Jesper Juul: Aggressionen und negative Gefühle zulassen
Entwicklung
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Auch ein blaues Auge ist notwendig

Früher, in meiner Generation, gab es die Möglichkeit, einige Stunden im Wald oder auf der Strasse mit den Nachbarskindern zu verbringen, ohne dass Erwachsene dabei waren. Niemand überwachte uns. Wir mussten uns unter uns arrangieren, Hierarchien bestimmen, Probleme lösen – und ich meine, wir haben das ganz gut gemeistert, selbst wenn es manchmal ein blaues Auge gab. Aber auch das ist im Leben notwendig.

Natürlich müssen Eltern manchmal in Konflikte eingreifen, etwa wenn es bei einem Geschwisterstreit so aussieht, dass der Jüngere physisch gefährdet ist, beispielsweise weil der Ältere mit dem Hammer auf ihn losgeht. Ich sage gewiss nicht, dass sich Erwachsene nicht um ihre Kinder kümmern sollen. Was ich Erwachsenen mitteilen möchte, ist nur: Macht eure Kinder nicht schlecht, weil sie Aggressionen haben! Denn das ist es, was sie unter anderem von euch lernen müssen: wie sie damit umgehen können.

Du kannst zum Beispiel einem kleinen Jungen, der auf seine kleine Schwester wütend ist, nicht böse sein. Er ist seit zwei Stunden mit seinen Legosteinen beschäftigt und baut ganz konzentriert einen tollen, hohen Turm. Seine kleine Schwester steht seit 15 Minuten neben ihm und schaut neugierig zu. Sie will plötzlich auch mitmachen, wirft dabei aber den ganzen Turm um. Natürlich ist der Junge stinksauer. Seine zweistündige Arbeit war umsonst – sie hat alles zunichtegemacht. All das, was er gemacht hat, hat nun keinen Wert mehr. Klar ist er nun aggressiv!
Eltern! Macht eure Kinder nicht schlecht, nur weil sie Aggressionen haben. Lehrt sie, wie sie damit umgehen können.
Die Eltern sagen ihm in so einer Situation meist Folgendes: «Du musst deine kleine Schwester verstehen. Sie wollte ja nichts Böses anrichten!» Aber das ist kein guter Einfall. Es wäre besser, ihm mitzuteilen: «Ich kann verstehen, dass du böse bist auf sie – das war ja auch ein wunderschöner Turm. Aber schlag sie deswegen nicht. Wir beide müssen uns darüber unterhalten, wie du dich in solchen Fällen vor deiner Schwester schützen kannst und wie ich dir dabei helfen kann. Sie wollte deinen Turm bestimmt nicht zerstören, aber das ist halt passiert!»

Das wäre eine fruchtbare Intervention. Der kleine Junge erfährt, dass er, wie wir alle, lernen muss, seine Grenzen zu verteidigen. Aber ihm zu sagen: «Du bist ein grosser, vernünftiger Junge und musst deine kleine Schwester verstehen!» – das ist unproduktiv!

Erwachsene sollten sich immer wieder daran erinnern, dass Kinder nicht von dem klüger werden, was du ihnen sagst. Du kannst sie belehren, soviel du willst, es wird sie nicht besonders berühren oder beeindrucken. Vielleicht folgen sie dir sogar aufs Wort, aber sie sind trotzdem innerlich nicht davon überzeugt.

Vorleben statt belehren

Überzeugen kannst du sie nur durch dein Handeln. Sie lernen mehr von dir, indem sie dich beobachten. Wenn du etwa deine Frühlingsblumen gerade gepflanzt hast und dein Mann wenige Minuten später mit dem Rasenmäher darüberfährt, hoffe ich, dass du böse wirst. Du musst durch diese Frustration hindurch, und du kannst gar nicht anders als laut werden, sonst müsstest du von dir selbst erwarten, ein Übermensch zu sein. Wie solltest du ihn, da er gerade deine Blumen niedergewalzt hat, lächelnd anschauen und zu ihm sagen: «Ich verzeihe dir!»

Niemand ist so, es sei denn Grosseltern, die bringen dieses Kunststück ab und zu fertig, ruhig und gelassen zu bleiben. Aber auch nur, weil sie ein ganzes Leben hinter sich gebracht haben, in dem sie gelernt haben, mit Aggressionen, Konflikten, Auseinandersetzungen umzugehen. Sie haben dafür 80 Jahre gebraucht, also kannst du nicht erwarten, dass ein achtjähriger Junge diese Weisheit hat. Er muss seinen Weg selber durch all das hindurch finden.
Als Erwachsene meinen wir immer, den Kindern ein gewisses Leid ersparen zu können, wenn wir sie über die Folgen eines bestimmten Handelns unterrichten. Sie müssen aber ihre eigenen Erfahrungen machen. Wenn sich zum Beispiel deine 18-jährige Tochter unsterblich in einen 25-jährigen Mann verliebt hat und du versuchst ihr klarzumachen, dass dieser nicht zu ihr passt − das haut nie und nimmer hin. Im Gegenteil: Je mehr du betonst, wie unpassend das alles ist, desto mehr wird sie sich zu ihm hingezogen fühlen. Denn sie selbst muss ihre Schlussfolgerung aus dieser Begegnung ziehen, nicht du für sie.

Es ist schrecklich, aber es ist wahr: Jeder muss das Leben leben, um es zu verstehen. Aber Eltern und Erzieher versuchen noch immer, die Kinder vor dem Leben zu schützen: Die armen Kinder sollen sich nicht verletzen, nicht traurig sein, nicht streiten. Eltern schaffen so ein künstliches Paradies für Kinder, das sie letztlich unglücklich macht, weil sie dabei lebensunfähig werden.

Jesper Juul (1948 - 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch
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  • Warum Kinder oft nicht machen, was wir wollen – und warum wir ihnen dann Zeit geben sollten. Machen Sie mal Pause 

  • Viele Eltern fragen sich nur, was sie für ihre Kinder tun können. Mütter und Väter sollten sich aber erst einmal fragen, was sie selber brauchen. Liebe Eltern, denkt mehr an euch!

  • Es gibt heute kaum noch allgemeingültige Werte, von denen Eltern ein Nein ableiten können. Sie müssen daher ihre innere Orientierung finden und authentisch sein. Nein sagen – aber richtig!

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