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Kindergarten

Frau Stamm, wann ist ein Kind kindergartenreif?

Der Eintritt in den Kindergarten bringt für Eltern und ihr Kind viele Veränderungen. Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm fordert: «Eltern müssen mehr loslassen». Doch was können Eltern tun, damit ihr Sohn oder ihre Tochter sich im Kindergarten wohl fühlt?
 Interview: Claudia Landolt

Frau Stamm, wie können Eltern ihr Kindergartenkind unterstützen? 

Indem sie sich auf den Rhythmus und die Bedürfnisse ihres Kindes einstellen. Für manche Mütter und Väter mag das «bünzlig» tönen, denn schliesslich fügen sich viele Kinder problemlos in die Agenda ihrer Eltern ein. Dennoch: Um sich an die neuen Strukturen zu gewöhnen, braucht ein Kind viel, viel Zeit.

Was sind die grössten Herausforde­rungen für ein Kind beim Eintritt in den Kindergarten?

Die Eingewöhnung in eine grosse, heterogene Gruppe und die Fähig­keit, sich zurückzuhalten, seine Bedürfnisse zu kontrollieren oder aufzuschieben und mit seinen Frus­trationen umzugehen, stellen die grössten Aufgaben für ein Kindergartenkind dar. Manchmal kommen noch Schwierigkeiten bei den sprachlichen und motorischen Fähigkeiten hinzu. Diese Fähigkeiten sind die Basis für die Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls, dank ihnen kann das Kind gut in einer Gruppe bestehen. Wenn es diesen Übergang schafft, wird es zukünftige herausfordernde Situatio­nen gut und erfolgreich meistern können.
Margrit Stamm ist emeritierte Professorin an der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Begabung, der Qualität in der Berufsbildung und der Förderung von Migrantenkindern. Zudem untersucht sie in einer laufenden Studie unter Müttern deren Erfahrungen mit der Delegation von Erziehungsarbeiten an Nannys. Ihr Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie begann die ausgebildete Primarlehrerin erst als 35-Jährige. Margrit Stamm ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann in Aarau.
Margrit Stamm ist emeritierte Professorin an der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Begabung, der Qualität in der Berufsbildung und der Förderung von Migrantenkindern. Zudem untersucht sie in einer laufenden Studie unter Müttern deren Erfahrungen mit der Delegation von Erziehungsarbeiten an Nannys. Ihr Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie begann die ausgebildete Primarlehrerin erst als 35-Jährige. Margrit Stamm ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann in Aarau.

Es gibt den Begriff «Kindergarten­reife». Wann ist denn ein Kind kindergartenreif?

Das Wort mag ich nicht so. Ich spre­che lieber von «Kindergartenbereit­schaft », weil ich der Ansicht bin, dass Kriterien für den Kindergartenein­tritt diskutiert werden sollten. Manche Eltern erhalten mit der Anmeldung in den Kindergarten ein Merkblatt, auf welchem steht, was das Kind schon können sollte. Das sorgt bei vielen Eltern für Verunsicherung. Ja, vor allem, wenn das Merkblatt als eine Art Forderungskatalog verstan­den wird. Es kommt also sehr darauf an, wie man ein solches Papier for­muliert. Ich wünsche mir zudem, dass man sich nicht erst bei der Anmeldung mit dem Kindergarten­eintritt beschäftigt, sondern viel frü­her; in der Familie, der Spielgruppe, in der Kita und auch in der kinder­ärztlichen Praxis. Aus der Forschung wissen wir, dass die Weichen für einen positiven Kindergarteneintritt schon viel früher gestellt werden.
«Lassen Sie Ihrem Kindergartenkind Zeit, sich an die neuen Strukturen zu gewöhnen.»
Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm 

Was sind denn die Kriterien der Kindergartenbereitschaft?

  • Erstens: dass ein Kind lernt, mit anderen Kindern in einer grösseren Gruppe zurechtzukommen, ohne dass eine erwachsene Person ständig eingreifend oder unterstützend zur Stelle ist. Die Kinder müssen lernen, selber etwas auszutragen. 
  • Zweitens: die Fähigkeit, sich in diese Gruppe einzufügen. Lernen zu warten. Ein Bedürfnis aufzuschieben. Zu akzep­tieren, dass man etwas anderes machen soll, als man selber gerade möchte. 
  • Drittens: ein gewisses Mass an Selbständigkeit. Ich höre aus Kindergärten immer wieder, dass es den kleineren Kindern Mühe bereitet, den Reissverschluss ihrer Jacke zuzu­ziehen oder die Schuhe anzuziehen. Das Anziehen ist im Kindergarten wichtig, weil die Kinder so  nach draussen gehen. 

Wenn das Kind die­se Dinge einigermassen gut kann, wirkt das positiv auf sein Selbstbewusstsein.
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Wie können Eltern dabei helfen? 

Solche Dinge kann man bewusst und spielerisch üben oder das Kind dazu anleiten. Es ist wichtig, dass das Kind merkt, dass Mama oder Papa nicht alles für es tut. Natürlich weiss ich, dass Fertigkeiten wie Anziehen oder Zähneputzen im hektischen Alltag oft genau in jenen Momenten gefor­dert sind, in denen es schnell gehen muss. Genau deshalb sollte man das an freien Tagen mit dem Kind üben. Man täte ihm damit einen grossen Gefallen.

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