Ton noch verschärft. Gerald Hüther behauptet, dass unsere Schulen unsere Kinder zu «Systemlingen» dressieren, die nicht selber denken können, sie zu unkreativen Kümmerwesen verkommen lassen.

«Bei ihrer Geburt sind 98% aller Menschen hochbegabt, nach der Schulzeit sind es nur noch 2 Prozent.»

Zitat aus dem Film «Alphabet»

Der Film «Alphabet», der in den letzten drei Jahren viel diskutiert wurde, zeigt nicht nur interessante Lern- und Bildungsalternativen. Er wirbt auf dem Filmplakat und der DVD-Hülle auch mit dem Zitat: «Bei ihrer Geburt sind 98% aller Menschen hochbegabt, nach der Schulzeit sind es nur noch 2 Prozent.» Seither begegnet mir diese Aussage auf Facebook, in Artikeln und in Büchern immer wieder. Kommentare wie diese versetzen Eltern in Aufruhr. Wie können wir unsere Kinder, die uns so viel bedeuten, solch scheinbar grausigen Institutionen anvertrauen?

Wem hilft es, Wut und Ängste zu schüren?

Doch woher kommen solche Zahlen, mit denen unser aktuelles Schulsystem kritisiert wird? In diesem Fall gehen sie auf eine Studie zurück, die vor 50 Jahren von George Land in den USA durchgeführt wurde. Gemessen wurde darin nicht die Begabung von Kindern im Allgemeinen, sondern eine ganz bestimmte Form der Kreativität: die Fähigkeit zum divergenten Denken. Die Studie zeigt, dass Kinder darin sehr viel besser sind als Erwachsene.

Daraus darf man aber keinesfalls schliessen, dass die Kinder dies in der Schule verlernen. Wir könnten analog zeigen, dass Kinder im Alter von vier Jahren sehr viel schneller eine neue Sprache aufnehmen als Zwölfjährige oder Erwachsene. Daraus abzuleiten, dass uns unsere sprachlichen Fähigkeiten durch die Schule abtrainiert werden, wäre aber alles andere als eine korrekte Schlussfolgerung.


Es ist richtig und wichtig, unser Bildungssystem immer wieder genau unter die Lupe zu nehmen, Mängel und Probleme zu benennen und auf Lösungen zu drängen. Wir dürfen kritisch sein, aber wir sollten unsere Kritikfähigkeit auch gegenüber den Kritikern bewahren und genauer hinschauen. Es ist niemandem gedient, wenn wir die Schule zum Feind erklären und unnötig Wut und Ängste schüren.

In der Schweiz lösen wir Probleme im Dialog.

Viele Schulkritiker wünschen sich eine Rebellion und operieren nach dem Motto «Der Zweck heiligt die Mittel». Wir leben aber nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie. Gerade hier in der Schweiz lösen wir Probleme im Dialog.

Wir verlieren die guten Lehrer

Was benötigen wir für gute Schulen? Beziehung! Genau das betonen auch Hüther und Precht, deren Grundbotschaften ich wertvoll und wahr finde. Wir alle möchten eine Schule, in der sich die Schülerinnen und Schüler wohl fühlen, gerne lernen und ihre Stärken und Potenziale entdecken können. Dafür benötigen wir Lehrpersonen, die gerne unterrichten und sich auf die Schülerinnen und Schüler einlassen können. Und hier liegt das Problem in der Vehemenz, mit der Hüther und Precht die Schule attackieren.

Denn je negativer die Stimmung wird, je mehr die Schule zum Sündenbock für alle gesellschaftlichen Probleme erklärt wird, desto weniger junge Erwachsene werden sich aus den richtigen Gründen auf diesen Beruf einlassen. 

Und je weniger Wertschätzung die Lehrkräfte für ihre immer anspruchsvoller werdende Arbeit erhalten, desto weniger können sie diese an unsere Kinder weitergeben und desto eher werfen gerade die Engagiertesten unter ihnen nach ein paar Jahren das Handtuch.

Noch haben die meisten Eltern Vertrauen in die Lehrpersonen.

Noch immer sind in der Schweiz die meisten Eltern und Lehrpersonen bereit und willens, sich aufeinander einzulassen. Noch dürfen wir uns darüber freuen, dass die meisten Begegnungen zwischen Eltern und Lehrpersonen konstruktiv verlaufen, Gespräche mit dem nötigen Respekt und in gegenseitiger Wertschätzung geführt werden. Noch haben die meisten Eltern Vertrauen in die Lehrpersonen ihrer Kinder. Wir müssen dafür sorgen, dass dies so bleibt.

Hüther und Precht haben eigentlich eine sehr schöne Botschaft: Sie sagen, dass Ermutigung und Beziehung der Schlüssel zum Lernen sind und nicht Abwertung. Sie betonen, dass Zusammenarbeit und konstruktiver Dialog und nicht Konkurrenzdenken und Feindseligkeit uns als Menschen weiterbringen.

Ich wünschte mir, dass wir mit dieser Haltung allen im Schulsystem begegnen – den Eltern, den Kindern und den Lehrpersonen. Und wir tun gut daran, dort kritisch hinzuschauen, wo Medien, Experten und wir selbst diese Haltung vermissen lassen.

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Zum Autor:

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 37-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 5, und einer Tochter, 2. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg. 


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