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Medienerziehung

Medienkompetenz ist keine Hexerei

Viele Eltern befürchten, dass sie bei der rasanten technischen Entwicklung nicht mithalten und ihre Kinder daher in der Medienwelt nicht unterstützen können. Dabei übersehen sie, wie viel sie bereits richtig machen. Denn die Entwicklung von Medienkompetenz fängt sehr früh an.
Text: Eveline Hipeli
Medien begleiten uns durch den Tag. Ob Bücher, MP3-Player, Laptop oder Tablet – wir Erwachsenen verwenden Medien in vielen Situationen. Wir informieren uns und arbeiten mit Medien, sie erleichtern uns das Leben und amüsieren uns. Medien gehören einfach dazu. Dabei halten wir selten inne, um über unser Medienverhalten nachzudenken. Das ändert sich, wenn wir Eltern werden und uns ein kleines Wesen gespannt zusieht. Wir Eltern sind Vorbilder. Auch Medienvorbilder.

Natürlich möchten Eltern das Beste für ihr Kind. Es soll sich gut entwickeln, lernen und glücklich sein. Seine Welt soll von echten Dingen geprägt sein, nicht von Medien. Dieses Argument hört man oft. Doch Medien sind ein ganz normaler Bestandteil unserer Welt. Es gibt keine Lebenswelt der Kinder ohne Medien. Aber es gibt Zeiten im alltäglichen Leben des Kindes, die medienfrei gestaltet sein sollten. Je jünger ein Kind, desto wichtiger sind Primärerfahrungen: das Stapeln von Klötzchen, das Graben im Sand, das Streicheln der Nachbarskatze. Und Kinder lernen am besten, wenn sie reale Vorbilder haben, bei denen sie sich Dinge abschauen können und die für sie Ansprechpersonen darstellen. Auch die pädagogisch wertvollste App kann mit Primärerfahrungen nicht mithalten. Deshalb nimmt auch kein Vorschulkind Schaden, wenn es wenig bis gar keine Erfahrungen mit elektronischen Medien gemacht hat.
Da sich die Lebenswelt des Kindes jedoch mit dem Schulanfang stetig erweitert, sollten Eltern nicht verpassen, dem Kind schrittweise den Umgang mit Medien beizubringen – angefangen beim Buch.

Erst Buch, dann Smartphone

Denn ja, auch ein Buch ist ein Medium. Ständig lesen wir Schlagzeilen, dass elektronische Medien süchtig machen und dass Gefahren von ihnen ausgehen. Dies prägt unser Bild von den Medien. Und unser Blick auf sie verengt sich. Dabei sind Medien vielfältig: Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Comics, Hörgeschichten, Radio, Musik, TV, Games, Computer, Internet – und das Ganze auch noch mobil auf Geräten in unserer Hosentasche. Ziel und Wunsch der Medienpädagogik ist es, dass Kinder in unserer von Medien durchdrungenen Welt kompetent aufwachsen. Das heisst: Der Umgang mit all diesen Medien wird idealerweise nacheinander und schrittweise erlernt.

Die Medienwelt des Kindes sollte sich mit ansteigendem Alter Stück für Stück erweitern. Erst im frühen Jugendalter mit Medienbildung anzufangen, ist zu spät. Ein Mini-Computer in Form eines Smartphones ist bereits derart komplex, dass ein Kind sehr viel leisten muss, um kompetent damit umgehen zu können.

Beim Thema Medienkompetenz wird es vielen Eltern mulmig. Wie sollen sie ihrem Kind den Umgang mit neuen Medien beibringen, wenn das Kind davon oft mehr versteht als die Eltern selbst? Die gute Nachricht ist: Eltern und Erwachsene können viel mehr Medienkompetenz vermitteln, als sie denken. Denn Medienkompetenz meint, dass man die Medien durchschauen lernt, ihre Absichten versteht, sie kreativ und kritisch zu nutzen weiss. Man lernt über Medieninhalte zu sprechen, sozial verantwortlich mit ihnen umzugehen und sie genussvoll einzusetzen. Klar gehört auch dazu, ein Medium handhaben zu können. Aber Eltern müssen keineswegs alle Apps kennen, bei diversen sozialen Netzwerken angemeldet sein oder das Kind in seinem Lieblingsgame schlagen können, um Medienkompetenz zu vermitteln. Denn sie verfügen über Lebenserfahrung.

Und diese Erfahrung gilt es im Gespräch weiterzugeben. Kinder erzählen gerne von ihren Lieblingsgeschichten und -spielen und stellen dabei viele Fragen. Haben Eltern ein offenes Ohr für diese Medienfragen, ergeben sich ganz ungezwungene Gespräche. Eltern wissen aus Erfahrung, dass bei der Kommunikation zwischen Menschen Missverständnisse entstehen können. Wie schnell ist etwas gesagt, was man so gar nicht gemeint hat – auch bei Whats-App und Co. Eltern haben am eigenen Leib erfahren, wie verführerisch Werbung wirken kann. Sie haben erlebt, wie man Medien alleine oder gemeinsam geniessen kann. Und sie wissen, wie gut es tut, wenn man einmal nicht erreichbar ist.

Das Gespräch nicht erst suchen, wenn es um Regeln geht

Ausserdem bestärkt es Kinder ungemein, wenn sie einmal Experten sein dürfen: Sei dies, wenn sie der Mutter ein Spiel auf dem Tablet erklären, oder wenn sie dem Vater erzählen, was ihre Lieblingsserienfigur so besonders macht. Eltern tun gut daran, mit ihren Kindern über Medien zu sprechen. Regelmässig und locker. Nicht erst, wenn es um Risiken, Nutzungszeiten und Regeln geht.

Diese Abmachungen gehören selbstverständlich zum Familienalltag. Je jünger die Kinder, desto eher können Eltern die Nutzungszeiten und Medieninhalte kontrollieren. Medienregeln machen schon im Kleinkindalter Sinn und werden später im Idealfall gemeinsam mit den Kindern neu verhandelt. Das kann in jeder Familie etwas anders aussehen. Wichtig ist, dass die Heranwachsenden bei der Mediennutzung begleitet werden und mediale Beschäftigungen und nichtmediale Tätigkeiten in einer guten Balance stehen.

Richtig eingesetzt bieten Medien viele Chancen. Medienkompetenz zu vermitteln ist nicht kompliziert, aber es braucht Zeit – im Elternhaus und von Seiten der Schule. Diese Investition in die Zukunft der Kinder lohnt sich allemal.
Foto: Shutterstock

Buchtipp

Eveline Hipeli: Medien-Kids. Bewusst umgehen mit allen Medien – von Anfang an. Beobachter-Edition, 2014. 216 Seiten, Fr. 39.90.
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Eveline Hipeli
Dr. phil., Kommunikationswissenschaftlerin, Medienpädagogin und Autorin. Als Mutter von zwei jungen Mediennutzern kennt sie die Herausforderungen des Familienalltags.


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