Elternbildung

Autorität: Wer bestimmt, wo es langgeht?

Früher herrschte Zucht und Ordnung, dann kam Laisser-faire: Heute sind pädagogische Autoritäten gefragt. Doch welche? Und wie geht das? 
Text: Virginia Nolan
Bilder: Vera Hartmann / 13 Photo
Tyrannenkinder, Heli­koptereltern, Eltern­-Burnout – wer die mediale Diskussion verfolgt, kann sich des Eindrucks kaum erwehren: Erzie­hen war nie schwieriger als heute. Eltern stehen unter Druck, heisst es, wollen alles perfekt machen, sind verwirrt ob der vielen unterschiedlichen Meinungen.

Ebenso zahlreich wie die schier unendlichen Möglichkeiten von Erziehungsmethoden und Lebensentwürfen sind die Vorwürfe der Gesellschaft an die Eltern. Einer der häufigsten lautet, dass Mütter und Väter von heute ein Problem damit hätten, Kindern Grenzen zu setzen, und der Nachwuchs als Folge davon die elterliche Autorität und die der Lehrer untergrabe.

Was hat es damit auf sich? Und: Wovon hängt es ab, ob Erziehung gelingt, ob Eltern stark und souve­rän sind? Diesen Fragen wollen wir in unserem Dossier nachgehen.

Wenn die gute Beziehung zum Kind über allem steht

Seinen Ursprung hat der Begriff der Autorität im Politischen: Die alten Römer meinten mit «auctoritas» die Führungs­- und Empfehlungsmacht des Senats, des Rats der Weisen. Autorität ist demnach mit Füh­rungsaufgaben verbunden. «Sie ist aber keine Persönlichkeitseigen­schaft, sondern eine Beziehungsleis­tung, weil sie der Anerkennung durch andere bedarf», sagt Roland Reichenbach, Professor für Allge­meine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. «Autorität hat man nicht. Sie wird einem zuge­sprochen – oder eben nicht.» Weiter setzt Autorität gemäss Reichenbach das Zuhören jener voraus, die geführt werden: Dieser Zusammen­hang verdeutliche das Verb «gehorchen», welches sich von «horchen» ableite. «Nicht umsonst heisst es, Kinder sollten auf ihre Eltern hören.»

Der Vorwurf, dass es damit hape­re, kommt nicht von ungefähr. So sagt Kinder- und Jugendpsychotherapeut Allan Guggenbühl: «Ich erlebe immer wieder Familien, in denen die Kinder das Ruder zumindest teilweise übernommen haben. Viele Eltern sind wie gelähmt, wenn das Kind sich verweigert.»
«Viele Eltern haben Mühe, kindlichen Frust auszuhalten und Regeln durchzusetzen.»
Martina Schmid, Beraterin beim Elternnotruf.
Auch Martina Schmid, Beraterin beim Elternnotruf, ortet im Umgang mit kindlichem Widerstand Unsicherheit: «Einzustehen für sich selbst und das, was ihnen wichtig ist, fällt Eltern oft schwer.» Warum? «Sie haben Mühe, kindlichen Frust auszuhalten. Sie wollen eine gute Beziehung zum Kind und glauben, dies bedeute, mit ihm gar nicht erst in einen ernsthaften Konflikt zu geraten.» Diesen Eindruck teilt Psychologe Guggenbühl: «Viele Eltern haben Angst davor, dass sie mit klaren Regeln die Beziehung zum Kind aufs Spiel setzen. Stattdessen versuchen sie es mit möglichst umfassender Bedürfnisbefriedigung

Klaus Hurrelmann, Soziologe und Jugendforscher, interpretiert diese Entwicklung als Spätfolge des Umbruchs von 1968: «Die junge Generation warf Eltern und Pädagogen damals vor, die Bedürfnisse von Kindern bereits im Babyalter zu unterdrücken, damit die Autonomie der Jugend zu blockieren und diese bereit zu machen für einen ‹autoritären Charakter›. Der Verdacht war, dass genau durch solche Erziehungsmuster das totalitäre Nazi-Regime in Deutschland möglich geworden sei.»

Es folgte die Ära der «antiautoritären Erziehung». «Diese», so Hurrelmann, «begnügte sich jedoch nicht damit, die Bedürfnisse von Kindern ernst zu nehmen, sondern rückte sie in den Mittelpunkt der Beziehung zwischen Jung und Alt. Die Kinder durften und sollten alles selbst bestimmen. Der Erziehung ging damit so allmählich jede Richtung verloren.»

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