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Familienleben

Zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus?

Plötzlich schreit jemand, und Türen werden geknallt. Kommunikation in der Familie ist eine knifflige Sache, zumal Kinder manchmal auf Durchzug schalten. Fünf Beispiele aus dem Alltag – und wie man es besser machen kann.
Text: Claudia Landolt
Sonntagmorgen, irgendwo in der Schweiz. Eine Mutter ruft: «Nein!» Das Kind stellt sich taub. «Wenn nicht, dann ...», droht die Mutter. Der Steigerungslauf elterlicher Macht beginnt.

Befehle, Drohungen, Ermahnungen. Geschrei, Machtkämpfe, Tränen: Das kennen wir doch alle. Und fragen uns: Muss das sein?
«Wir sehnen uns nach Respekt und leiden, wenn wir ihn nicht erhalten.»
Kommunikationsexperte René Borbonus
Muss es nicht, sagt Kommunikationsexperte René Borbonus. Er sagt: «Respekt ist die Grundlage von funktionierenden Beziehungen. Menschen brauchen Respekt, insbesondere auch im Eltern- Kind-Verhältnis. Wir sehnen uns nach Respekt und leiden, wenn wir ihn nicht erhalten.»
Respektvolle Kommunikation heisst, den andern «zu sehen», sich in ihn hineindenken.
Respekt kommt vom Lateinischen respicere und bedeutet: zurückblicken. «Respektvolle Kommunikation bringt zum Ausdruck, dass wir den andern sehen und seine Meinung respektieren», erklärt Borbonus. Wenn man das tue, dürfe man auch anderer Meinung sein. «Der Punkt aber ist: Wenn wir das Gefühl haben, dass wir mit unserer Meinung oder Idee nicht respektiert werden, entstehen Probleme, weil Kommunikation nur schlecht gelingt.»

Fünf Beispiele aus dem Alltag

1.Wie geht man mit Vorwürfen um?

  • Situation: «Nie darf ich ... immer muss ich!» (das Kind). «Wie oft muss sich dir noch sagen, dass ... (die Eltern). 
  • Resultat: Geschrei und Frustration. Niemand will nachgeben. 
  • Lösung: Zurück auf die Strasse der Sachlichkeit. Sich mit der Frage behelfen: «Worauf beziehst du dich?» «Woran denkst du ganz konkret?» 
  • Erklärung: Pauschalisierungen sind respektlos. Wir werden bewertet, das bereitet uns Probleme, sofern es kein Lob ist. Mit der Beobachtung passiert das nicht. Hinter jeder Bewertung steckt eine Beobachtung. Diese können wir erfragen und so mehr Ruhe ins Gespräch bringen.
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2. Wie kommuniziert man respektvoll?

  •  Situation: Das Kind ist nervös oder ängstlich, weil es anderntags eine Prüfung oder einen Auftritt hat. Es sagt: «Ich will nicht in die Schule!» Eltern antworten: «Ach komm, das ist doch nicht so schlimm, das schaffst du schon.» 
  • Resultat: Das Kind ist frustriert, fühlt sich nicht ernst genommen. Die Eltern sind genervt.
  • Lösung: Empathisch sein, den andern sehen. Sich ins Kind hineindenken, die Angst sehen und sie thematisieren. Zum Beispiel: «Ja, du bist aufgeregt, du hast Angst, den Text zu vergessen, oder es macht dir Sorgen, dass du dich blamieren könntest.» 
  • Erklärung: Eltern neigen manch­ mal dazu, unfreiwillig respektlos zu sein, indem sie bagatellisieren und sagen: «Komm, ist doch nicht so schlimm, das schaffst du schon, du hast ja schon ganz andere Sa­chen geschafft, ein Beinbruch wär jetzt schlimmer.» Das ist gut ge­meint, allerdings bedeutet es in Wahrheit: den andern nicht sehen. Wir sehen das Gefühl nicht, wir bagatellisieren es und delegitimie­ren es zusätzlich. Das Kind fühlt sich nun doppelt schlecht, zum einen, weil es Angst hat, zum an­dern, weil es sich in dieser Angst falsch wähnt, weil es als Einziges Angst hat, mit diesem Gefühl also offenbar auch nicht richtig liegt.
3. Welche Aussagen sollte man in der Familie vermeiden?

  • Situation: Der Vater ist im Bade­zimmer und putzt sich die Zähne. Routinemässig überprüft er die Zahnbürste des Sohnes. Sie ist tro­cken. Er ruft in das Zimmer des Sohnes: «Sag mal, hast du dir die Zähne geputzt?» Das Kind ruft zurück: «Ja, klar.» Der Vater zitiert ihn ins Bad und bringt ihn dazu, die Zähne zu putzen.
  • Resultat: Das Kind gehorcht, der Vater hat seine erzieherische Auf­gabe erfüllt. Besonders gut fühlen sich aber beide nicht. Denn faktisch hat der Vater seinen Sohn als Lügner entlarvt («Du hast dir dei­ne Zähne ja gar nicht geputzt!»). 
  • Lösung: «Kind, du hast dir deine Zähne noch nicht geputzt, komm bitte ins Bad, Zähne putzen.» 
  • Erklärung: Der Vater hat die Kon­sistenz seines Kindes in Frage ge­stellt, also auch dessen Glaubwür­digkeit. So entstehen in der Regel keine wirklich guten Gespräche.
4. Diskutieren wir zu viel? 

  • Situation: Die Mutter fragt das Kind nach der Schule: «Möchtest du nicht lieber zuerst Hausaufga­ben machen?» Das Kind antwor­tet: «Nein.» Nach längerer Diskus­sion sagt die Mutter: «Du machst zuerst die Hausaufgaben und gehst dann Fussball spielen.» 
  • Resultat: Das Kind ist verwirrt, die Mutter verärgert. 
  • Lösung: Sich klar werden, welches Ergebnis man will. Eine klare Aus­sage machen, ohne Begründung. 
  • Erklärung: Wir stellen zu viele Fragen. Damit verwirren wir unsere Kinder. Wenn das Kind auf obige Frage mit Nein antwortet und ich seine Entscheidung korrigiere, respektiere ich seine Entscheidung nicht. Mit meiner Frage habe ich streng genommen dem Kind einen Entscheidungsrahmen übergeben, den ich eigentlich gar nicht übergeben wollte, weil ich ja gerne hätte, dass es so entscheidet, wie ich will.
5. Muss man ein «Nein» begründen?

  • Situation: Kind: «Papa, ich möchte noch ein Gummibärchen.» Vater: «Nein, du hattest schon welche.» Kind: «Aber nur drei, und die waren alle weiss.» 
  • Resultat: Der Vater ist ratlos. 
  • Lösung: Ein Nein nicht begründen, sondern drei Schritte weiterdenken. Sagen: «Ja, Gummibärchen, das wär jetzt toll, würd ich auch gern essen, am liebsten einen ganzen Haufen. Das geht jetzt aber nicht, denn wir essen gleich. Frag mich doch nach dem Abendessen nochmals.»
  • Erklärung: Man sollte es vermeiden, ein Nein zu begründen, weil man sich damit auf weitere Diskussionen einlässt, die ärgerlich sein können. Begründet man ein Nein, geht es nur noch um den Grund, nicht um das Nein. Besser: Einen alternativen Impuls setzen und sagen: Frag mich nach dem Essen nochmals. So bleibt die Energie im Spiel. Schlimmstenfalls fragt dann das Kind: Warum nicht? Dann kann man es begründen, muss es aber nicht. Begründet man es aber, ist man da, wo man immer schon war.

René Borbonus über ...

… Entschuldigungen:

Eines der mächtigsten Instrumente in der Kommunikation. Wenn man sich richtig, aufrichtig und gut entschuldigt, hat das sehr viel Kraft. Eine gute Entschuldigung braucht drei Dinge. Erstens: die Reue. Wenn man glaubwürdig bereut, stellt das sofort wieder Vertrauen her. Zweitens: die Empathie. Dass man sagt, das hat dich getroffen, jetzt bist du traurig. Drittens: einen Plan. Glaubhaft versichern, dass es so nicht mehr vorkommt.

… Vergleiche:

Wir kritisieren oft, indem wir vergleichen: «Guck mal, wie schön Anna ihr Zimmer aufgeräumt hat!» «Der Nicolas spielt so toll Klavier, er übt jeden Tag.» Was wir damit bei unseren Kindern erreichen, ist, dass sie Anna oder Nicolas abgrundtief hassen. 

… unechte Fragen:

«Warum liegt denn dein Jacke am Boden?» Die Frage ist rein rhetorisch, denn es geht um etwas anderes: Die Jacke soll aufgehängt werden. Hintenrum verpackte Kritik nervt.

… Forderungen:

«Alle anderen dürfen, nur ich nicht.» Hier gehts nur über Emotionen. Also sagen: «Ja, das wär jetzt toll, zehn Stunden lang am Stück zu gamen. Und jetzt bist du wütend, weil du das unfair findest. Ich möchte dir aber gerne zeigen, wie ich das sehe.» Dann die Verhandlungen starten. In dem Bereich, der einem wichtig ist, jedoch unnachgiebig bleiben.

… Konflikte:

Kinder brauchen Konflikte. Das ist anstrengend und kann auch verletzen. Aber ich halte es für einen Fehler, dass Eltern Konflikte und Eskalationen vermeiden möchten. Viele Eltern sind gefangen in diesem Wellness-Anspruch. Wir sind unseren Kindern einen Streit schuldig, selbst wenn sie uns dann ein «Ich hasse dich!» entgegenschleudern oder als «schlimmste Mutter / schlimmsten Vater der Welt» bezeichnen. Das gilt es auszuhalten. Wichtig ist: Man sollte sich davon nicht beeindrucken lassen. Der hormonelle Nebel legt sich wieder.

Wie kommuniziere ich richtig – vier Tipps

  • Kurz sprechen. Je mehr wir sagen, desto mehr Widerstände bauen sich auf. 
  • Einfache Sprache. Keine Worte benutzen, die der andere nicht kennt. Gerade Kinder fragen oft nicht nach, weil sie sich keine Blösse geben wollen. 
  • Strukturiert vorgehen. Also erst den Grund sagen, dann das Ziel. 
  • Struktur hörbar machen. Also mündlich Absätze machen, wie wenn man es schriftlich auch tun würde. Die drei Ideen oder die drei Aspekte zum Beispiel erwähnen.

Zum Autor:

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René Borbonus studierte Germanistik, Psychologie und Politik, ist ehemaliger Redenschreiber und arbeitet heute als Redner, Rhetoriker und Kommunikationstrainer. Er lebt in Deutschland, ist verheiratet und hat zwei Söhne.
www.rene-borbonus.de

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