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Elternbildung

Es braucht Mut, Kindern Freiräume zu schenken

Um sich selbst besser kennenzulernen und kreativ werden zu können, müssen sich Kinder langweilen dürfen und viel Zeit mit anderen Kindern verbringen. Doch dazu müssen sich Eltern gegen den Zeitgeist stellen.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Wenn wir Eltern Medienberichte zum Thema Freiräume für Kinder lesen, machen sich oft zweierlei Gefühle breit. Auf der einen Seite nicken wir innerlich. Vor unserem geistigen Auge ziehen Bilder auf von glücklichen Kindern, die durch den Wald streifen, Baumhütten bauen und vergnüglich in Matschpfützen hüpfen: So muss Kindheit sein! 

Auf der anderen Seite beschleicht uns das schlechte Gewissen: Haben die eigenen Kinder genügend Zeit für sich? Machen wir alles richtig? Wann waren wir das letzte Mal im Wald? Und hat es den Kindern da wirklich so gut gefallen?

Was wir auch wissen: Die Freiräume sind in den letzten Jahrzehnten kleiner geworden. Die Bevölkerungs- und Bebauungsdichte und der Verkehr haben zugenommen, und die Orte, an denen Kinder ungestört spielen können, verschwinden zu­nehmend. Gleichzeitig verbringen die Kinder viel mehr Zeit in Tagesstrukturen, Vereinen oder Sportangeboten. Ihre Freizeit wird mehr und mehr von Erwachsenen durchorganisiert.

Was braucht es, damit Kinder wieder die nötigen Frei- und Gestaltungsräume erhalten? Und was kann jeder Einzelne von uns dazu beitragen, anstatt sich nur die «gute alte Zeit» herbeizusehnen? In vielerlei Hinsicht braucht es dazu von uns Erwachsenen eine Haltungsänderung, Mut und eine Portion guter Ideen. 

Was ist, wenn etwas passiert?

Wenn wir an unsere eigene Kindheit zurückdenken, sehen wir nicht nur die glücklichen Stunden alleine mit Freunden im Wald und im Quartier, sondern auch all die brenzligen Momente und die teilweise waghalsigen Aktionen: Das Klettern auf den etwas zu hohen Baum, die Indianerspiele, bei denen mit selbstgemachten Pfeilen aufeinander geschossen wurde, zündeln und Nielen rauchen, mit dem selbstgebastelten Gefährt, bestehend aus Klappstuhl und zwei Skateboards, die Strasse runtersausen – all diese «Ich darf gar nicht daran denken, was dabei hätte passieren können»-Momente gehören zum Gesamtpaket dazu. 

Die jetzige Elterngeneration hat ein viel höheres Sicherheitsbedürfnis als unsere eigenen Eltern und Grosseltern. Wenn es uns ernst ist mit der Freiheit unserer Kinder, müssen wir uns immer wieder überwinden, unsere eigenen Ängste ein Stück weit auszuhalten. Ich bin eigentlich kein sorgenvoller Typ, aber seit ich Kinder habe, hat sich etwas verändert. Plötzlich verfüge ich über einen gut ausgebauten Gefahrenradar und sehe alles, was passieren könnte. Sich mit Warnungen zurückzuhalten und die Kinder an der «langen Leine» zu lassen, braucht immer wieder Überwindung. Vielleicht ist es hilfreich, wenn wir uns regelmässig fragen, wo wir etwas mutiger werden können, wo wir unseren Kindern mehr zutrauen dürfen.

Was geschieht, wenn ich die Kontrolle abgebe?

Kindern mehr Freiräume zuzugestehen, braucht auch deshalb Mut, weil wir die Kontrolle abgeben müssen. Eine Schulsozialarbeiterin erzählte mir, dass sie für das Abschlussfest an ihrer Schule verantwortlich war. Eines Tages entschied sie sich dafür, diese Verantwortung in die Hände der Abschlussklassen zu legen. Die Kinder der zwei sechsten Klassen erhielten ein Budget und sollten selbständig das Schlussfest vorbereiten – inklusive Bewirtung, Programm und Musik.

Die Schulsozialarbeiterin meinte: «Es war fast nicht auszuhalten. Die ersten zwei Wochen passierte einfach nichts! Sofort machten sich Zweifel breit: Sind sie mit der Aufgabe überfordert? Haben sie überhaupt Lust drauf? Was ist, wenn am Ende einfach nichts steht?» Sie hatte Angst, vor den Kollegen und den Eltern blöd dazustehen. Schliesslich sagte sie sich: «Wenn es nichts wird, dann wird es halt nichts. Ich zieh das jetzt durch. Sonst gibt es halt Chips und Cola.» Schliesslich haben die Kinder alle überrascht. Es wurde ein richtig tolles Fest mit gutem Essen und einem bunten Programm. Seither ist es an dieser Schule zur Tradition geworden, dass die Sechstklässler die Organisation des Sommerfests übernehmen.

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