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Psychologie

Ist Cannabis eine Einstiegsdroge? 

Wie schädlich ist Kiffen wirklich? Experten streiten sich darüber. Viele fordern ein Verbot, andere die Legalisierung von Cannabis – oft sogar im Namen des Jugendschutzes. Eltern wünschen sich vor allem eines: Antworten. Und Aufklärung.
Text: Virginia Nolan
Bilder: 
Herbert Zimmermann / 13 Photo
Wer den Joint gebaut hat, darf als Erster daran ziehen. Wer das Gras besorgte, kommt als Zweiter dran. Das seien ungeschriebene Gesetze, sagt Marco, und anständige Kiffer hielten sich daran. «Kiffen ist etwas Kollegiales», findet der 16-Jährige, «da macht man nicht auf Ego.» Heute mag Marco nicht mitrauchen. Er gibt den Joint an Leyla weiter, die damit ihr Wochenende einläutet. In ihrem Lehrberuf betreut sie Kinder, Kiffen an Werktagen, sagt sie, sei für sie darum tabu. Anna und Leyla haben neue Freunde, seitdem sie kiffen. «Die alten waren damals voll dagegen», sagen sie, und Anna lacht: «Heute kiffen sie selber.»

Cannabis ist in der Schweiz die am meisten konsumierte illegale Droge – und, wie Sucht Schweiz festhält, «ein Phänomen der Jugend». Medienberichte, wonach das Rauschmittel immer stärker und Kiffer immer jünger werden, verunsichern Eltern. Experten warnen vor Schäden: Cannabis führe zu Psychosen, mache dumm und ausserdem anfällig für härtere Drogen. Alles falsch, sagen Cannabisbefürworter, Kiffer seien mindestens so schlau wie abstinente Altersgenossen und die These zur Einstiegsdroge eine längst widerlegte Mär.

Kiffen: Was stimmt den nun? 

Dieses Dossier will informieren, aufklären, einordnen. Wir haben die neusten Zahlen zusammengetragen, mit Fachleuten gesprochen – und wir lassen Jugendliche zu Wort kommen. Wir haben sie im Jugendzentrum der Zürcher Seegemeinde Richterswil getroffen. Sie reden unter falschem Namen, wegen der Lehrstelle, aber auch wegen der Eltern, die nicht schwarz auf weiss lesen sollen, dass der Sohn oder die Tochter Cannabis raucht.

Eine Stunde Weltfrieden

Nico und seine Freunde bestellen Pizza, sie lachen, wegen des Klischees, das sie damit bedienen: Kiffer haben ständig Hunger. Dazu kommt Nico ein Witz in den Sinn: «Würde sich die ganze Welt einen Joint anzünden, hätten wir eine Stunde Weltfrieden – und danach akute Lebensmittelknappheit.» Alle lachen. Warum kifft ihr? «Weil es chillig ist», sagt Fernando, «es entspannt.» «Es geht ums Zusammensein», findet Leyla, «beim Kiffen haben wir tiefgründige Gespräche.» Es sind Experimentierfreude und Neugierde, die Jugendliche zum Joint greifen lassen, mitunter auch Gruppendruck und der Reiz des Illegalen, weiss Daniele Gasparini, seit 20 Jahren Jugendkoordinator in Richterswil. Der 63-Jährige hat viele Trends kommen und gehen sehen. Kiffen, sagt er, sei ein zeitloses Phänomen.

Gasparini hat nicht den Eindruck, dass heute mehr Jugendliche kiffen als früher. Die Statistik gibt ihm recht: So gaben im Zuge der international durchgeführten Gesundheitsumfrage HSBC (Health Behaviour in Schoolaged Children) im Jahr 2002 rund 37 Prozent aller 15-jährigen Schülerinnen in der Schweiz an, mindestens einmal in ihrem Leben gekifft zu haben – 2014 waren es noch 19 Prozent. Bei den gleichaltrigen Knaben ging die Zahl im selben Zeitraum von 46 Prozent sogar auf 30 Prozent zurück.
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Cannabis ist die am meisten konsumierte illegale Droge – und ein Phänomen der Jugend.
An den Konsummotiven, glaubt Gasparini, habe sich dagegen nicht viel geändert. Eine Schlüssel- rolle spiele beispielsweise der Wunsch, irgendwo dazuzugehören: «Mit dem Kiffen unterstreichen Jugendliche ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.» So gehöre in gewissen Szenen wie der Hip-Hop- oder der Reggae-Kultur Cannabiskonsum zur Gruppenkultur, genauso wie bestimmte Redensarten oder der Kleidungsstil Ausdruck davon seien. Wo aber liegt die Grenze zwischen Jugendkultur und Sucht? «Wenn Leute allein kiffen, stimmt etwas nicht», finden Leyla und Anna. Und: Wer nur noch an den nächsten Joint denke, der habe ein Problem.

Werte vermitteln statt Druck aufbauen

So einer, sagt Caroline, sei ihr Sohn. Die 50-jährige Anwältin hat zu ihrem Teenager die Verbindung verloren: «Er schiesst sich jeden Tag mit einem Joint weg. Was dann im Zimmer hockt – teilnahmslos, lethargisch, mit einer Mir-ist-alles-egal-Haltung –, das ist nicht mehr mein Sohn.» Auch Flurin und seine Freunde kennen solche Fälle. «Wer so abstürzt», glaubt Flurin, «will mit dem Kiffen Probleme verdrängen, die er schon vorher hatte: die abgebrochene Lehre, Konflikte zu Hause, sowas.» Diese Tendenz bestätigt Gasparini.

Der Jugendarbeiter betont aber, dass es zur Definition des «Problemkiffers» keine allgemeingültigen Kriterien gebe. «Oft reduzieren Eltern normale pubertäre Erscheinungen aufs Kiffen, zum Beispiel, wenn ein Jugendlicher viel schläft und oft müde ist.» Überhaupt beschränkten sich Erwachsene viel zu häufig darauf, von Jugendlichen Abstinenz zu fordern, statt sie nach ihrem Befinden zu fragen. Gasparini nennt das Symptombekämpfung, die vergesse, nach Ursachen zu forschen. «Wir sollten uns vielmehr dafür interessieren, wie es Jugendlichen geht», fordert er, «und zwar nicht erst dann, wenn sie Probleme haben. Prävention heisst Beziehungsarbeit.»
«Heute sind viele Mütter und Väter besessen von der Angst, das Kind könnte sich nicht optimal entwickeln.»
Christian Kalt, Leiter der Klinik für Suchttherapie in Neuenhof 
Christian Kalt ist Leiter der Klinik für Suchttherapie im aargauischen Neuenhof, die auch Minderjährige beim Entzug begleitet. «Unsere jugendlichen Patienten haben meist fürsorgliche Eltern», sagt Kalt, «sie geben ihr Bestes, aber sie haben zu wenig Zeit.» Die Schuld dafür gibt Kalt weniger den Eltern als einer leistungsorientierten Gesellschaft, die den Takt vorgibt und diktiert, was als erstrebenswert gilt: Erfolg, und zwar sichtbarer. «Heute sind viele Mütter und Väter besessen von der Angst, das Kind könnte sich nicht optimal entwickeln.»

Eltern forderten von ihrem Kind die Leistungsbereitschaft, die sie selbst an den Tag legten. Demzufolge seien die Ansprüche an den Nachwuchs immens, ebenso das Risiko, an diesen zu scheitern. «Und weil alle so beschäftigt sind, ist dann niemand da, um das Kind aufzufangen», sagt Christian Kalt. «Kein Wunder, muss es als Jugendlicher irgendwann Dampf ablassen.» Im schlechtesten Fall seien Drogen das Ventil. Die beste Prävention sei darum Zeit, die Eltern ihren Kindern schenken könnten, und eine Erziehung, die Werte stärker gewichte als bare Leistung.

Wenn der Schuss nach hinten losgeht

«Ich würde Cannabis nicht als Einstiegsdroge bezeichnen», sagt Klinikleiter Kalt. Viele der Patienten, die wegen sogenannt harter Drogen zum Entzug vorstellig würden, hät- ten keine Erfahrung mit Kiffen. Auch betont er, dass die meisten Jugendlichen zwar irgendwann mit Cannabis experimentieren, aber die wenigsten von ihnen einen problematischen Konsum entwickeln. «Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Gefahren des Kiffens unterschätzt werden.»

Laut dem Suchtexperten sind es folgende: Ein überhöhter THC-Gehalt: Das Cannabis, welches heute im Umlauf ist, hat nichts mehr mit dem Kraut zu tun, das noch vor 20 Jahren geraucht wurde. Der Gehalt am Wirkstoff THC, der den Rausch bewirkt, ist bis zu fünfmal höher. Wer regelmässig eine solche Dosis konsumiert, kann den Alltag vermutlich irgendwann nicht mehr bewältigen. So ist es nicht erstaunlich, dass sich in der Suchtklinik Neuenhof die Anmeldungen von Jugendlichen häufen, die nicht Alkohol oder Kokain, sondern Cannabis aus der Bahn warf.

Risiko für junge Konsumenten: Auf dem Spiel steht nicht nur ihr Platz in der Gesellschaft, sondern auch die Gesundheit der Jugendlichen. So sind Forscher zumindest einhellig der Meinung, dass sich Kiffen bei sehr jungen Konsumenten, die mit 12 bis 13 Jahren anfangen, negativ auf die Gehirnentwicklung auswirken kann. Jugendliche mit psychischer Vorbelastung sind ebenfalls gefährdet (vgl. Interview mit Suchtexperte Oliver Berg). Verlockender Mischkonsum: Drogen sind heute nicht nur billiger, sondern auch einfach zu beschaffen. Auf der Strasse können Jugendliche fast alles haben. Zugenommen hat demzufolge vor allem der Mischkonsum von Alkohol mit Kokain und synthetischen Partydrogen, aber auch Marihuana.
«Nur eine Minderheit der Kiffer hat ein Suchtproblem – aber die, die es betrifft, werden immer jünger.»
Christian Kalt, Suchtexperte
Auf die Frage, ob Kiffer tatsächlich immer jünger werden, hat die Statistik keine eindeutige Antwort. Die aktuellsten Zahlen des Schweizerischen Cannabismonitorings stammen aus dem Jahr 2010. Im Bericht wird das durchschnittliche Einstiegsalter mit 15,8 Jahren angegeben. Im Vergleich dazu waren Jugendliche 2004 bei ihrem ersten Joint etwas älter, nämlich 16,5 Jahre. Die HSBC-Studie aus dem Jahr 2015 lässt die Frage zum Einstiegsalter unbeantwortet. Für Suchtexperte Kalt steht aber fest: «Zwar hat nur eine Minderheit der Kiffer ein Suchtproblem – aber die, die es betrifft, werden immer jünger.» Das gelte, sagt Kalt, jedoch für jegliche Arten von Substanzmissbrauch: von Alkohol über Cannabis bis hin zu härteren Drogen.

Harte Drogen, sagt Marco, hätten er und seine Freunde noch nie probiert. Angeboten wurden sie jedoch allen schon. Besonders vor synthetischen Drogen, sagen die Jugendlichen, hätten sie Angst, sei deren Wirkung doch kaum abzuschätzen. Aber auch ein gewöhnlicher Joint kann schwere Folgen haben. Lorenzo, 16, hat nach ein paar schlimmen Erfahrungen mit dem Kiffen aufgehört. «Beim letzten Mal habe ich mich danach für drei Stunden ins Klo eingeschlossen und auf den Boden gestarrt», berichtet der Grafiklehrling. «Ich dachte, ich müsste sterben.» Auf die Panikattacke folgte ein Tief, das mehrere Tage lang andauerte. Panik und depressive Verstimmungen sind eine mögliche Folge von Cannabiskonsum, im schlimmsten Fall können sie psychotische Formen annehmen. Die Symptome klingen in der Regel ab, sobald der Körper die Substanz abgebaut hat.

Was die meisten Kiffer rauchen, ist pure Chemie

Viele junge Kiffer missachten das Gesundheitsrisiko, das von gestreckter Ware ausgeht, sagt Jugendarbeiter Daniele Gasparini. «Viele glauben, sie konsumierten ein Naturprodukt. Das ist Unsinn. Was die allermeisten rauchen, ist pure Chemie.» Wer sein Kraut nicht selbst anbaue, müsse davon ausgehen, dass er es mit einem gestreckten Produkt zu tun habe. Da würden nicht nur Zucker und Sand beigemischt, auch Kaliumdünger, flüssige Kunststoffe oder Blei.

Gasparini schwebt darum ein Projekt vor, das er in Zusammenarbeit mit der Hochschule in Wädenswil umsetzen will: Jugendliche sollen ihr Gras auf Streckmittel testen lassen können. Ob das Projekt je umgesetzt und Marco es dereinst nutzen wird, ist ungewiss. Er kiffe heute ja ohnehin weniger als früher. Das hat auch mit seinem Kumpel Flurin zu tun, mit dem Marco eine Abmachung getroffen hat: Sie rauchen nur noch zu besonderen Anlässen. «Vor allem», sagt Flurin, «wollen wir dabei nicht das Stereotyp vom lustlosen Kiffer abgeben. Man kann auch kiffen, ohne dass man dabei jeglichen Antrieb verliert.» Flurin bezeichnet Cannabis als Genussmittel. «Aber ich habe Respekt vor dem Zeug. Oft höre ich nach zwei Zügen auf. Ich gönne mir das Kiffen ab und zu – aber ich brauche es nicht.»
Für dieses Dossier hat sich unsere Autorin Virgina Nolan mit Jugendkoordinator Daniele Gasparini und Jugendlichen im Jugendzentrum Richterswil ZH getroffen, um mit ihnen über das Kiffen zu sprechen. Sie tun dies unter falschem Namen.

CANNABIS – Formen und Fakten


  • Hanf (lateinisch Cannabis) gehört zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Aus ihr werden etwa Fasern oder Speiseöl gewonnen. Die Hanfpflanze hat über 450 verschiedene Wirkstoffe, 70 davon sind sogenannte Cannabinoide, die auch in der Medizin zum Einsatz kommen. Das psychoaktive Tetrahydrocannabinol (THC) ist vor allem für seine berauschende Wirkung bekannt.

  • Wegen ihres hohen THC-Gehalts werden für Drogenhanf weibliche Hanfpflanzen verwendet. Durch ausgefeilte Anbaumethoden in sogenannten Indoor-Plantagen ist der THC-Gehalt von Cannabisprodukten in den letzten Jahren stark gestiegen – Maximalwerte kommen auf fast 30 Prozent. Getrocknete Blüten und manchmal auch Blätter der weiblichen Hanfpflanze kommen als Marihuana, Gras, Weed oder Ganja in den Handel. Ihr Aussehen ähnelt dem von Tee oder getrockneten Kräutern. Marihuana wird meist – pur oder mit Tabak vermischt – in einem Joint geraucht. Es enthält durchschnittlich etwas über 10 Prozent THC.

  • Das Harz der weiblichen Hanf-Blütenstände wird als Haschisch, Piece oder Dope bezeichnet. Haschisch hat eine dunkle Farbe, seine Konsistenz kann bröcklig oder fest sein. Für den Verkauf wird es zu Platten oder Klumpen gepresst. Haschisch enthält etwas mehr THC als Marihuana, üblicherweise etwa 12 bis 13 Prozent. Meist wird es geraucht, kann aber – wie Marihuana – auch via Wasserpfeife (Bong) konsumiert werden. Cannabisöl ist in der Schweiz wenig verbreitet. Es wird durch ein aufwendiges Destillationsverfahren gewonnen und hat einen THC-Gehalt von über 50 Prozent. Es wird Tabak, Getränken oder Speisen beigemischt – die meisten Jugendlichen kennen Space Cakes, selbst gebackene Guetzli mit berauschender Wirkung. Cannabisöl bewirkt intensive Rauschzustände, die Dosis ist allerdings nur schwer kontrollierbar.

  • Unter Bezeichnungen wie Spice oder Smoke sind synthetisch hergestellte Cannabinoide im Umlauf. Sie werden als Kräutermischungen verkauft, die angeblich als Raumduft wirken sollen. In der Tat werden diese Mischungen allerdings meist geraucht. Künstliche Cannabinoide sind gefährlich, weil sie stärker wirken als natürliches Cannabis und ihre Konzentration stark variieren kann.

Zur Autorin


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Virginia Nolan erinnert sich, dass es auf ihrem Gymnasium bereits in der 10-Uhr-Pause nach Gras roch. Heutige Teenager scheinen, wenn es ums Kiffen geht, vernünftiger zu sein. Diesen Eindruck gewann die Autorin bei ihren Gesprächen mit Jugendlichen und Experten.

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