Desktop online war ich ein anderer onlinesucht fritz fr nzi februar
Mediennutzung

«Online war ich ein anderer»

Ein Leben ohne Internet ist heute für die meisten Teenager nicht mehr denkbar. Süchtig sind sie deshalb noch lange nicht. Was eine Internetsucht ausmacht und wohin sie führen kann, zeigt das Beispiel von Simon. 
Text: Bianca Fritz
In seiner schlimmsten Zeit hat Simon R. den PC niemals ausgeschaltet. Die Storen in seinem Zimmer waren Tag und Nacht unten, und er verliess seine Höhle nur noch, um Essen einzukaufen. «Aber nur wenn es unbedingt sein musste.» Wie oft das mit dem Essen «sein muss», unterschätzte der damals knapp 20-Jährige allerdings gewaltig: Eines Tages kippte er um und kam schwer unterernährt in die Klinik. Was bringt einen Menschen dazu, sein Leben komplett ins Internet zu verlegen, alle Offlinekontakte abzubrechen und sich selbst so zu vernachlässigen? Psychologen sprechen von einer neuen Verhaltenssucht, der Onlinesucht. Im Internet gibt es vieles, was süchtig machen kann: soziale Netzwerke, Shopping und Pornografie zum Beispiel. Oder eben Games. Renanto Poespodihardjo, Leiter der Ambulanz für Verhaltenssüchte der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, schätzt, dass gar 99 Prozent aller Patienten, die wegen einer Onlinesucht zu ihm kommen, Gamer sind, fast alle männlich. Bei den Teenagern seien es häufig die Eltern, die aktiv werden werden, wenn die Kinder Schule und Freunde vernachlässigen, um im Netz zu sein. Die weit grössere Gruppe seiner Patienten aber seien junge Erwachsene, die es nach der Schule nicht schaffen, ein eigenes Leben aufzubauen, eine Ausbildung zu finden oder durchzuhalten und die Miete zu bezahlen.

Erfolgserlebnisse für Erfolglose

«Onlinegames nutzen gezielt Mechanismen, die auf eine Abhängigkeit vom Produkt zielen», sagt Poespodihardjo. Zu Beginn habe man zum Beispiel schnell Erfolgserlebnisse. «Das tut besonders denen gut, die offline wenig erfolgreich sind: den Unsportlichen, denen mit der krummen Nase, den Schüchternen. Ihre scheinbaren Makel sind in einem Spiel keine – sie können einfach von vorne anfangen mit einem selbstgestalteten Ich», erklärt der Psychologe. Das reize natürlich viele unsichere Pubertierende. Daher seien exzessive Spielphasen bei Jugendlichen noch kein Grund zur Beunruhigung der Eltern. «Anders als bei Heroin sind Onlinegames etwas, was viele Menschen nutzen – aber die wenigsten werden wirklich abhängig. » Risikofaktoren, die eine Sucht begünstigen, sind unter anderem nicht verarbeitete Traumata oder Verlustsituationen (Wohnortswechsel, Scheidung), Aussenseiterpositionen, eine fehlende oder falsche Medienerziehung (siehe Tipps zur Vorbeugung, siehe Box am Ende des Artikels ) und körperliche Einschränkungen. Je nachdem, welche Studie man betrachtet, kann man heute davon ausgehen, dass 4 bis 7 Prozent der Jugendlichen eine Onlinesucht entwickeln – schweizweit wird von etwa 70 000 Menschen ausgegangen. 
Onlinegames nutzen gezielt Mechanismen, die süchtig machen. Aber längst nicht alle User werden süchtig.
Bei Simon kamen gleich mehrere Faktoren zusammen: Die Trennung der Eltern und die Alkoholsucht der Mutter führten dazu, dass er als 12-Jähriger von zu Hause wegrannte, die falschen Freunde fand, zuerst in die rechte Szene einstieg, später in die Drogenszene abrutschte. Nach einem Entzug und der Rückkehr zur Mutter verkroch er sich in seinem Zimmer und begann zu spielen. Simon sagt von sich: «Ich bin in diese Welt geflüchtet, weil ich in der anderen Welt gar nichts mehr zu verlieren hatte.» Gespielt hatte er schon immer gerne, aber erst das Online-Rollenspiel Guild Wars fesselte ihn bis hin zur Sucht. Das Spiel wird von Tausenden von Menschen gleichzeitig gespielt. Auf der ganzen Welt und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Simon wählte die Figur des Heilers und stieg schnell auf, weil er viel Zeit investierte. Er wurde zum Chef einer Guild – «und zwar nicht gerade einer kleinen», wie er heute noch stolz erwähnt. Als solcher hatte er Verantwortung für andere Spieler zu tragen – der Druck, dauerhaft online zu sein, wurde immer grösser. 

Gamen ohne Ende – ohne Schlaf

 Zu Beginn traf er die Menschen, die er online kennenlernte, auch im realen Leben. Aber dann wurde es immer wichtiger, den Bildschirm nicht mehr zu verlassen. Nicht einmal zum Schlafen: Simon war fast 20 Stunden pro Tag wach. Selbst als er schliesslich zusammenklappte und seine Sucht diagnostiziert wurde, spielte er noch einige Jahre weiter. Erst als die Wohnung von Simons Mutter zwangsgeräumt wurde und Bild: iStockphoto er an schweren Depressionen litt, entschied er sich, sich selbst einzuweisen. Das war vor zwei Jahren. Seither ist Simon in Behandlung. Neben dem Gamen können auch WhatsApp und soziale Netzwerke zu suchtähnlichem Verhalten führen – hier sind eher die Mädchen die exzessiven Nutzer. Poespodihardjo sagt allerdings, dass diese Sucht selten einen grossen Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit hat wie das Gamen. «Ich kann nur mutmassen, woran es liegt. Vielleicht daran, dass hier immer noch eine reale Kommunikation mit Freunden stattfindet, oder daran, dass es gerade den Mädchen oft besser gelingt, nebenbei noch Freundschaften zu pflegen und in der Schule am Ball zu bleiben.» Eine weitere Verhaltensstörung in Sachen Internetnutzung ist das krankhafte Suchen und Sammeln von Daten «in einer Menge, die kein Mensch mehr überblicken, geschweige denn nutzen kann», so Poespodihardjo. 
Anzeige
Mädchen gelingt es oft besser, trotz exzessiver Nutzung noch Freunde zu treffen und gute Noten zu schreiben.
Der exzessive Internet-Pornokonsum, Glücksspiele und uferloses Onlineshopping werden nicht zu den Onlinesüchten gezählt, sondern wie die entsprechenden Verhaltenssüchte im Offlineleben behandelt. Ob ein Mensch süchtig ist, lässt sich schwer an einer Stundenzahl festmachen, die er im Internet verbringt. Von einer Sucht spricht man, wenn Schule, Arbeit, Freundschaften und Hobbys unter den Tisch fallen. Auch ein auffällig aggressives Verhalten, wenn das Internet mal ausfällt, kann ein Indikator sein. Ist die Sucht diagnostiziert, gehört neben der Suche nach den Ursachen auch ein Entzug zur Behandlung. Da ein Leben ganz ohne Computer und Internet heute aber kaum noch denkbar ist, müssen Süchtige häufig nur auf das verzichten, was ihre Sucht ausgelöst hat. Also zum Beispiel ein bestimmtes Onlinespiel. Es ist auch sinnvoll, ähnliche Anwendungen zunächst zu meiden oder zumindest den Konsum genau zu beobachten. Simon wurde nach seiner Zeit in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel ins Zentrum Bernhardsberg gebracht, wo junge Menschen mit psychischen Problemen wieder einen geregelten Tagesrhythmus erlernen, Therapien besuchen und ins Arbeitsleben integriert werden sollen. Dort hat der inzwischen 27-Jährige eine Ausbildung zum Fachmann Betriebsunterhalt begonnen. Seit Kurzem wohnt er in einer betreuten WG. Rollenspiele im Internet sind für ihn noch immer tabu. An Guild Wars denkt er zwar immer wieder und ist fasziniert davon, wie sich das Spiel entwickelt. Das verfolgt er hin und wieder auf Youtube. Aber ins Spiel selbst einloggen wird er sich nicht mehr. «Ich weiss jetzt einfach, was für mich auf dem Spiel steht.»

 Bild: iStockphoto

Tipps für Eltern zur Vorbeugung einer Onlinesucht bei Jugendlichen

Informieren Sie sich, was Ihre Kinder tun. Gerade Spiele werden von Eltern oft zu Unrecht als primitiv angesehen. Solange Sie aber die Faszination nicht verstehen, können Sie auch nicht mit Regeln zu Ihrem Kind vordringen. Führen Sie Ihre Kinder langsam an die Mediennutzung heran. Erklären Sie ihnen, welche Mechanismen die Medien nutzen. Setzen Sie Grenzen im Mediengebrauch und setzen Sie diese auch durch. Dafür müssen Sie wissen, was Ihr Kind tut und welche Regeln sinnvoll sind. Zum Beispiel gibt es bei Onlinespielen Runden mit fester Dauer – da kann es mitunter schwierig werden, pünktlich zum Abendessen zu kommen. Auch wenn Ihr Teenager vielleicht etwas anderes behauptet: Sie sind ein Vorbild! Also beobachten Sie Ihr eigenes Konsumverhalten. Nehmen Sie Ihr Smartphone mit auf die Toilette? Halten Sie medienfreie Zeiten ein?

Buchtipp 

Holger Feindel: Onlinesüchtig? Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. Patmos, 2015. 144 Seiten, Fr. 23.90 (oder Fr. 12.90 als E-Book). Verständlich geschrieben, viele eindrückliche  Fallbeispiele, Testbögen und Arbeitsblätter zur Selbsteinschätzung im Anhang.

Zur Autorin

Thumbnail bianca fritz sw
Bianca Fritz ist schon von Berufs wegen eigentlich immer online. Seit einigen Monaten aber gönnt sie sich bewusste Auszeiten – und schaltet das Smartphone auch einfach mal aus.

0 Kommentare

Diesen Artikel kommentieren